Der Stralauer Fischzug, im Jahre 1806

[11] Hoch will ich den König preisen,

Der bei seines Volkes Rufen

Steigt herab des Thrones Stufen,

Frohen freundlich sich will zeigen,

Wie die Sonn' aus Wolken bricht,

Jedem strahlt und wärmt ihr Licht.


Ja der König ist der unsre,

Den wir in der Freude denken,

Der im Schrecken uns will lenken,

Wenn wir beten »Vater unser.«

Heut noch sagt, es geht in Ruh,

Morgen schließt die Thore zu.


Blaue Gondeln, rothe Wimpel

Blinken, zittern in der Spree,

Kinder wie gejagte Reh'

Springen drauf in dem Gewimmel,

Vater, Mutter müssen nach,

Treten unter's blaue Dach.[11]


Wein und Kuchen füllt den Himmel

Heut die Kinder es vergessen,

Nehmen's Ruder ganz vermessen,

Niederdrücken's mit Getümmel,

Und die Eltern schelten, lachen:

Kinder, so müßt ihr's nicht machen.


Laßt das Schwanken in dem Kahne,

Macht uns nichts als Angst und Schrecken!

Sagt die Mutter, und die Kinder

Thun ganz ernstlich, und gelinder:

Wie ihr schmutzig, muß mich schämen,

Niemals wieder euch mitnehmen.


Nun die wohlgeübten Schiffer

Schlagen schnell und gleich die Ruder,

Jagen wettend vor dem Bruder,

Und die Kähne segeln schiefer,

Mutter drückt sich an so dicht,

Fische springen silberlicht.


Eine Schlüsselbüchse brennet

Heimlich los der ältste Knabe,

Alle sich erzürnet haben,

Weil sie das Verbot wohl kennen.

Doch der eine Knabe meint,

Das sei Übung, käm' der Feind.


König ward ich in dem Schießen,

Sagt der Vater, nach dem Feinde

Schieße ich und meine Freunde.

Durch die Mauer bis sie grüßen.

Mutter sagt: Wenn still er hält,

Schießt du wie ein großer Held.[12]


»Doch viel Unglück ist geschehen,

Kinder, ihr könnt ruhig sitzen.«

Nun mit den Hollunderspritzen

Lassen sich dir Kinder sehen,

Angeln auch und fangen nichts

An dem Regenwurm gebrichts.


Bunte Häuschen, grün umzogen

Und bedeckt mit Sonnenschirmen

Sich im Kranz am See aufthürmen,

Wo der Fluß hindurchgezogen,

Deckel klappen in den Krug,

Jubel überall genug.


Fern im See der Kirchthurm ruhet

Wie ein Leuchtthurm der Gedanken,

Rings der Menschen Ströme wanken,

Und der Strom des Wassers ruhet,

Netzes Bogen schwimmt darauf,

Ohne Farben doch Glück' auf!


Fischer in zwei bunten Nachen

Ziehn das Netz, die Menge gaffet;

Doch das Fischen gar nichts schaffet,

Was sie auch für Lärmen machen.

Alle Fische springen fort,

Die bespricht kein fluchend Wort.


Seht, ein Nachen kommt in Eile,

Über dem ein Adler schwebet,

Neben dem ein Schwan sich hebet;

Rauschend sich die Wellen theilen,

Und ein Singen hell und klar

Steiget aus den Tiefen gar.[13]


Schaut, der Adler setzt die Krone

Spielend auf des Schwanes Scheitel,

Und der Schwan ist himmlisch eitel,

Brüstet sich so schön zum Lohn,

Jede Feder schwillt in Lust

An der hochgeschwungnen Brust.


Schaut wie sich die Netze füllen,

Daß die Fischer kaum sie ziehen,

Fisch vergessen zu entfliehen,

Und die Menge will sich stillen,

Ja ein Wunder stets geschieht,

Wo ein Volk in Liebe glüht.


Jeder athmet stolzer wieder,

Wenn er hört vom fremden Munde,

Auf dem ganzen Erdenrunde

Ist kein König also bieder,

Selbst aus diesem Wellenschaum

Steigt die Kön'gin wie ein Traum.


Schöner Traum, der zu uns wallet,

Zu des armen Volkes Feste

Kommt die Schönste und die Beste,

Ihr ein Lebehoch erschallet.

Bleibt in unsrer Mitte Beid,

Kühne Jugend zieh zum Streit.


Schönheit ist's, die uns bezwungen,

Muth, der uns befreiet wieder.

König sieh, wir fallen nieder,

Huld'gen dir von Treu durchdrungen,

Dieser Schwur macht frisch und jung,

Da er aus der Seele drung.[14]


Wie sich jetzt die Stadt uns zeiget,

Lieb ist uns der sichre Boden,

In dem ruhen unsre Todten,

Flamme steiget, Sonn' sich neiget,

Unsre Liebe brennt so hell,

Holt den Teufel aus der Höll'.


Hört den Antichrist erschallen,

Dessen Pfeife viele tanzen,

Die Gerechten stehn im Ganzen,

Wollen siegen oder fallen,

Wie die Schlange giftig beißt,

Treue Liebe sie zerreißt.


König, bleibt bei uns so sicher,

Vor dir her ziehn wir so tüchtig,

Werden wir den Feind ansichtig,

Denken wir an Stralau's Fischer,

Unser Netz das füllt sich gleich,

Lebe hoch, du deutsches Reich!


Hell aus den azurnen Wellen

Heben sich die Stern' im Bunde,

So die Fürsten in der Runde

Werden sich zu dir gesellen,

Dunkel scheinet Thurm und Haus,

Dennoch sind wir ohne Graus.


Kinderspiel ist nicht im Kriege,

Kinder setzet euch nun alle,

Wasser hat doch keine Balken,

Daß euch keine Nix' ankriege,

Seht, da winkte eine klar,

Perlen kämmt sie aus dem Haar.[15]


Kinder, ja nicht zu ihr dränget,

Perlen deuten ja auf Thränen

Ja die Hand nicht aus dem Kahne

In dem kühlen Wasser hänget,

Lieblich schläfert sie euch ein,

Reißt euch in den Fluß hinein.


Mutter, laß doch solche Lügen!

Sagt der Vater mit Verstande,

Nicht zum Guten, nur zur Schande

Können wir uns hier betrügen,

Unart, lästger Übermuth,

Laßt ihr, oder's thut nicht gut.


Wenn ich müßig, mag ich hören

Am Kamin dergleichen Wunder

Heller wird mir's da und munter,

Nur mit Küssen möcht' ich stören,

Auf dem Wasser ist Gefahr,

Also sag' es offenbar.


In dem Handeln sei die Klarheit,

In der Ruhe Ahndungsbilder.

So nur wird das Leben milder,

Und uns führet reine Wahrheit,

Jetzt ist alles voller Schein,

Was ist schlecht und was ist rein?


Scheinbar der Soldaten Taschen,

Scheinbar die verschnittnen Kleider,

Die Gewehre schießen leider

Gar sehr schlecht wenn gleich sehr raschen!

Kriegslust giebt es wohl beim Trunk,

Guter Wille macht nicht jung.[16]


Soll uns Unglück überkommen,

Laß es, Gott, uns wohlbestehen,

Fest wie Sterne droben stehen,

Wie wir sanft nach Haus geschwommen,

Also thut im Unglück recht,

Unglück macht oft Menschen schlecht.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 22: Gedichte, Teil 1, Bern 1970, S. 11-17.
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