Götterahnen

[168] Der Erde Könige waren

Zwei Freunde auf Sonne und Mond,

Trabanten mit schießenden Schaaren,

Mit Sternen sie wurden belohnt.


[169] Und beide, Buhlschaft zu treiben,

Zur Erde, der Sklavin, sie sehn,

Doch Junggesellen sie bleiben,

Einander im Wege sie stehn.


Sie halten Feuer in Händen

Und theilen's der Liebenden aus,

Doch ehe die Buhlschaft sie enden,

Fast gehet das Feuer schon aus.


Denn ihre Hände, sie zittern,

Die Erde das Feuer da stahl,

Um unten damit zu gewittern,

Als Herrscherin funkelnd in Stahl.


Gar tief das kränket die Alten,

Sie gehn mit einander zu Rath,

Im Winter zusammen sich halten.

Sich löschend in leuchtender That.


Sie legen aus ihren Händen

Des Feuers erneuende Kraft,

Sich unter die Thronen zu Bränden

Befreiend die Flamme da schafft.


Es brennen die heiligen Heerde

Und Sonne und Mond da erscheint,

Erheben sich schnell von der Erde,

Die Erde gar bitterlich weint.


Als sie das beide erblicket,

Da sehen die Freunde sich an,

Und steigen, die Hand sich zu drücken,

Wie feurige Kugeln hinan.


[170] Und stürzen nun hin auf die Erde,

Zu ruhen im Schooße der Braut,

Es fanden sie Hirten der Heerde,

In Tempeln die Hohen ihr schaut.


Sie haben nicht Augen und sehen,

Sie fühlen und haben kein Blut,

Wir fühlen sie ungesehen,

Doch thut uns der Anblick so gut.


Sie scheinen nun allen gelinder

Und sind wie Steine erstarrt,

Doch Ernst nur erziehet die Kinder,

Ein göttliches Leben macht hart.


Der Erde Kinder vor ihnen

Ergreifet die kindliche Zeit,

Eh Unglück der Liebe erschienen,

Eh Frühling sie wieder befreit.


Die Thronen, die leeren, sie steigen

Als Sonne, als Mond auf ab,

Noch brennet das Feuer die Reigen

Von göttlichen Zeiten herab.


Drum wendet euch nicht zu der Sonne,

Nicht wendet euch dienend zum Mond,

Auf Erden noch stehet besonnen

Die Gottheit und strafet und lohnt.


Und ließen sie nichts vom Geschlechte,

Sie schwängern im Geiste die Welt,

All jeden, der schaffet das Rechte

Als reiner ungöttlicher Held.


[171] So schwanket die Erde aus Wettern

Der dunklen chaotischen Zeit,

Die Andacht erziehet zu Göttern

Die treulich erleuchtet ihr Leid.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 22: Gedichte, Teil 1, Bern 1970, S. 168-171.
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