Die Frau von Weissenburg

[228] Aus Meißner's und Canzler's Quartalschrift für ältere Literatur. II. S. 102. Brotuff's Marsburger Chronik.


Was wolln wir aber singen,

Was wollt ihr für ein Lied,

Ein Lied von der Frauen von Weissenburg,

Wie sie ihren Herrn verrieth.


Sie ließ ein Briefelein schreiben,

Gar fern ins Thüringer Land,

Zu ihrem Ludewig Buhlen,

Daß er da käm zur Hand.


Er sprach zu seinem Knechte:

Du, sattel mir mein Pferd,

Wir wollen zur Weissenburg reiten,

Es ist nun Reitens werth.


»Gott grüs euch Adelheid schöne,

Wünsch euch ein guten Tag:

Wo ist eur edler Herre,

Mit dem ich kämpfen mag?«


Die Frau lenkt ihren Herren,

Im Schein falsches Gemüths,

Er reitet Nachts ganz späte

Mit Hunden nach dem Ried.


Da Ludewig unter die Linde kam,

Ja unter die Linde so grün,

Da kam der Herr von der Weissenburg

Mit seinen Winden so kühn.[228]


»Willkommen Herr von der Weissenburg,

Gott geb euch guten Muth,

Ihr sollt nicht länger leben,

Denn heut diesen halben Tag.«


»Soll ich nicht länger leben,

Denn diesen halben Tag,

So klag ichs Christo vom Himmel,

Der all Ding wenden mag.«


Sie kamen hart zusammen,

Mit Wort und Zorn so groß,

Daß einer zu dem andern

Sein Armbrust abe schoß.


Er sprach zu seinem Knechte:

»Nun spann dein Armbrust ein,

Und schieß den Herrn von der Weissenburg

Zur linken Seiten ein.«


»Warum soll ich ihn schießen,

Und morden auf dem Plan,

Hat er mir doch sein Lebelang,

Noch nie kein Leid gethan.«


Da nahm Ludewig den Jägerspieß

Selber in seine Hand,

Durchrannt' den Pfalzgraf Friederich,

Unter der Linden zur Hand.


Er sprach zu seinem Knechte:

»Reiten wir zur Weissenburg,

Da sind wir wohl gehalten,

Nach unserm Herz und Muth.«[229]


Da er nun gegen die Weissenburg kam,

Wohl unter das hohe Haus,

Da sah die falsche Fraue,

Mit Freuden zum Fenster aus.


»Gott grüs euch, edle Fraue,

Bescher euch Glück und Heil,

Eur Will, der ist ergangen,

Todt habt ihr euren Gemahl.«


»Ist denn mein Will ergangen,

Mein edler Herre todt,

So will ichs nicht eher glauben,

Ich seh denn sein Blut so roth.«


Er zog aus seiner Scheiden,

Ein Schwerdt von Blut so roth;

»Sieh da, du edle Fraue,

Ein Zeichen von seinem Tod.«


Sie rang ihr weisse Hände,

Rauft aus ihr gelbes Haar:

»Hülfreicher Christ vom Himmel,

Was hab ich nun gethan!«


Sie zog von ihrem Finger,

Ein Ringelein von Gold:

»Nimm hin, du Ludewig Buhle,

Gedenk da meiner Huld.«


»Was soll mir doch das Fingerlein,

Das veracht gewonnen Gold,

Wenn ich daran gedenke,

Mein Herz wird nimmer hold.«[230]


Des erschrack die Frau von der Weissenburg,

Faßt einen traurigen Muth:

»Verlaß mich holder Fürste nicht,

Mein edler Herr ist todt.«


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 1, Stuttgart u.a. 1979, S. 228-231.
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