Die Königstochter aus Engelland

[182] Kirchengesänge. Cölln 1625. S. 672.


Vionetus in Engelland

War König mächtig sehr,

Sein Tochter, Ursula genannt,

Der Jungfrauschaft ein Ehr;

Weil sie mit Christi Blut erkauft,

Und nach des Höchsten Will getauft,

Hat sie sich ihm vermählt allein,

In Keuschheit stets zu dienen rein.


Sieh da, eins Heidnischen Königs Sohn,

Nach Ursula stand sein Sinn,[182]

Fragt, ob sie wollte seinen Thron,

Als seine Königin?

Verhieß ihr Land und wilde See,

Sehr große Schätze zu der Eh',

Sonst wollt er streiten mit Gefahr

Um ihre schöne Jugend klar.


Als Vionetus dies erhört,

Bekümmert er sich hart,

Sein Reich wollt halten unzerstört

Von Heiden böser Art,

Darzu sein Tochter fromm und schön,

Wollt er dem Mann nicht zugestehn,

Jedoch des Fürsten Drohwort groß,

Dem Herzen sein gab harten Stoß.


Ursula in ihr Zimmer trat,

Ausgoß vor Gott ihr Herz,

Sich in des Herren Willen gab,

Ohn Trauren und ohn Schmerz;

In einen Schlaf fiel sie zur Hand,

Alsbald ihr Gott ein Engel sandt,

Derselbig bracht ihr gute Mähr,

Was Gott der Herr von ihr begehr.


Nachdem sie wohl war unterricht,

Durch Engelische Lehr,

Von Stund zu ihrem Vater spricht,

Mit fröhlicher Gebärd:

»Sey nicht betrübt, Gott ist mit uns,

Vor ihm besteht kein Macht, noch Kunst,

Kein Mensch mag je verlassen seyn,

Der nur auf ihn vertraut allein.[183]


Ich will den Jüngling nehmen an,

Doch unter dem Beding:

Daß du sammt meinem Bräutigam

Verschaffest mir geschwind,

Zehn Fürstliche Jungfräulein zart,

Zu den Eilftausend guter Art,

Adlich, jung, schön und tugendreich,

Zu Gottes Ehr, im Himmelreich.


Dazu eilf Schiff gar wohl versehn

Mit Rüstung allerhand,

Daß wir drey Jahr von dannen ziehn,

So fern in fremde Land,

Und unsrer Keuschheit heilgen Preis

Erhalten rein durch diese Reiß,

Dem Bräutigam im Himmels-Thron,

Herrn Jesu Christ, Mariä Sohn.«


Da nun der König dies verstund,

Ward er von Herzen froh,

Der Heiden Botschaft in der Stund

Sprach unverzaget zu:

»Will euer Fürst mein Tochter han,

So soll er sich erst taufen lahn,

Und geben Jungfraun edler Art,

Und Schiffe zu der großen Fahrt.«


Die edle Botschaft Urlaub nahm,

Wohl zu derselben Weil,

Zu ihres Königs Sohne kam

Geschwind in aller Eil,

Da hielt man Spiel und Freuden-Fest,

Der junge Prinz erkennen läst,[184]

Er sei bereit ein Christ zu sein,

Und sich gar bald zu stellen ein.


Eilend die Könge gleicher Hand,

Die eilf Schiff kaufen ein,

Erkiesen auch durch ihre Land,

Die Zahl der Jungfräulein;

Da schauet man viel junges Blut,

An Ehr und Adel trefflich gut,

Sie eilen nun in wenig Tag,

Der neuen Königin schon nach.


St. Ursula sie froh umfangt,

Die edelen Gespielen gut,

Dem lieben Gott von Herzen dankt,

Für all dies keusche Blut,

Zeigt ihnen ihr Vorhaben an,

Gab allen auch recht zu verstehn,

Was zu der Seeligkeit gehör,

Damit sie nie die Sünde stör.


Sie nahmen all den Glauben an,

Und liebten Keuschheit sehr,

Das Vaterland auch gern verlahn,

Und gaben sich aufs Meer,

Da schifften sie sich fröhlich hin,

Zu suchen geistlichen Gewinn,

Jezt kommt ein Wind von Gottes Hand,

Der sezt sie an ein fremdes Land.


Den Rheinstrom sie da ohne Schad

Auffuhren sicherlich,

Bis sie nach Cölln zur heilgen Stadt,[185]

O Cölln, des freue dich!

Zu Ursula da ein Engel schon

Sagt: »Reiset fort und kommt gen Rom,

Verrichtet eure Andacht dort,

Kehrt wieder dann zu diesem Ort.«


Des andern Tags am Morgen früh,

Sprach sie so gnadenreich:

»Was mir verkündet in der Ruh,

Das höret an zugleich,

Wir ziehn gen Rom und wieder her,

Nach Gottes Will und Engelslehr;

Für Alles wird uns dann zu Lohn,

Jungfraulichkeit und Marterkron.«


Da hört man von den Jungfraun schön,

Danksagung und groß Lob,

Daß Gott sie wollt zu sich erhöhn,

Durch Noth und Märtrer-Tod.

Gen Basel schifften auf dem Fluß,

Dann giengen sie zu Fuß,

Bis daß sie kommen in die Stadt,

Da Petrus seinen Sitz noch hat.


Als sie ihr Andacht da verricht

In jungfräulicher Still,

Sie haben sich zurück gericht,

Gen Cölln nach Gottes Will;

Von Hunnen da mit Schwerdt und Pfeil

Getödtet sind zu ihrem Heil,

Darum sie jezt mit Engeln rein,

Hell singen, jubiliren fein.[186]


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 1, Stuttgart u.a. 1979, S. 182-187.
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