1. Jungfrau und Wächter

[373] Aus einer Sammlung ungedruckter Minnelieder

im Besitz von C.B.


Von hoher Art ein Fräulein zart,

Hört ich dem Wächter klagen,

Aus Herzens-Qual, zum erstenmal

Wollt sie die Liebe wagen,

Sie sprach: »Geselle mein Ungefälle

Ist nah und bringt mir Schmerzen,

Ach Wächter gut, ein argen Muth

Trag ich in meinem Herzen.«[373]


»Einem werthen Mann, dem wünsch, ich an,

Viel Glück und Heil mit Treuen,

Sein Tugend groß findt niemand blos,

Auf ihn ist wohl zu bauen,

Daß er wohl sey alles Wandels frey,

Ein Mann von hohen Ehren.«

»O Wächter mein, mag es wohl seyn,

So hilf mir Freude mehren.


Gut, Wächter! ich kann ihn ohne dich,

In mein Gemach nicht bringen,

O wolle mir nach meiner Begier,

Mein Leid nun helfen wenden,

Ich sag fürwahr, daß immerdar

Mit Gab ich dir's vergelte,

Kömmt er herbey, gut Wächter frey,

Den Gast gen niemand melde.«


Der Wächter sprach: »Zart Frau ich lach,

Thut mirs nicht übel kehren,

Meine Treu ich gab auf all mein Hab

Ein Eid mußt ich wohl schwören,

Und mit der Hand ich mich verband,

Des Herren Schad zu wenden,

Frau, daß ich thu, muth mir nicht zu,

So darf mich niemand schelten.


Mein Herr gebot mir auf den Tod,

Da er von hier wollt scheiden,

Zu wachen wohl, ich Wächter soll

Es thun bey meinem Eide,

Er sprach: Mit Schall sing, ruf und kall,

Sey munter an der Zinnen,[374]

Hab in der Hut, mein Schloß und Gut,

So lang ich bin von hinnen.


Er sprach noch mehr, bey Treu und Ehr,

Thu's ehrlich mit mir meinen,

Wollt hier ein Gast eindringen fast,

So werf ihn todt mit Steinen,

Falsch Weg und Steg mit Sorg verleg,

Den Schaden mein zu wehren,

Hüt Wächter recht, getreuer Knecht,

Dein Gut will ich dir mehren.


Frau, ihr wißt wohl, daß ich nicht soll,

Thun Schaden mit Untreuen,

Dem Herren mein, es brächt mir Pein,

Und würd mich selbsten reuen.«

»Deinem Ungefäll, Wächter Gesell,

Will ich nun wohl vorkommen,

Folg meiner Lehr, mein Jungfrau Ehr

Soll mir seyn unbenommen.


Dazu dein Leib soll durch mich Weib,

Mit Lieb wohl seyn behütet,

Du siehest sonst das Mägdlein nie

Die hoch dein Lieb vergütet,

Der werthe Gast dein Leid und Last

Wird nehmen mit von hinnen,

Das Mägdlein gut, bringt dir den Muth,

Laß uns all drey gewinnen.«[375]


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 1, Stuttgart u.a. 1979, S. 373-376.
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