Vogel Phönix

[245] Aus einem alten Buche ohne Titel.


Phönix, der edle Vogel werth,

Hat seines Gleichen nicht auf Erd,


Um seinen Hals ist's goldgelb klar,

Sein Leib und Flügel Purpur gar;


Hat auf dem Haupte eine Kron,

Der höchste Baum sein hoher Thron.


Er wohnt und lebet lang allein,

Dann stellen sich viel Vögel ein.[245]


Die Vögel sammeln für ihn frey

Den Weihrauch und die Specerey,


Von edlem Holz wohlriechend Aest,

Sie machen aus dem alln ein Nest.


Dann schwingt er drüber sein Gefieder

Am Sonnenglanze auf und nieder.


Wenn er das Rauchwerk so gezündt,

Die Flamme sich zur Höhe windt.


Dann läßt er sich herab zur Gluth,

Verbrennt sich willig wohlgemuth.


Alsdann in seiner Asche wird

Ein leuchtend Würmlein erst formirt,


Darnach ein Vogel rein und pur,

Dem vor'gen gleich in der Natur.


Christus, des Himmels Phönix rein,

Hat so gewohnt auf Erd' allein,


Ein Adler stark, der überwand

Höll, Teufel, Sünd und Todesband.


Sein Gottheit ist die güldne Farb,

Und sein Verdienst uns Heil erwarb.


Das Purpur-Kleid er hat auch an,

Auf seinem Haupt die Dornenkron.


Aus rechter Lieb inbrünstiglich

Er opfert darauf willig sich.[246]


Und man begrub ihn ehrlich frey,

Mit köstlich edler Specerey.


Also des Himmels Phönix lag,

Im Grab, bis an den dritten Tag,


Alsdann er wieder lebend wurd'

Durch seine ew'ge Geistsgeburt.


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 1, Stuttgart u.a. 1979, S. 245-247.
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