2. Epistel

[55] Einen freundlichen Gruß,

Der in das Herze soll und muß;

Der Gruß liegt begraben,

Zwischen zwey goldenen Buchstaben,

Der eine heiß: Eine Perle fein,

Ich kann nicht Herzallerliebste stets bey dir seyn!

Der andre heiß: Sammet und Seiden,

Mein Schatz soll andre Junggesellen meiden.

Ich habe einen heimlichen Bothen ausgesandt,

Der dir und mir ist wohlbekannt,

Das Täublein thu ich bitten

Mit tugendlichen Sitten,

Daß es soll mein Bothe seyn

Und sagen zu der Liebsten mein:

Ich grüß sie heimlich in der Still

Und trau den falschen Zungen nicht viel,

Grüße nur ihr Mündlein roth und weiß,

Welches ist gezieret mit ganzem Fleiß,

Grüße sie durch grasgrünen Klee,

Nach ihr thut mir mein Herz so weh.

Ich wünsche ihr soviel gute Tage und Augenblick,

Als ich des Nachts Sterne am Himmel erblick.

Ich wünsche meiner Herzliebsten ein Haus

Mich zu ihr immer ein und aus,

Von Kristallen eine Thür,

Und von Nägelein einen Riegel dafür,

Von Sammet und Seiden ein Bett,

Das ist ihr zarter Leib wohl werth.

Wir leben beide auf dieser Erden,[55]

Ach, daß sie bald man eigen möcht werden.

Eh ich meine Herzvielgeliebte wollt laßen,

Eh sollt mein Herz ein Pfeil durchstoßen;

Eh ich meine Herzallerliebste wollt meiden,

Eh sollt mein Herz eine Säge durchschneiden.

Es kann keiner seyn so behend,

Der von der Liebe könnt schreiben ein End;

Sie ist mein Morgen und Abendstern,

Meine Augen sehn sie allezeit gern;

Ich sitze beym Trinken oder Essen,

So kann ich meine Herzallerliebste nicht vergessen;

Wenn ich sie seh voll Freuden schweben,

So freuet sich mein ganzes Leben.

Herzallerliebste, ich laß nicht von dir ab,

Bis man mich träget ins kühle Grab.

Herz in Herz geschlossen,

Pfeil in Pfeil gestoßen,

Lieb in Lieb verpflicht,

Herzallerliebste verlaß mich nicht;

Denn mein Herz ist ein Diamant,

Dein und meine Liebe scheidet niemand.

Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön,

Als wenn zwey verliebte Seelen beysammen thun stehn.

Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß,

Als zärtliche Liebe von der niemand weiß.

Setz du mir einen Spiegel ins Herze hinein,

Damit du kannst schauen, wie treu ich es mein.

Nun Täubchen schwing die Flügel,

Bring frohe Botschaft wieder.[56]


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 55-57.
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