Aussicht in die Ewigkeit

[402] Fliegendes Blat


O wie gehts im Himmel zu

Und im ewigen Leben,

Alles kann man haben gnug,

Darf kein Geld ausgeben,

Alles darf man borgen,

Nicht fürs Zahlen sorgen;

Wenn ich einmal drinnen wär,

Wollt nicht mehr heraus begehr.[402]


Fällt im Himmel Fasttag ein,

Speisen wir Forellen,

Peter geht in Keller nein,

Thut den Wein bestellen;

David spielt die Harpfen,

Ulrich bratet Karpfen,

Margareth backt Küchlein gnug,

Paulus schenkt den Wein in Krug.


Lorenz hinter der Küchenthür,

Thut sich auch bewegen,

Tritt mit seinem Rost herfür,

Thut Leberwürst drauf legen,

Dorthe und Sabina,

Liesbeth und Cathrina

Alle um den Heerd rum stehn,

Nach den Speisen sie auch sehn.


Jezt wolln wir zu Tische gehn,

Die beste Speis zu essen,

Die Engel um den Tisch rum stehn,

Schenken Wein in d' Gläser.

Sie thun uns invitiren,

Der Barthel muß transchieren,

Joseph legt das Essen vor,

Cäcilia b'stellt ein Musikchor.


Martin auf dem Schimmel reit,

Thut fein gallopiren,

Blasi hält die Schmier bereit,

Thut die Kutschen schmieren,

Wären wir ja Narren,

Wenn wir nicht thäten fahren,[403]

Und thäten alle weil zu Fuße gehn,

Und ließen Roß und Kutsche stehn.


Nun adje du falsche Welt,

Du thust mich verdrießen,

Im Himmel mir es besser g'fällt,

Wo alle Freuden fliessen.

Alles ist verfänglich,

Und alles ist vergänglich,

Wenn ich einmal den Himmel hab,

Hust' ich auf die Welt herab.


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 402-404.
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