Der Staar und das Badwännelein

[276] in der Spinnstube eines hessischen Dorfs aufgeschrieben.


Herr Konrad war ein müder Mann,

Er band sein Roß am Wirthshaus an.


Das Mägdlein sprach, steig ab, steig ab,

Ihre Aeuglein schwankten auf und ab.


Ach Jungfer liebste Jungfrau mein,

Schenk mir ein Becher kühlen Wein ein.


Ach Herre, lieber Herre mein!

Ich bring ein Becher kühlen Wein.


Trink ab, trink ab du rother Mund,

Trink aus den Becher auf den Grund.


Frau Wirthin, liebe Frau Wirthin mein,

Ist dies fürwahr euer Töchterlein?[276]


Mein Töchterlein ist sie nicht fürwahr,

Sie ist mein Magd für immerdar.


Wollt ihr mir sie leihen auf eine Nacht?

So will ich euch geben des Goldes Macht.


Wollt ihr mir geben des Goldes Macht,

Will ich sie euch leihen auf eine Nacht.


Nun richt dem Herrn ein Fußbad an,

Mit Rosmarin und Majoran.


Sie ging in Garten und brach das Kraut,

Da sprach der Staar, »o weh du Braut,


In dem Badwännelein ist sie hergetragen,

Darin muß sie ihm die Füße zwagen,


Der Vater starb in Leid und Noth,

Die Mutter grämt sich schier zu todt.


O weh du Braut! du Findelkind,

Weißt nicht wo Vater und Mutter sind.«


Da trug sie das Badwännelein,

Wohl in des Herrn Schlafkämmerlein.


Sie fühlt hinein, obs nit zu warm,

Und weint dazu, das Gott erbarm!


Ach meine Braut was weinst du dann?

Bin ich dir nicht gut für einen Mann.[277]


Du bist mir gut für einen Mann,

Ich wein über, was der Staar mir sang.


Ich war im Garten und brach das Kraut,

Da sang der Staar: o weh du Braut!


In dem Badwännelein ist sie hergetragen,

Darin muß sie ihm die Füße zwagen.


Der Vater starb in Leid und Noth,

Die Mutter grämt sich schier zu todt.


O weh du Braut, du Findelkind,

Weißt nicht, wo Vater und Mutter sind.


Da sah der Herr das Badwännelein an,

Da war das burgundische Wappen dran.


Das ist meines Herrn Vaters Schild allein,

Wie kommt dies Wännlein ins Wirthshaus herein?


Da sang der Vogel am Fensterladen:

»In dem Badwännelein ist sie hergetragen


O weh du Braut, du Findelkind!

Weist nicht, wo Vater und Mutter sind.«


Herr Konrad sah an ihren Hals,

Da hatte sie ein Muttermahl.


Grüß Gott, grüß Gott mein Schwesterlein.

Dein Vater ist König an dem Rhein.[278]


Christina heißt deine Mutter,

Konrad dein Zwillingsbruder.


Da knieten sie nieder auf ihre Knie,

Und dankten Gott bis morgens früh.


Daß er sie hielt von Sünden rein,

Durch den Staar und das Badwännelein.


Und als zu morgen kräht der Hahn,

Frau Wirthin fängt zu rufen an.


Steh auf, steh auf du junge Braut,

Kehr deiner Frau die Stube aus.


Sie ist fürwahr keine junge Braut,

Sie kehrt der Wirthin die Stube nicht aus.


Herein Frau Wirthin nur herein,

Nun bringt uns einen Morgenwein.


Und als die Wirthin zur Stube eintrat,

Herr Konrad sie gefraget hat:


Woher habt ihr das Jungfräulein?

Sie ist eines Königs Töchterlein.


Die Wirthin ward bleich als die Wand,

Der Staar verrieth da ihre Schand.


In einem Lustgarten im grünen Gras

Das Kind in dem Badwännelein saß.[279]


Da hat die bös' Zigeunerin

Gestohlen das zarte Kindelein.


Herr Konrad war so gar entrüst,

Sein Schwerdt er durch ihre Ohrlein spießt.


Er bat sein Schwesterlein um einen Kuß,

Ihr Mündelein reicht sie ihm mit Lust.


Er führt sie bey der schneeweißen Hand

Und hob sie auf den Sattel bald.


Das Wännelein trug sie auf dem Schooß,

Da ritt er vor der Frau Mutter Schloß.


Und als er in das Thor eintritt,

Die Mutter ihm entgegen schritt.


Ach Sohne, lieber Sohne mein,

Was bringst du für eine Braut herein.


Sie führt das Wännelein ja zur Hand,

Als ob sie mit einem Kinde gang.


Es ist fürwahr keine junge Braut.

Es ist euer Tochter Gertraut


Und als sie von dem Sattel sprang,

Die Mutter in ein Ohnmacht sank.


Und als sie wieder zu Sinnen kam

Ihr Tochter sie in die Arme nahm.[280]


Laß sie sichs eine Freude sein,

Ich bin Gertraut ihr Töchterlein.


Heut sind es fürwahr 18 Jahr,

Daß ich der Frau Mutter gestohlen war.


Und ward getragen übern Rhein

In diesem kleinen Badwännelein.


Und als sie sprach, da kam der Staar,

Und sang die Sach ganz offenbar.


Und sang: »O weh mein Ohr thut weh,

Ich will keine Kinder stehlen mehr.« –


»Ach Goldschmidt lieber Goldschmidt mein,

Nun schmiede mir ein Gitterlein.


Schmied mirs wohl vor das Badwännlein,

Das soll des Staaren Wohnung seyn.«


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 276-281.
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