4. Die Feder im Bart

[311] Nicht aber lang zu dieser Zeit

Im ganzen Land ist große Freud,

Der Herzog Heinrich ist zurück,

Und hat gestört der Freier Glück,

Und nach dem Meßhauß in der Stadt,

Er allen Adel zu sich bat.

Auch Thedel kam im neuen Kleid,

Der Herzog ihn erkannt von weit,

Auch gab ihm seine Gnad die Hand,

Und dankte ihm, wie allbekannt.

Sie assen, tranken allzumal,

Und waren guter Ding im Saal,

Auch über Essen ward gesungen,

Darnach gerungen und gesprungen,

Getanzt, gefochten und tornirt,

Auf Trommel und auf Pfeif hofirt;

Herr Thedel wollt dabey stets seyn,

Und sollts ihm kosten Arm und Bein.

Im Rennen, Torniern und Stechen,

Im Schwerdt und Spieß zerbrechen

Ward keiner mehr gesehen,[311]

Der ihn noch wollt bestehen.

Es rief ein jeder Edelmann,

Daß er das beste hab gethan.

Der Herzog gab ein Kleinod fein,

Gemacht aus Gold und Edelstein,

Und sagt, daß er Gefallen hab

An seinem Roß, schwarz wie ein Rab,

Weil er von seinem schwarzen Pferd

Noch nie gefallen auf die Erd.

Herr Thedel sprach: »Es ist dies Pferd

Weils Nachricht bracht der Fürstin werth,

Von euch Herr Herzog mir sehr theuer,

Drum hassens ihre Räth und Freyer.«

Der Fürst fing ihn zu loben an,

Und pries ihn da vor jedermann.

Ein Jungfräulein reicht ihm den Kranz

Und führet ihn so drat zum Tanz,

Und wie er zu dem Tanz hintrat

Gedacht er in dem Herzen drat:

»Ich dank dir Gott zu dieser Frist,

Daß du mein Hülf und Tröster bist,

Herr Jesu Christ, Lob, Ehr und Preis,

Dem heilgen Geist in gleicher Weis!«

Als nun der Thedel unverfehrt

Vor andern ward so hochgeehrt,

Da ward ein Neider aus dem Freund,

Der wollt ihm schlimmer als der Feind.

Der Herzog fragt: »Ob Unverfehrt

Wohl irgend zu erschrecken wär?«

Der Neider sprach: Ich hab eins funden,

Wenn morgen kommt zur Kirch die Stunde

Steckt eine Feder dünn und klein

In eures Bartes Haar hinein,[312]

Wird dann Herr Thedel zu euch kommen,

Er hätt sie gern herausgenommen;

Ihr gebt das zu, doch greift er drin,

Die Feder aus dem Bart zu ziehn,

So beisset schnell nach seiner Hand,

Ich setze meine Seel zum Pfand,

Er wird die Hand zurücke ziehn,

Und in dem ersten Schrecken fliehn.

Dem Fürsten wohl gefiel der Rath,

Den ihm der Mann gegeben hat,

Die Feder in den Bart er steckt,

Wie er vom Schlafe war erweckt,

Als morgens er zur Kirche ritt,

Er nahm sein Hausgesinde mit,

Auch unser fromme Thedel kam

Und seine Stell beym Fürsten nahm,

Fein tapfer kam daher getreten,

Mit seines Fürsten ersten Räthen

Und ward der Feder bald gewahr,

Die in des Fürsten Bart steckt dar.

Der unerschrockne Unverfehrt

Trat da zu ihm, wohl vor sein Pferd,

Der Fürst sich da nicht anders stellt,

Als ob er ihm zusprechen wöllt,

Und neiget sich zum Unverfehrt,

Der ihm mit sittlicher Geberd,

Nach seiner Feder tasten thät,

Meint, daß er sie ergriffen hätt;

Der Herzog biß ihm nach der Hand,

Dafür er auf der Backe fand,

Ein Schlag, und der war über gut,

Das thät er aus bewegtem Muth.

Herr Thedel sprach mit zorngem Mund:[313]

»Sind eure Gnaden worden ein Hund?«

Der Fürst allda sprach zu der Frist:

»Ganz recht von dir geschehen ist,

Wenns uns ein andrer hätt gethan,

Wir wolltens ungestraft nicht lahn,

Von einem Narren ists gekommen,

Daß schlechten Rath wir angenommen,

Der uns den Rath gegeben hat,

Der packe sich von Hof und Stadt,

Du Thedel, unerschrockner Mann

Hast recht bezahlt und gut gethan.«


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 311-314.
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