Wächter hüt dich bas

[241] Fliegendes Blatt. Nürnberg bei Valentin Neuber um 1500.


Es wohnet Lieb bey Liebe,

Dazu groß Herzeleid,

Ein edle Herzoginne,

Ein Ritter hochgemayt,

Sie hätten einander von Herzen lieb,

Daß sie vor grosser Hute

Zusammen kamen nie.


Die Jungfrau, die war edel,

Sie thät ein Abendgang,

Sie ging gar traurigliche,

Da sie den Wächter fand;

O Wächter mein trit her zu mir,

Selig will ich dich machen,

Dürft ich vertrauen dir.


Ihr sollet mir vertrauen

Zart edle Jungfrau fein,

Doch fürcht ich nichts so sehre,

Als eures Vaters Grim.

Ich fürchte eures Vaters Zorn,

Wo es mir misselungen,

Mein Leib hab ich verlorn.


Es soll uns nicht mißlingen,

Es soll uns wohl ergehn,

Ob ich entschlafen würde,

So weck mich mit Getön,

Ob ich entschlafen wär zu lang,[241]

O Wächter, traut Geselle,

So weck mich mit Gesang.


Sie gab das Geld dem Alten,

Den Mantel an sein Arm.

»Fahrt hin mein schöne Jungfraue

Und daß euch Gott bewahr,

Daß er euch wohl behüt!«

Es kränkt demselben Wächter

Sein Leben und Gemüth.


Die Nacht, die war so finster,

Der Mond gar lützel scheint,

Die Jungfrau, die war edel,

Sie kam zum hohlen Stein,

Daraus da sprang ein Brünnlein kalt,

Auf grüner Linde drüber

Frau Nachtigal saß und sang.


»Was singest du Frau Nachtigal,

Du kleines Waldvögelein,

Woll mir ihn Gott behüten,

Ja da ich warte sein,

So spar mir ihn auch Gott gesund,

Er hat zwey braune Augen,

Dazu ein rothen Mund.«


Das hört ein Zwerglein kleine,

Das in dem Walde saß,

Es lief mit schneller Eile

Da es die Jungfrau fand.

Ich bin ein Bot zu euch gesandt,

Mit mir sollt ihr gleich gehen,

In meiner Mutter Land.[242]


Er nahm sie bey den Händen,

Bey der schneeweissen Hand,

Er führt sie an das Ende,

Wo er sein Mutter fand.

»O Mutter, die ist mein allein,

Ich fand sie nächten spät

Wohl bey dem hohlen Stein.«


Und da des Zwergleins Mutter

Die Jungfrau recht ansah:

»Geh führ sie wieder geschwinde,

Da du sie funden hast.

Du schaffst gros Jammer und gros Noth,

Eh morgen der Tag hergehet,

So sind drey Menschen todt.«


Er nahm sie bey den Händen,

Bey der schneeweissen Hand,

Er führt sie an das Ende,

Wo er sie funden hat.

Da lag der Ritter verwundet in Tod,

Da stand die schöne Jungfraue,

Ihr Herz litt grosse Noth.


Sie zog aus seinem Herzen

Das Schwerdt und stieß es in sich:

»Und hat es dich erstochen,

So stech ichs auch in mich;

Es soll nun nimmer kein Königs Kind

Um meinetwillen sterben,

Sich morden mehr um mich.«


Und da es morgens taget,

Der Wächter hub an und sang:[243]

»So ward mir nie kein Jahre,

Kein Nacht noch nie so lang,

Denn diese Nacht wollt nicht vergehn.

O reicher Christ vom Himmel,

Wie wird es mir ergehn.«


Und das erhört die Königin,

Die auf dem Bette lag.

»O höret edler Herre,

Was ist des Wächters Klag,

Wie ihm die Nacht doch hätt gethan,

Ich fürcht, daß unsre Tochter,

Die hab nicht recht gethan.«


Der König zu der Königinn sprach:

»Zünd an ein Kerzlein licht,

Und lug in alle Burge,

Ob ihr sie findet nicht,

Kannst du sie in dem Bett nicht sehn,

So wirds demselben Wächter

Wohl an sein Leben gehn.«


Die Königinn war geschwinde,

Sie zündt ein Kerzlein licht,

Sie lugt in alle Burgen,

Sie fand die Tochter nicht.

Sie thät ins Bette sehn,

O reicher Christ vom Himmel

Wie wird es heut ergehn.


Sie liessen den Wächter fahen,

Sie legten ihn auf den Tisch,

In Stücken thut man ihn schneiden,[244]

Gleich wie ein Salmenfisch.

Und warum thäten sie ihm das,

Daß sich ein andrer Wächter

Sollt hüten desto bas.


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 241-245.
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