Vorbote des jüngsten Gerichts

[192] Nach Procop.


Pater Friedrich Procop, Kapuziner der Oesterreichischen Provinz, zu Templin, in der Mark Brandenburg, gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts geboren; zu seiner Zeit ein berühmter Redner und Dichter, (seine weitläuftigen Schriften erhielten mehr von Auflagen) durch den Religionsstreit in der Geschichte der Dichtkunst, wie so manche andere vergessen, in dem ersten und zweyten Bande des Wunderhorns durch Proben einiger seiner zierlichsten Lieder wieder bekannt gemacht; schließt seine Abschiedsrede mit folgenden Versen.[192]


Nun lob mein Seel den Herren gut,

Deß Weisheit so regieren thut;

Daß alles in der ganzen Welt,

So süß und lieblich ist bestellt.

Ganz gnädiglich mich Würmlein arm

Beruft er aus des Luthers Schwarm;

Fürwahr durch wunderliche Weg,

Als ich oft nachzudenken pfleg.


Er mich versorgt zu seinem Ruhm,

Im Ordensstand und Priesterthum;

Begabt mich mit so viel Verstand,

Daß ich das Weiß von Schwarz erkannt.

Die Bibel und die heilge Schrift,

So viel das Predigtamt betrifft,

Wolt er, daß ich begreifen must,

Verlieh dazu mir Lieb und Lust.


Ich predigt vier und zwanzig Jahr,

Bis ich an Kräften abnahm gar;

Die Kanzel ich dann fahren ließ,

Mein Obrigkeit mir selbst es hieß.

Und wagte mich an dieses Werk,

Dazu mir Gott gab Gnad und Stärk;

Viel mehr als ich gehoffet hätt,

Maria Hülf mich trösten thät.


Was ich gelehrt mit Zung und Mund,

Auch selbst geglaubt von Herzensgrund;

Das bracht ich fleißig zu Papier,

Der Leser kann es finden hier.

Vermein es manchem dienen soll,

Der sich des mag gebrauchen wohl;[193]

Der Predigten ist groß die Zahl,

Daraus man hat die freye Wahl.


Gar vielmals hat man wenig Zeit,

Leidt auch nicht die Gelegenheit,

Daß man erst lang studieren thu,

Geschäfte lassen es nicht zu.

Nehm er nur meine Bücher her,

So hat er schon gnug gut Lehr;

Zu Dank sag er nach meinem Tod,

Nun mein Procop, nun gnad dir Gott!


Gesänge macht ich allerley,

Versah sie mit der Melodey;

Damit theil ich die Predigt ab,

Niemand dran Mißgefallen hab,

Sing oder brauch ein Instrument,

Doch mittlerweil zu Gott dich wend;

Dies war allein mein Zweck und Ziel,

So hast ein nützlich Musickspiel.


Einstmals war ich ein Wandersmann,

Reisend durch fremde Land,

In eine Stadt ich käme an,

Wo ich nicht war bekannt;

Ich war so müd und ja so matt,

Daß ich kaum essen mocht,

Mich dünkt, ich war vorhin schon satt,

Eh noch was ward gekocht.

Ich ließ das jüngst Gerichte,

Und legt mich auf das Stroh,[194]

Wohl mit dem Angesichte,

Wie ich denn pflegte so.


Ich lag gar sanft geschlummert ein,

Und gleich im besten Schlaf,

Erquickte fein die Glieder mein,

Als wie ein müdes Schaf;

Da hebt sich an ein grosser Lerm,

Es ward ein Feuersbrunst:

Es brennt, es brennt, daß Gott erbarm,

Schrie man und nicht umsunst.

Bringt Wasser, Leiter, Hacken,

Ihr Nachbarn eilt herzu;

Sturm schlug man an den Glocken,

Das machte groß Unruh.


Bald ich erhub auch meinen Kopf,

Wust nicht, ob träumte mir,

Ich mußte auf, ich armer Tropf,

Da half mir nichts dafür;

Ich lief zum Fenster, schaut hinaus,

Nahm ein den Augenschein;

Ich sah das grosse Elend draus,

Es mocht nicht ärger seyn.

Was sollt ich weiter machen,

In der betrübten Nacht;

Mir wohl verging das Lachen,

Ein jeder es eracht.


Es war ein Zeit gekommen schon,

Das Wasser war zu theuer,

Und wo ich schau und wo ich wohn,

Das vielgefräßge Feuer;[195]

Gar alle Gassen lief es aus,

Die Funken flogen sehr;

Von Platz zu Platz, von Haus zu Haus,

Um sich griffs immer mehr.

Glückselig sich der schätzte,

Ders Leben bracht davon;

Auf Glut und Asche setzte

Sich hoch des Feuers Thron.


Propheten, Patriarchen Chör,

Und die Apostel auch,

Evangelisten, ander mehr,

Nach ihrem alten Brauch;

Sie schreien rings und machen Lerm

Aufmuntern Bös und Fromm;

Es brenn, es brenn, daß Gott erbarm,

Wer löschen mag, der komm.

Die Häuser man verlasset,

Und eilet auf die Berg;

Mich da der Anblick fasset,

Daß ich mich bald verberg.


Da schrie und rief die tiefe Stimm,

Wohl bei dem Feuer-Thron mit Grimm:

Der jüngste Tag wird sich bald finden,

Solches verkündge den Menschenkindern;

Mann und Weib, dem thu ichs klagen,

Was ich in meinem Herzen thu tragen;

Ich eß oder trink, ich schlaf oder wach,

Oder was ich auf Erden mach,

So kommet mir nimmer aus meinen Ohrn,

Das greulich und grimmige Horn,

Das da thönet ohne massen Grimm,[196]

Und schreit mit erschrecklicher Stimm:

Steht auf ihr todten Leut,

Zu dem Gericht Gottes müßt ihr heut;

Die Posaune die Todten auferweckt,

Und auch die ganze Welt erschreckt.

Nun höret zu, was ich euch sag,

Es kommen vorher funfzehn Tag,

An dem ersten Tag, da fang ich an:

Die Wasser lassen ihr laufen stahn,

Sie rinnen nicht mehr über Land,

Sie lehnen auf wie eine Wand,

Sie thun gar gräulich sausen,

Daß mans in der ganzen Welt hört brausen.

Darnach wohl an dem andern Tag

Nach der lieben heiligen Sag,

So kommen die Wasser wieder hernieder,

Daß man sie kaum siehet wieder,

Ja daß man sie kaum gesehen mag.

O weh, wie jämmerlicher Tag.

Der dritte Tag ist so grimm,

Die Fisch im Meer schreien mit lauter Stimm,

Und gar jämmerlich schreien alle Meerwunder,

Doch ein jeder in seiner Art besunder;

Also hart klagen sie ihre Noth,

Daß sie müssen leiden den Tod.

Der vierte und jämmerliche Tag,

Und höret zu, was ich euch sag,

So muß die Welt groß Leid gewinnen,

Wenn sie thut sehen das Wasser brinnen,

Und das ganze Erdreich zumal,

Da ist grosser Jammer überall.

Der fünfte Tag gar greulichen thut,

Alles Laub und Gras, das schwitzet Blut,[197]

Das Laub wohl an den Aesten rinnt,

Wer das ansieht groß Leid gewinnt,

Das Erdreich wird von Blut so roth,

Das mag wohl seyn ein grosse Noth.

Darnach kommt der sechste Tag,

Und bringet mit sich ein greulich Klag,

Haus und Hof niederfällt,

Wie fest es auf Erden war gestellt;

Doch fällt alles nieder zu der Erd,

Silber und Gold wird seyn gar unwerth.

Der siebente Tag gar greulich ist,

Ein grausam Geschrey hört man zur Frist,

Ein Stein thut sich am andern schlagen,

Daß die Leut schier mögten verzagen;

Wer dann lebt, der muß alten,

Wenn er sieht die Stein verspalten.

Der achte Tag, vernehmt mich wohl,

Gar greulich Wunder bringen soll,

Der grossen Erdbeben kommen so fast,

Daß weder Menschen noch Vieh hat Rast.

Es fällt alles nieder zu der Stund,

Und spricht: O weh, der Tod kummt!

Der neunte Tag läßt nichtes stahn,

Alle Berg und Hügel müssen sich niederlahn,

Die grausamen, hohen Berge überall,

Die fallen hernieder in das Thal,

Und wird das Erdreich ganz eben,

O wie bitter wird seyn das Leben.

Der zehnte Tag kommt bitterlich,

Die Leut schreien gar jämmerlich,

Die sich in Klüften haben verborgen,

Die kommen hervor mit grossen Sorgen;

Ihr keiner schier mehr reden mag,[198]

Also sehr fürchten sie den jüngsten Tag.

Der eilfte Tag kommt gar klärlich,

Die Todtenbein erzeigen sich,

Vor dem Grab sieht man sie liegen,

Das soll euch nicht seyn verschwiegen;

Wann die lebendigen Leut das sehen,

Vor grosser Angst sie dann vergehen.

Der zwölfte Tag thut so grausam wallen,

Dann sieht man die Stern vom Himmel fallen;

Und fliehen durch die ganze Welt zumal,

Da ist groß Jammer überall.

An dem dreyzehnten und schrecklichen Tag,

Nun höret zu, was ich euch sag,

Daran müssen alle Menschen sterben,

Die kommen sind aus dieser Erden,

Daß sie von dem Tod auferstehen,

Und sämmtlich vor den Richter gehen.

Der vierzehnte Tag gar greulich ist,

Davon verbrennt die Welt in kurzer Frist,

Luft, Wasser und Erdreich, alles da brinnt,

Und überaus groß Leid gewinnt;

Denn alles, was gemacht ist aus der Erden,

Muß wieder zu Staub und Aschen werden.

Am funfzehnten Tag, das ist wahr,

Da wird eine neue Welt gar schön und klar,

Alsdann müssen alle Menschen auferstehen aus dem Grab,

Wovon uns die heilige Schrift klar Zeugniß gab;

Der Engel mit dem grossen Zorn,

Ruft allen Menschen durch das Horn!

Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 3, Stuttgart u.a. 1979, S. 192-199.
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