Siebentes Kapitel

Der Graf geht mit dem Marchese auf sein Landgut. Unterhaltung von unseliger Liebe zu verlornen Mädchen

[257] Der Graf nahm zärtlichen Abschied von seiner Frau. Der Marchese drückte der Gräfin zum Abschiede spottend das Schminkdöschen in die Hand, das ihm zum Andenken jenes Balles geblieben. Kaum konnte sie ihren Unwillen unterdrücken; sie ging auf ihr Zimmer und warf sich unmutig auf ihr Sopha. Es kamen ein paar ältere Frauen zum Besuche; die Unterredung schlich gähnend durch die Neuigkeiten; endlich fing die eine an: »Ich merke doch immer mehr, daß uns etwas fehlt.« – »Aber was ist es?« fragte die andere. – »Verstellen Sie sich nicht«, antwortete jene, »Liebhaber fehlen uns; es war doch eine schöne Zeit, wo stete Aufmerksamkeiten uns jede Stunde begleiteten, und ich finde in nichts dafür einen Ersatz.« – Dolores wurde glühend rot bei diesen Worten; zum Glücke war es Zwielicht und keine der beiden Frauen konnte es bemerken.

Den Grafen unterhielt der Marchese sehr angenehm mit Abenteuern, die er ihm von Frauen aller Art erzählte; selbst die Geschichte seiner eigenen Frau trug er ihm mit geringen Veränderungen so ruhig vor, als hätte er sie unfern den Säulen des Herkules erzählen hören. Der Graf schwor darauf, daß ein so ehrvergessenes[257] Weib nie einen ehrlichen Mann betrügen könne. – »Es ist eine wunderliche Sache um die Abirrungen ehelicher Liebe«, meinte der Marchese; »ich weiß wirklich nicht, wenn ich der Mann gewesen wäre und den Handel entdeckt hätte – wer kann einen schwachen Augenblick hart bestrafen.« – »Beim Himmel«, rief der Graf, »hart nennen Sie das, das nennen Sie einen schwachen Augenblick, der die starken Bande langer Gewohnheit, geschworner Treue, alter Liebe vernichtet; das ist eine fürchterliche Stärke im Menschen, die das nur vermag, die muß vernichtet werden, oder die Welt bestände nicht mehr. Gott bewahre mich vor dem Falle, aber ich hätte es nicht lassen können, die beiden umzubringen.« – »Sie können recht haben«, sagte der Marchese ruhig, »die Gewohnheit, über dergleichen unselige Vorgänge in der Welt gleichgültig reden zu hören, gibt auch der Beurteilung dieselbe Gleichgültigkeit, die sich vielleicht auch in mir bei einem solchen Ereignisse, wo es mich beträfe, verleugnen möchte. Wenn Sie aber, lieber Graf, bestimmt so denken, so verwundert es mich, wie Sie Ihre Frau so in der Fülle aller Reizungen allein zurücklassen können; sie mag eine sehr vollkommene sittsame Frau sein, lieber Graf, sie ist doch auch nur eine Frau; in Spanien dürfte das kein Ehemann wagen.« – »Wir Deutsche«, meinte der Graf ungestört, »wir sind entweder anders, oder denken darüber anders; wir schenken einer Frau mit unsrer Liebe unser ganzes Zutrauen; meine Frau betrachte ich wie mich selbst, nicht als aus einer besondern Rasse schwächerer Wesen; ich bin gewiß, so wenig ich ihr eine fremdartige böse Neigung verschweigen würde, so wenig würde sie ungewarnt meine Ehre, mein ganzes Glück, verraten.« – So endigte sich diese merkwürdige Unterredung, in welcher die übermächtige Klugheit so arm neben dem reichen zutraulichen Glauben erscheint, und der Glauben in so schwerer Prüfung neben der Bosheit; doch ließ sie in dem Gefühle des Grafen, verbunden mit dem Fremdartigen in dem Wesen seiner Gemahlin, eine gewisse Besorglichkeit zurück, die er gern einem eignen Übelbefinden zuschreiben wollte. Man irrt aber eben so oft, wenn man jeden ungewöhnlichen geistigen Zustand einem körperlichen Leiden zuschreibt, als wenn man umgekehrt jede Krankheit aus einem Leiden der Seele, einer Sehnsucht, herleiten möchte, wie es den Frauen häufig eigen. – Die beiden Reisenden wendeten bald ihr Gespräch auf die Liebe; der Graf in dem schönen frommen[258] Sinne, der dem glücklichen Neulinge eigen; er war als Vater noch unschuldiger als manches Kind. Der Marchese überschüttete ihn mit einem kalten Stürzbade der wunderbarsten Geschichten, welche Lust und Not einem gebildeten barbarischen Zeitalter aufgezwungen haben; dabei flossen ihm die Geschichten zum Munde hinaus, als spülte er ihn sich aus, und würde er reiner. Auch die Liederlichkeit fordert eine gewisse Bestimmung, und so ein geriebener Himmelsstürmer läßt sich in seiner pestilenzialischen Wirkung den Soldaten vergleichen, die nach langem Biwakieren in ein ordentliches Haus kommen; ihr Geruch vergiftet alle, während sie sich wohlbefinden. Der Graf fühlte dabei eine wunderliche Neigung in sich, auch die Welt so kennen gelernt zu haben, in allen ihren Tiefen und Höhen; sein Leben kam ihm so arm vor; er hätte ihm auch gerne etwas erzählt, aber mit Staunen bemerkte er, daß er diese Seite geselliger Bildung eigentlich ungekannt immer verachtet habe. Der Graf, immer aufrichtig und wahr, sagte dem Marchese: »Sie haben nicht umsonst gelebt, Sie haben einen reichen Schatz von Weisheit aus dem Abschaume der Menschheit entwickelt, den ich mit leerem Bedauern angesehen habe, daß er zu keinem ruhigen hellen Tropfen mehr zusammenfließen könne. Ich versichere Ihnen, es gab eine Zeit, wo ich öffentliche Mädchen gar nicht für Menschen gehalten habe, sondern für eine Art Wundertiere mit ihren geschminkten Wangen, für eine Art schändlicher Götzen aus dem alten Heidentume, denen Menschen geopfert würden. Erst auf der Universität lernte ich an einem Mädchen, das mir gegenüber wohnte, wie alles so gewöhnlich menschlich, mehr nachlässig als böse, zugehe. Sie war erst sehr ordentlich sparsam und fleißig, half fleißig den Eltern, die einen kleinen Handel trieben. Die Mutter starb, der Vater war alt; er hatte kein Ansehen über sie und sie mußte ihn zum Teil ernähren; darum schwieg er zu allem, was sie tat. Bald bemerkte ich, daß sie ein schönes Tuch, bald auch ein besseres Kleid trüge; bald saß sie am Fenster und beschäftigte sich nur mit Putzmachen und Stickerei; ich dachte, die Leute hätten eine Erbschaft getan. Endlich saß sie aber ganz müßig an ihrem Fenster, das halb mit Blumentöpfen verbaut war; ihre Backen sahen mir so unnatürlich rot aus; sie winkte mir; aber das Mädchen, mit dem ich eine kleine Liebesgeschichte ganz in mir nach meiner Art gespielt hatte, daß sie in hundert Jahren nichts davon erraten hätte,[259] war mir im Augenblicke so verhaßt, daß ich ihr den Rücken zukehrte. Bei einer Gelegenheit warf ich ihr ein Gedicht ins Fenster, womit ich sie zu bekehren meinte.« – DER MARCHESE: »Sagen Sie es doch her, wenn Sie es noch wissen, die Geschichte hat etwas so Unschuldiges, das mich ungemein reizt.« – DER GRAF: »Aus der Zeit vergißt man nichts.«


Die arme Schönheit

Mir gegenüber das schöne Kind,

Strickte sonst fleißig ums liebe Brot,

Barfuß doch lief sie bei Regen und Wind,

Schwarz war ihr Kopftuch, ihr Röckchen war rot;

Wenn ich sie grüßte, dankte sie schön,

Und ich mocht gern ins Auge ihr sehn.


Mir gegenüber sitzt nun das Kind

Müßig am Fenster, daß jeder sie schaut,

Hat sich gelocket die Haare geschwind,

Putzt sich in Seide wie eine Braut;

Wenn ich sie sehe, winket sie mir,

Wenn du sie grüßest, winket sie dir.


Hör, gegenüber du armes Kind,

Schande macht reich und die Schönheit ist arm,

Schande, die tauscht mit der Schönheit geschwind,

Daß sich doch Gott nur der Schönheit erbarm.

Siehst du zum Himmel, Gott siehet dich nicht,

Sieht kein geschminketes Angesicht.


DER MARCHESE: »Schön, und was für Erfolg hatte das Lied?« – DER GRAF: »Sie erriet mich, sie kam zu mir; sie klagte mir ihre Not so rührend, daß bloßer Geldmangel sie erst bezwungen, daß ihr erster Liebhaber sie verlassen; ich griff in meinen Geldbeutel und gab ihr gerührt alles, was ich hatte; darüber wurde sie wieder so gerührt, ich konnte ihrem Danke einige Liebkosungen nicht versagen und ich gestehe Ihnen, daß ich sehr nahe war, meine erste Erfahrung zu machen, als ein Freund anpochte und ich erst jetzt merkte, daß sie gleich eintretend mein Zimmer verschlossen hatte. Diese Absicht brachte mich auf, ich verwies es ihr hart. Sie aber trieb ihr Wesen fort und immer weiter bis ins Elend.«[260]

DER MARCHESE: »Da sind Sie wohlfeil weggekommen; in der Geschichte ist so viel Gutmütigkeit, daß Sie ein paar Dutzend Weiber damit verführen könnten. Es fiel mir dabei eine Geschichte ein, die ich beinahe wörtlich auswendig weiß. Haben Sie nie die Geschichte von Manon Lescaut gelesen? Dem armen Chevalier Grieux ging es schlimmer mit einer ähnlichen Bekanntschaft. Es ist vortrefflich dort erzählt, wie der Verfasser nach Passy kommt und alle Einwohner in unruhiger Neugierde um ein paar bedeckte Wagen versammelt sieht; keiner hat Zeit, ihm Bescheid zu sagen. Ein Häscher, den er an dem Bandelier und an der Muskete dafür erkennt, sagt ihm kalt: Es sei gar nichts, er transportiere ein Dutzend Freudenmädchen nach Havre, von wo sie nach Amerika deportiert werden sollten. Eine ist sehr hübsch und das macht die Leute neugierig. In dem Augenblicke kommt ein altes Weib aus dem Hause und weint und schreit mit aufgehobenen gerungenen Armen: Das sei nicht auszuhalten, das arme Kind zu sehen! – Neugierig steigt der Verfasser vom Pferde, geht in das Haus und erblickt ein Dutzend Mädchen, von denen sechs und sechs an eine Kette geschlossen, wie sie ein Frühstück einnehmen. Eine aber aß nicht und hatte sich halb abgewendet; doch leuchtete ihre Schönheit durch das schmutzige Zeug, das sie bedeckte. Er frägt einen Häscher nach dem Mädchen. ›Ich hab sie aus dem Zuchthause abgeholt‹, antwortete der, ›wo sie wohl schwerlich um eine edle Tat eingesperrt worden; sie ist aber eigensinnig stumm; ich habe einige Schonung gegen sie, da sie doch von besserer Art scheint, als die andern. Der junge Mensch dort wird Ihnen mehr von ihr sagen können; er hat seit unsrer Abfahrt von Paris fast nicht aufgehört zu weinen, es muß ihr Bruder, oder ihr Liebhaber sein.‹ Der Reisende sah nach dem Winkel, wo der junge Mensch saß: ein Bild der Trauer; einfach gekleidet, aber voll Anstand in Haltung und Bewegung. ›Entschuldigen Sie meine Neugierde‹, sagte der Reisende, ›ich höre, daß Sie jenes schöne Mädchen kennen, das so wenig ihr Schicksal verdient zu haben scheint.‹ – Er sagte ehrlich, daß er darüber keine Auskunft geben könne, ohne sich selbst zu erkennen zu geben; dies aber erlaube ihm die Ehre seiner Familie nicht. Nur das eine könne er nicht leugnen, was auch die boshaften Häscher recht gut wüßten, daß er sie liebe, alles versucht habe, sie zu retten: Bitten, List und Gewalt, alles vergebens; und so sei er entschlossen, ihr in die neue Welt zu[261] folgen. ›Das Abscheulichste aber ist‹, fuhr er fort, ›daß diese schändlichen Buben mich nicht mehr zu ihr lassen, seit ich all mein Geld ihnen gegeben, um nur einige Augenblicke in der Nähe der Geliebten zu sitzen; nähere ich mich jetzt, so stoßen sie mich mit den Kolben zurück; sehen Sie diese Beulen.‹

So ruhig er diesen Bericht abstattete, so fielen ihm doch dabei einige Tränen aus den Augen. Der Reisende drückte ihm in stiller Teilnahme vier Louisdor in die Hand, wendete sich dann zu dem Oberhäscher, nahm ihn bei Seite und machte ihm Vorwürfe über seine Fühllosigkeit. Er schien beschämt und sagte verlegen: ›Es ist ja gar nicht darum, daß er nicht mit dem Mädchen sprechen soll, daß wir ihn zurückgestoßen, aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu lästig; er muß unsre Unbequemlichkeit bezahlen, das ist natürlich.‹ – ›Wie hoch rechnet Ihr diese?‹ fragte der Reisende. – ›Zwei Louisdor für die ganze Reise‹, sagte der Häscher unverschämt. – ›Gut‹, sagte der Reisende, ›da sind sie; stört Ihr aber die beiden, ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen.‹ – So verließ der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglücklicher verirrter Liebe; denn, um alles kurz zu überschauen, dieses öffentliche Mädchen, so schön als leichtsinnig, hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in die Welt so ganz gefesselt, ihn zehnfach mit seinem Wissen, doch ohne seinen Willen für Lust und Gewinn verraten, ihn aus einem reichen Wohlstande, herzlicher Frömmigkeit, in Elend, und Laster, und Schande gestürzt; er konnte doch nicht von ihr lassen.« – DER GRAF: »Die Geschichte ist furchtbar und so wahr, daß mir in tiefster Seele schaudert; welchen Gefahren haben Sie sich in der Welt ausgesetzt; es gehört auch dazu eigne Heldentugend, das alles mit Ihrer Überlegenheit zu bestehen; bei Gott, ich bewundre Sie; ich fühle in mir nicht die Stärke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten; lassen Sie sich nun mit meiner Welt genügen. Hier lieber Marchese, hier, wo alle Wege und Felder ein fröhlicher Ansehen gewinnen, hier wird mir fröhlich ums Herz; werden Sie es auch, geben Sie mir die Hand, Sie sind mein Freund; hier ist die Grenze meiner Besitzung, sei Ihr Eingang ein Glückszeichen.« – Der Marchese bewunderte als Kenner die Gartenkunst des Grafen, dieses geniale Benutzen des zufälligen Gegebenen, um große landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln daraus hervorgehen zu lassen; nichts[262] war leerer Zierat in den Gärten, keine Tempel mit Altären, auf denen niemals geopfert wird; das Vergnügen der ganzen Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt; jede Laune fand ihren willkommenen Gang und Ruheplatz. Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald; der Graf machte den Marchese aufmerksam, welche Menge von Bäumen, Gesträuchen und Blumen fremder Gegend, die sich aber uns klimatisieren, bis in die entferntesten Punkte von ihm gepflanzt und gesäet wären, die nun notwendig ihre Art, wie die Perle, ins Meer fallend, in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege, bis an die fernsten Küsten fortpflanzen müßten. »Alles andre«, sagte er, »kann bei einiger Nachlässigkeit künftiger Besitzer schnell untergehn; dies allein ist nur durch ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten, die unser Klima ganz abändern.« Voll Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schönen Bestreben kehrte der Marchese nach der Stadt; noch von niemand fühlte sich der Graf so ganz verstanden; mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum Abschiede. Er gab ihm einen zärtlichen Brief zur Bestellung an seine Frau, worin er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl; der ganze übrige Tag blieb ihm trübe.

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 257-263.
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