Neunundzwanzigstes Kapitel

Erntefest. Traugotts Tod

[225] Das Erntefest, das auf Veranstaltung des Grafen recht feierlich und lustig begangen wurde, lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit etwas von dem Kleinen ab, der sich den Tag besonders wohl fühlte; man ging in die Kirche, von da auf den Tanzplatz, und er wurde erst nachmittags von den Bedienten vermißt; sie suchten ihn überall immer ängstlicher, je später es wurde, und ihr Rufen zog auch den Grafen in diese Nachforschungen. Eine geheime Ahndung trieb ihn auf den Gottesacker, und er fand den kleinen Traugott auf dem Grabe der Mutter fröhlich lächelnd eingeschlafen, – er fand ihn tot. Die fröhliche Ernte schloß mit der Todessichel, welche die schönste Blüte niedergemähet hatte; sie schloß wie das Jahr, das schon seinen kalten Totenwagen über die Stoppeln hinüberstürmen ließ, – das Erntefest ist das wehmütigste des ganzen Jahres, ein Scheideruf an alles, was uns am Jahre freut, und würde es nicht vertanzt, es müßte verweint werden. Der Graf konnte bei dem feierlich großen Leichenzuge kaum ausdauern; erst lange nachher vermochte er die Beängstigung zu überwinden, mit der ihn ein Lied verfolgte, das ihm bei dem letzten Anblicke Traugotts eingefallen; wir warnen fröhliche Herzen dagegen.[225]


Es sonnte sich ein kranker Knabe

Auf seiner armen Mutter Gruft,

Da fasset ihn der Ahndung Gabe,

Er wittert einer Blume Duft,

Die ferne schwebet in dem Meere,

Weit an dem Ende aller Welt,

In die aus hoher luft'ger Leere

Die Sonne wie ein Same fällt.


Es glüht auf seiner blassen Wange

Nun eine Röte wunderbar,

Es schwebt sein Ohr in tiefem Klange,

Es wird sein Auge ihm so klar,

Es glänzt auf seinem stillen Herzen

Ein Regenbogen wie ein Strauß,

Der hat verkündet seine Schmerzen

Hoch in des Himmels sel'gem Haus.


Dem Himmel hat er ihn verbunden,

Zeigt ihm das offne Himmelstor,

Er schauet nun in Schmerzensstunden,

Was Lust ihm nie gezeigt zuvor,

Wie kann er nun die Welt verschmerzen,

Ihm ist verschwunden aller Graus,

Sein Herz, gebrochen einst in Schmerzen,

Sieht froh die Witterung voraus.


Er sieht voraus die Liebestage,

Wo Hand in Hand sich gern ergeht,

Manch Mädchen zeigt die Hand zur Frage,

Weil er die Linien jetzt versteht;

Des Knaben Ruf ist weit erschollen,

Denn jeder frägt nach Witterung,

Die Alten, weil sie ernten wollen,

Und weil sich lieben, die noch jung.


Jetzt hat der Schlaf ihn fest umfangen,

Da nimmt die Mutter seine Hand,

Da sieht er all, was ihm vergangen,

Und keine Zukunft er drin fand:

O Liebe, wo du gegenwärtig,

Da ist das eigne Leben aus,

Die Seele ist dann reisefertig,

Du trägst sie in ein andres Haus.[226]


»O Muttererde laß dich grüßen,

Du trugst mich treu in stiller Qual,

Laß deine kühlen Lippen küssen,

Hast andre Kinder ohne Zahl,

Doch ich gehör dem Vaterlande,

Dem Vater in dem Himmelreich,

Es lösen sich die alten Bande,

Zum letztenmal die Hand mir reich.«


Er kann sich selber nicht begreifen,

Es wird ihm wohl, so auf einmal,

Da sieht er dann die Engel schweifen

Auf seines Tränenbogens Strahl,

Wie sie die bunten Flügel schlagen,

Daß jede Farbe klingt im Glanz,

Er fühlt von ihnen sich getragen,

Den Fuß bewegt in ihrem Tanz.


Was ihm das Herz sonst abgestoßen,

Das singt er jetzt mit kaltem Blut,

Sein Blut hat sich in Lieb ergossen,

Und keine Furcht beschränkt den Mut,

Wo sich das Auge sonst geschlossen,

Da hebt es nun den Blick von hier,

Er ruft: »Der Himmel ist erschlossen,

Ich fürchte mich nicht mehr vor mir.«


Da ruft er wonnig allen Lieben:

»Es kommt ein Tag, wie's keinen gab,

Die Ernte dürft ihr nicht verschieben,

Die Liebe greift zum Wanderstab!«

Er ruft: »Brich an du Tag der Sage,

Der ew'ges Wetter mir verspricht!«

Sein Herz schläft ein – am jüngsten Tage

Erwacht es rein zum Weltgericht.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 225-227.
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