Das Rätsel der Krone

[1045] Sie hat die Eigenschaft zu verschwinden, wenn ein Böser sie tragen will; sie besteht aus zwei in einander steckenden Kreisen und Gewölben, beim Bauernaufruhr will Seger sie führen, da ist sie verschwunden.

Das Rätsel der Krone soll sich lösen, wenn die in einander gewundenen Kreisgewölbe, den letzten Stamm darstellend, als zwei, die in eins zusammen gehen, und aus diesem einen wieder dreie von verschiedenen Namen hervorgehen. Dies trifft ein: Anton und Seger, verwechselte Zwillinge, gehen in eins zusammen, und aus dem einen stammen drei von verschiedenen Namen: Antons erster Sohn Anton; der Sohn seiner Schwester Katharina, Wilhelm, den er seiner Frau zum Ersatz für den Sohn des Berthold übergab, dann sein jüngster Sohn, den er unter dem Namen Fortunat mit Frau Anna gehabt.

Nach Antons Tod steigt der Älteste mit seinen Brüdern hinauf und findet die Krone neben dem Leichnam des Vaters, er teilt sie zwischen beiden, indem er die gewölbten Kreise auseinander hebt, den einen Bruder sendet er nach Norden, den andern nach Süden er selbst setzt sich den eisernen Reifen auf, worauf die Krone gestanden, es ist die Mauerkrone, er ist Burgherr.


Güldenkamms, oder wie er in letzter Bearbeitung des ersten Bandes umgetauft wurde: Grünewalds Geschichte.[1045]


Er hat sein Leben verwettet in einem Gedichte und dann hat er nicht den Mut, sich ins Wasser zu stürzen, nun schämt er sich seines Lebens; er hat die Furcht in sich entdeckt und ist nun in allem gehemmt. Will in ein Kloster flüchten, kommt vom Glockengeläute fortgezogen zum Trauerzug des letzten Stammherrn von Hohenstock, gedenket der Zeiten und Abenteuer, die er mit Susannen bestanden, und an die hingerichtete Katharina. Seine Erschütterung, da man die Särge in die Gewölbe nieder gelassen:


Tiefster unendlicher Schlaf, bei dir nur findet das Senkblei

Ruhe inmitten der Sorgen, tief in die Erde versenkt.

Selber der Träume strahlendes Licht verschwindet da unten,

Und die durchsichtige Flut, scheinet da über mir schwarz.

Ach und so schwer mein Herz – Senkblei kann ich's wohl nennen,

Hoffnung zum Himmel entstieg, blieb nur Erinnerung drin.

Hier verlorne Liebe – dort die verlorne Geliebte! –

Ja der gedoppelte Schlag wecket unendliche Ruh!

Hier verlöschen die Kerzen am Sarge erträumeter Liebe,

Dort am gemordeten Leben gehen sie glühender auf.

Bin ich denn noch nicht gestillt? – erziehn mich nicht schmerzliche Tage!

Jagen Geschütze nicht lange, ernst den flüchtigen Puls? –

Sah ich Zerschmetterte doch mit Gleichmut in zückenden Haufen,

Warum erschrecket mich denn, was mir so fern und vorbei? –

Denn ich suche dein Grab, Susanne, – es liegt mir so ferne.

Was dem Herzen so nah, lieget doch immer so fern.

Löwen, die möchte ich senden die heilige Stätte zu hüten,

Seit du bei Menschen nicht mehr, scheinen mir Menschen zu schlecht,

Güte und Schönheit such ich fortan bei Tieren des Waldes,

Eigen waren sie dir, sie bewährt ewig dein menschlich Geschick,

Bricht der Morgen heran, dann trinken die Tränen

Vöglein mir von der Wimper und sie singen davon

Traurig ein trauriges Lied.

Zwiefach seh ich dich dort, auf schwebender Grabstätte weilen

Über der Berge grünenden Flur wie ein Wölklein am Fels:

Nemesis einmal, sternenumtanzt im Glanze der Jugend

Scheidend vom Unrecht das Recht, im eignen Busen versenket den Blick.

Kriegrische Muse dann – ewig grünender Lorbeer

Umschlinget das Haupt dir von Geisterflammen beleuchtet.[1046]

Schrecklich sind Menschen, denn sie neiden ums Licht

Geistige Flammen am Grab. Ach was leuchten die Gassen,

Während kein ewiges Licht brennet auf Gräbern mehr. –

Ha was finde ich hier auf diesen Klippen zerstreut,

Die ich in tosender Nacht, meiner vergessen erstieg,

Hier das Purpurgewand, noch warm vom Dufte des Lebens –

Hier die Sohlen gelöst – hier der Eindruck im Fels

Von beiden Füßen so deutlich, zeigt, – ein gewaltiger Sprung

Hat sie beflügelt zur Höh. – Ach du schwebest wohl noch –

Es schwebten dem Wagen der Sonne, manche Gestalten zuvor,

Sie erblicke ich nicht! – Ach zu spät – schon kommen

Die Schmetterlinge ermüdet, abgeschwirret zurück,

Die dich führten hinauf – setzen sich mir um das Haupt

Wie leiser Klage Liederkränze,

Wohl weiß ich, warum die sonnenvertrocknete Quelle

Mühsam das Wasser bewahrt unter den Steinen am Busch,

Weiß warum sich das Grün des Erlengebüsches erfrischet,

Wo ich lange nicht mehr hoffend auf Liebe geweilt,

Nüchtern trinke ich jetzt aus dieser heiligen Quelle

Opfernd den Toten zuerst aus der gekrümmeten Hand.


Grünewalds gelehrte Unterhaltung mit dem gelehrten Bruder in der Bücherei des Klosters: Dieser zeigt ihm das erste Schauspiel in Deutschland, deren Urheber Reuchlin war, von dem edlen Johann von Dalberg – Bischof von Worms, mit großem Frohlocken, daß ein Deutscher etwas solches geschrieben, hochgehalten. Heut zu Tage, wenn Homer und Demosthenes oder Euripides selbst käme, würde man ihn schier nicht achten. Es fängt den Leuten schier an zu ekeln vor guten Künsten und Wissenschaften. Man geht darin wie eine Kuh in der Streue. Gelehrte Leute werden jetzo um ihrer Menge willen verachtet und ist zu befürchten, es möchte die Gelehrsamkeit, wenn sie aufs Höchste gestiegen, wieder auf eine Barbarei herauskommen. Und gewiß erst vor kurzer Zeit affektierte man eine neue Schreibart aus altem und dunkeln Gepräge und aus unlautern und trüben Pfützen, und hatte einen Ekel an Ciceronis heller und lauterer Reinigkeit. – Die Religionsstreitigkeiten mehren sich und überwuchern den ganzen Boden der Gelehrsamkeit. Grünewald auf Zureden des gelehrten Bruders bleibt im Kloster. – Macht Sonette auf Antons Bilder.[1047]

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 1045-1048.
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