126.

Babels Grab-Lied. Herem. 51. v. 9.

[276] Melod. Nur frisch hinein/ es kan so tieff etc.


1.

Der Wächter Rath/ den Gott bestellet hat/ Spricht die Sententz schon über Babels-wunden/ Es sey kein Artzt noch Kraut vor sie gefunden/ So gar verzweiffelt sey der Schad/ den Babel hat.


2.

Ein jeder will/ den Schmertz zwar machen still/ Wie viel Quacksalber wollen Ritter werden An diesem Krebs? Und sehn nicht die Beschwerden/ daß Babel selbst Gott niemals halten still Und folgen will.


3.

Sie inficirt den Artzt/ der sie berührt/ Und läßt an ihm zum Trinckgeld Plagen kleben/ der sie doch will erhalten bey dem Leben/ Und flickt an ihr. So/ daß man deutlich spürt/ Wer sie berührt.


4.

Es zieh ihr an die Larve/ wer noch kan/ Such seine Kunst mit Schwätzen zu beweisen/ die Zorn-Fluth wird den Heuchel-Schmuck abreissen. Das Feuer kommt und zündt die Stoppeln an. So bleibt nichts dran.


5.

Seht ihr noch nicht/ daß ihr gar nichts außricht/ Ihr/die ihr sie so gerne woltet heilen? Wollt ihr in dem Pest-Hause noch[276] verweilen? Seht/ daß euch ja der Patiente nicht den Halß noch bricht.


6.

Man siht den Greul/ der Boßheit starcke Seul. O pfuy wie stinckt die Hure hier auff Erden! Wie soll sie nicht ein Abscheu Engeln werden? Wenn sie entdeckt von so gar langer Weil der Boßheit Greul.


7.

So lasst sie gehn/ und ihrem Richter stehn! O reisset Band und Pflaster ihr vom Leibe/ damit sie bloß und nackend stehen bleibe! Die Schande muß der gantze Himmel sehn. Drum laßt sie gehn!


8.

Des Bechers Grimm schweigt ihre Zauber-Stimm: Der Könge Muth fängt sie schon an zu hassen. Man wird ihr nichts als Schand und Blösse lassen. Es zeigt ihr schon von fern die Engels-Stimm des Bechers Grimm.


9.

Der Tod sitzt ihr schon auff der Zungen schier/ Ihr Aas soll bald in Abgrund seyn begraben/ da mögen sich die Buhler an ihr laben. Die fürchten schon/ es falle ihre Zier/ Und merckens schier.


10.

Drüm stürmt ihr Nest/ Darinn sie stoltz gewest/ Zerschmettert ihre Kinder an den Steinen! Die Schlangenbrut soll ja niemand beweinen. Gebt ihrem Bau/dem Frevel-Sitz/ den Rest/ Und stürmt ihr Nest.


11.

Seht/ welcher Christ erst auff der Mauren ist/ Soll zur Belohnung Schwerdt und Feuer haben/ Bey diesem Sieg ertheilt man solche Gaben. Doch bey Gott kriegt ein solcher Helden-Christ/ Was ewig ist.


12.

Auff/ auff! Es rufft auß jener Sternen-Lufft/ Und bläßt schon Lerm der Wächter auff der Mauren der Sion-Stadt. Es müsse keinen dauren Ehr/ Gut und Blut! Hört wie euch in der Lufft der Wächter rufft.


13.

Laufft an/ und streit in Helden-Tapfferkeit! Soldaten müssen nicht so feige kämpffen; Wer will dann sonst der Hure Herrschafft[277] dämpffen/ Wann auch nicht Hirten-Knaben sind bereit Zur Tapfferkeit?


14.

Zwar mit dem Maul Ist annoch keiner faul; Es weiß ein jeder was davon zu sagen. Wer kan nicht über das Verderben klagen? Doch wenn es weiter geht/ als an das Maul/ So ist man faul.


15.

Drum dämpffet nicht den Geist/ wenn er außbricht In euch und andern/ Babels Grund zu stöhren; Ihr sonderlich/ die ihr wollt viel bekehren/ Seht/ daß nur erst in euch gantz Babel bricht/ Und heuchelt nicht.


16.

Nennt fein das Kind Mit Namen/ wie ihrs findt/ Und schmieret nicht ein Pflaster auf den Schaden/ das euch selbst zum Gerichte möcht gerathen. Geht auß! schreyt an das höllische Gesind/ Wo ihr es findt!


17.

Bey Heuchel-Tand Wird Zion nicht bekandt/ Wenn niemand will den Fuchs ins Fell recht beissen. Wollt ihr der Hur noch Reverentz beweisen/ Die balde soll mit Feur seyn verbrannt? O Heuchel-Stand!


18.

Indeß Geduld! Gott find schon Babels Schuld/ Thriumph! Es ist der Sturm Sion gelungen! Drum sey Gott schon im Vorrath Lob gesungen! Ein richtig Hertz bleibt doch in Gottes Huld/ Darum Geduld!

Quelle:
Gottfried Arnold, München 1934, S. 276-278.
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