49.

Uber Cap. IV. v. 12.

Meine schwester, du bist ein verschlossner garten, ein verschlossner quell, ein versigelter Brunn. Dein gewächs ist wie des Paradises granat-äpffel mit der frucht köstlicher dinge.

[329] Im Thon: Ich habe funden, den ich liebe.


1.

Verborgnes licht, geheimes leben

Der Göttlichen vollkommenheit,

Wer kennet deine reinigkeit?

Wem hast du dich zu eigen geben?

Ja niemand weiß von deinem Namen

Noch mercket deiner weißheit spur,

Wiewol dein unbefleckter samen

Liegt in der menschlichen natur.


2.

Wer geht in den verschlossnen garten?

Nur der wie du verschlossen ist:

[330] Denn wem du wie ein brunnen bist

Entdeckt, muß deiner treulich warten.

Bey deinen freunden bleibst du stehen

Als jungfrau voller heiligkeit:

Wo aber sie zu andern gehen,

Entziehst du deine herrlichkeit.


3.

Du gehst zwar jeder seel entgegen,

Erscheinst in ihrem tieffsten grund,

Und bist so nah in ihrem mund,

Daß sich ihr fluß nicht darff bewegen,

Noch weit aus ihrer heimat reysen.

Sie finden dich in ihrer Thür

Des hertzens ruhen und beweisen,

Wie sehnlich du sie ziehst zu dir.


4.

Doch kennen sie die treue stimme

Das locken und bestraffen nicht,

Das im gewissen stets geschicht,

Sie von natur und bitterm grimme

Von blind- und thorheit zu erlösen.

Du bleibst den meisten unerkannt,

Das thier, das niemals klug gewesen,

Nimt lieber erd und koth zur hand.


5.

Ach edler schatz, du kannst kaum finden

Ein eintzig Hertz, das dir gehorcht

Das vor die rechte ruhe sorgt,

Und sucht mit dir sich zu verbinden.

Geh aber nun mit starcken schritten

Aus dem verborgnen licht heraus,

Und laß dich unsre noth erbitten

Zu wohnen in dem wüsten haus.


6.

Und wie du in dir selbst verschlossen,

Verriegelt und versigelt bist,

[331] Daß, was gemein und unrein ist,

Die wahrheit niemals hat genossen:

So leg in uns auch solche kräffte

Der stille und verborgenheit,

Jungfräulich-züchtiger geschäffte

Bey tieffester verschwiegenheit.


7.

Laß augen, ohren händ und füsse

An deiner zucht gebunden seyn,

Daß auch nicht unter gutem schein

Das hertz von etwas fremdes wisse,

Als von gemeinschafft mit den quellen,

Die rein und crystallinisch sind:

Damit dein hertz mich von den wellen

Der falschheit nicht getrübet find.


8.

Ach nimm mich mit in deinen garten,

Der als ein Paradis ausgrünt,

Und mir mit neuen früchten dient:

Nur Thau von oben zu erwarten,

Und krafft der sonne samt den regen,

Sonst sey er um und um verzäunt:

Kein freund soll seine frucht drein legen,

Und hätt ers noch so gut gemeint.


9.

So halt ich mich zu dir, mein leben,

Und du bleibst meine jungfrau braut.

Wer sich einmahl mit dir vertraut,

Bleibt an der creatur nicht kleben.

O siegle, schließ und wach und hege

Dein eigenthum, dein liebstes Guth,

Daß sich mein Geist in dir nur rege

Und stehe stets auff seiner huth.


10.

Ach sperr des innern menschens garten

Vor den subtilsten feinden zu,

[332] Die seine blüthe, frucht und ruh

Zu rauben tag und nacht auffwarten.

Wenn ich geheim mit dir umgehe,

So weiß ich, daß ich sicher bin,

Und weiter nirgends hin mehr gehe:

Nach der gewißheit steht mein sinn.

Quelle:
Gottfried Arnold, München 1934, S. 329-332.
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