Aus dem Stromesgrund.

[112] Die Zeit der Abreise rückte immer mehr heran und Zilge wollte sich für nichts entscheiden, und sie sollte es doch allein. Sie war voll Ingrimm, daß Seb nach wiederholten, vergeblichen Versuchen die natürlichen Folgerungen ihrer Worte aufnahm: sie hatte ihm so oft gesagt daß er jedes Anrecht auf sie verwirkt habe, er stellte nun jede Entscheidung ihr anheim und gelobte, ihr nicht mehr dreinzureden und sich in Jegliches zu fügen. Diese unbewegte richterliche Annahme ihrer Aussprüche empörte sie, und doch konnte sie sich zu nichts entschließen und bestimmen; bald wollte sie mitgehen, bald daheim bleiben, bald durch dieses Rache und Vergeltung üben an Allen im Dorf, die ihr je eine Unbill angethan, bald wollte sie durch die Auswanderung sie auf ewig vergessen und mit Verachtung strafen. Wenn Seb darauf drang, daß man aus dieser Schwebe heraus müsse, wenn er mäßig und bestimmt Alles darlegte, so war sie äußerst gereizt. Sie erkannte wohl, welch ein fester ruhiger Mann Seb geworden, und ein Bewußtsein der innern Verwahrlosung, in die sie während der sieben verlassenen Jahre gerathen war, dämmerte in ihr auf. Sie war die stolze Zilge, sollte jetzt Seb mehr sein als sie? »Ich will[112] deine Gnad' und Barmherzigkeit nicht,« sagte sie ein mal zu Seb, ohne zu erklären, woher sie zu diesem Gedanken gekommen war. Sie ließ gern Alles in der Schwebe hängen, sie war durch die sieben Jahre an eine solche Schwebe gewöhnt, allezeit einer Erwartung hingegeben, und wenn man sie jetzt zu einem Entschlusse drängen wollte, weinte sie unaufhörlich. Ueberhaupt weinte sie viel über ihr vergangenes Elend, und war dabei gar nicht zu beschwichtigen, und es verdroß sie sehr, daß Seb sie lehren wollte, das Vergangene als abgethan und todt zu betrachten, sie weinte dann nochmals über solche Rede.

Der Arzt, der auf den Wunsch Seb's allwöchentlich einmal kam, aber auch von selbst, wenn ihn sein Weg in's Dorf führte, Seb besuchte und gern mit ihm über Amerika sprach, der Arzt war ein verständiger Mann und Sebs Tröster und Helfer. Er erklärte das viele Weinen Zilge's als eine Eigenthümlichkeit der Frauen, die oft mit heldenmütiger Kraft das Ungemach ertragen, sich aber von der Erinnerung an dasselbe niederwerfen lassen; sie bespiegeln sich im Mitleid mit sich selber, und kommen schwer darüber hinaus.

»Da haben Sie in's Schwarze getroffen,« sagte einst Seb, als ihm der Arzt den ganzen Zustand Zilges daraus erklärte, daß sie eines Prozeßkrämers Tochter sei, sie habe mit ihrem Mann auch einen Prozeß und wolle ihn auf's Aeußerste hinausführen, und die Entscheidung sei ihr eigentlich nicht recht, auch wenn sie gewinne.

Den Bruder Landjäger, der auf Anrathen Sebs[113] gelinder mit seiner Schwester umgehen wollte, duldete sie gar nicht um sich, sie sagte so oft er kam: »Das ist mein eigen Haus,« und weiter war kein Wort aus ihr herauszubringen. Das ganze Dorf kam nach und nach und redete Zilge zu, doch ihren Starrsinn zu lassen. Sie ließ sich die mancherlei Triumphe nicht entgehen, die sie bei diesen Besuchen hatte; sie lächelte frohlockend, wenn Jedes sagte, wie gut und demüthig Seb gegen sie sei und entgalt es dabei Manchem in scharfen Worten, was er ihr vormals angethan. Zur Verwunderung Aller entschied sie sich aber endlich gegen den Pfarrer dahin, daß Seb allein in die weite Welt ziehen solle, sie bleibe im Dorfe und in ihrem eigenen Hause, es werde noch aushalten, so lange sie lebe.

Seb redete von nun an kein Wort mehr über die Hauptsache, und sie sah ihn darob oft im verbissenen Zorn an. Wie ist es denn möglich, daß er sich drein fügt?

Es handelte sich jetzt nur noch darum, bei wem die Kinder bleiben sollten. Seb machte Anspruch auf eines derselben, wie er dem Pfarrer sagte, auch als Unterpfand, daß Zilge vielleicht dadurch andern Sinnes werde und ihm nachkomme. Er überließ es ihr, welches der Kinder sie hergeben wolle, das Mädchen war ihm anhänglich aber der Knabe bedurfte seiner vielleicht mehr. Auch darüber konnte sich Zilge lange nicht entscheiden, sie weinte wieder viel und schalt innerlich über Seb, der sie gar nicht zu trösten suchte. Auf wiederholtes Bedrängen erklärte sie schließlich im Frühling[114] dem Pfarrer, daß Seb den Knaben mitnehmen möge. Als Zilge aus dem Pfarrhause heimkam, umhalste sie ihren Johannes weinend und sagte ihm, daß er sie nun auf ewig verlasse und mit dem Vater in die weite Welt ziehe. Da riß sich der Knabe aus den Armen der Mutter los, rannte aus der Stube, so sehr ihm auch Seb rief, er rannte durch das Dorf und wendete sich auf den Zuruf des hinter ihm drein folgenden Vaters nicht um. Mit der Behendigkeit eines Rehes sprang er durch die Felder und hinab den Bergwald nach Weitingen, Seb hinter ihm drein, rufend und schreiend, bittend und scheltend. Johannes verlor im Rennen seine Mütze, er wendete sich nicht danach um, der Vater hob sie auf und sie in der Hand schwingend eilte er dem störrischen Kinde nach. Jetzt stand der Knabe an der Stelle, wo Zilge den Trauring in den Neckar geworfen; Seb rief nochmals dem Knaben zu, die Haare standen ihm zu Berge, da spritzte der Strom hoch auf, der Knabe war verschwunden. Seb rannte ihm nach, sprang in's Wasser, schrie laut um Hülfe, das Klappern der Mühle verschlang seinen Hülferuf. Am Mühlrechen erhaschte er das Haupt des Knaben und schrie an die Luft gekommen, mit letzter Kraft um Hülfe: da wurde die Mühle gestellt, die Mühlknappen kamen mit Stangen herbei und halfen Seb und dem Knaben aus dem reißenden Strom.

Der Knabe hing leblos in den Armen des Vaters. Da drang ein gellender Schrei widerhallend durch das Thal, Zilge stand händeringend am Ufer. Die Müllerin eilte über den Steg zu ihr und hielt sie fest.[115]

Eine Viertelstunde entsetzlichen Jammers war in der Mühle. Man rieb den Knaben, der blau geworden, leblos da lag, und als er endlich viel Wasser ausspie, die Augen aufschlug und sie bald wieder schloß, hochauf athmete und den Kopf zurückwarf, fiel Zilge ihrem Manne um den Hals:

»Jetzt kannst du mit mir machen, was du willst. Verzeih mir nur,« rief sie.

»Weil ich das Kind aus dem Wasser gezogen?« fragte Seb.

»Nein, du hast mich auch aus dem Tod geholt, mich auch. Hättest du nur auch meinen Trauring wieder mit herausgebracht,« sagte Zilge.

»Laß ihn versunken sein, ich hab' einen neuen, sieh; den hab' ich dir aus der neuen Welt mitgebracht; jetzt fasse ich dich in Gold.«

Und als der Knabe zum Erstenmal sprach:

»Vater, ich hab' mich nicht in's Wasser stürzen wollen, thu' mir nur nichts,« zog Seb seiner Zilge den neuen Trauring an, und sie kniete vor ihm nieder und bat Gott und ihren Mann tausendmal um Verzeihung und Vergebung ....

Gerade auf den Jahrestag, an dem der Grundstein zu dem eigenen Hause gelegt worden war, hatte Seb die Abreise bestimmt.

Am Abend als der Thau sich auf den Roggen senkte, der eben aus den Aehren schoß, gingen Seb und Zilge Hand in Hand wieder die alten heimlichen Wege durch die grünen Gartenhecken, die jetzt so knospenharzig dufteten und von Vogelgesang erschallten.[116]

»Ach, ich hab' dich so lieb,« rief Seb, »es ist ein' Schand', daß ich dir's sag', aber ich mein' du wärst noch ein jung Mädle und es seien noch die Zeiten, wo wir da miteinander gegangen sind.«

»Und mir ist's, wie wenn wir nicht so große Kinder daheim hätten, und uns erst jetzt bekämen. O, ich hätte dir oft gern gesagt, wie ich dich im Grund des Herzens so gern hab', wie du so geduldig und liebreich gegen mich gewesen bist, aber ich hab' nicht können. Es ist mir gewesen, wie wenn mir Jemand zum Guten den Mund zuhielte. So muß es einem Scheintodten sein, das reden will und nicht kann. Jetzt bin ich selig, glücklich wieder auferstanden.«

Seb lenkte bald wieder in die männlich ruhige Mittelstimmung seines Charakters ein, er war kein Freund von den raschen Umstürzen, und Zilge ließ sich's gefallen.

»Hast du denn drüben auch ein eigen Haus?« fragte sie.

»Das geht schwer, wir ziehen von Stadt zu Stadt und bauen, und hab' ich ein eigen Haus, verkauf' ich's wieder. Wenn du aber willst, sag's nur.« –

»Ich will nichts mehr, als was du willst.«

»Dein Bruder geht auch mit uns,« sagte Seb, und Zilge erwiderte:

»Ich will's ihm vergeben, was er mir angethan hat, man hat mir ja auch viel zu vergeben, aber du ladest dir viel auf mit ihm, er will nichts schaffen.«

»Er wird's in Amerika schon lernen.«

»Ich sag' dir noch einmal, mir zulieb brauchst du's[117] nicht zu thun; du bist mir genug auf der Welt, mein Alles; ich brauch' auch keinen Bruder.«

»Aber lass' nicht von ihm, von Keinem, der einmal mein ist ....«

Wie Neuvermählte glückselig zogen Seb und Zilge mit den Ihren fort in die neue Welt.[118]

Quelle:
Berthold Auerbach: Gesammelte Schriften, 2. Gesammtausgabe, Band 8, Stuttgart 1863, S. 112-119.
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