Das Nachspiel und ein kalter Schlag.

[50] Dem Schulmeister war indeß das Nachspiel in der Orgel stecken geblieben, es sollte aber doch noch ausgeführt werden. In grausigem Wirrwarr drängte sich die Gemeinde aus der Kirche. Der Pfarrer hatte sich rasch in die Sakristei zurückgezogen, die Ministranten folgten ihm in ihren flatternden Hemden mit eiligen Schritten, als ginge es zu einem Sterbenden. Nicht so behende gelang es der Versammlung. Da ging Einer und heftete den Blick auf den Boden als suche er Etwas, als wäre ihm der letzte Bissen von einer scharf gewürzten Speise, den er sich zur Letzung und zum Nachschmacke bis zum Ende aufbewahrte, plötzlich durch den ungeschickten Stoß eines Nachbars auf den Boden geworfen worden. Fromme Mütterchen konnten kaum ihr Gebetbuch zusammenlegen, das schien so schwer als zerrten die Geister der unerlösten Worte daran, die noch gesprochen werden mußten. Alle sahen sich staunend um, und ihre Blicke fragten, ob denn das noch die Kirche, das noch die Menschen seien, ob denn nicht plötzlich ein gewaltig Zeichen erscheinen und der Himmelsbogen krachend einstürzen müßte!

Die äußere Würde ist ein sein geschliffener, behutsam anzufassender Schmuck, überlieferst du herablassend oder niedergebeugt das Diadem fremden Händen, du kannst die Grenze nicht mehr ziehen, wie weit sie dir's verschleppen, wie sie damit spielen und es gar[50] zerschmettern. So bei der äußern Würde von Personen, so von Heiligthümern und dergleichen.

Unversehens entstand in der Gemeinde ein Johlen und Gröhlen, ein Toben und Tosen, als ob das wilde Heer gefangen wäre. Man wußte nicht woher der Lärm kam, wo er entstanden, er schien aus den Wänden gedrungen. Durch Zischen und Rufen suchte man das Stimmengewirre zu beschwichtigen, aber das war wie ein ohnmächtiger Wasserstrahl, den man in die helle Lohe leitet; zischend steigt der Dampf auf und mächtiger drängt sich ihm die Flamme nach.

Losgelassen waren die Stimmen in allen Tonarten, die sonst hier still verharrten oder in gebundenen Sängen und Responsorien laut wurden.

Alles drängte dem Ausgang zu. Den Brunnenbasche hatte eine muthwillige Schaar mitten in den Weihkessel gesetzt und er arbeitete sich triefend daraus hervor. Jeder, der das Freie erreicht hatte, athmete leichter auf und fühlte sich erlöst von erdrückender Last. Niemand außer dem Brunnenbasche eilte nach Hause; man konnte sich nicht trennen ohne ein Wort der Verständigung, ohne einen gemeinsamen Halt; Jedem war's, als müßte der Andere ihm helfen, als dürfe man sich jetzt nicht verlassen und trennen.

Den frevlerischen Spott, der mit dem Brunnenbasche begangen worden, hatten nur Wenige bemerkt.

Großen Versammlungen theilt sich leicht wie elektrisch eine gewisse gemeinsame Stimmung, so zu sagen eine gemeinsame Wärme mit, so daß Niemand kaltes Blut und Ueberlegung genug hat, um, über das[51] Gemeingefühl sich erhebend, unbefangen das Vorliegende zu deuten und zu klären.

Jetzt im Freien fühlte sich Jeder wiederum selbständiger, heller. Es scheint mit den Nervensträngen oftmals sich zu verhalten wie bei den Saiten eines Instrumentes, die ihre Stimmung und Spannung ändern, wenn sie in eine andere Temperatur gebracht werden. Dennoch konnte Einer den Andern nicht lassen, ein Gefühl der Gesammtverantwortlichkeit durchbebte sie.

Der Steinmetz Wendel, der jahraus jahrein Mühlsteine meißelte, Mitglied des Bürgerausschusses war und zugleich in einer geheimnißvollen Achtung stand, weil er Vorsteher der Steinmetzen war, die unter allerlei undurchdringlichen Ceremonien alljährlich ihr Innungsfest feierten, dieser, ein schmächtiger Mann, viel gewandert und von anerkannter Klugheit, hatte eine große Gruppe Männer um sich versammelt und selbst der Schultheiß hörte ihm zu, zumal Zuhören unverfänglicher war, als selbst reden.

Endlich erschien der Pfarrer in bürgerlicher Kleidung, er hielt die schwarzeingebundene Bibel und das Meßbuch mit der linken Hand auf die Brust gedrückt; gesenkten Blickes, ohne aufzuschauen, schritt er durch die Versammelten, die sich vor ihm zertheilten; plötzlich schien ein Entschluß seinen Schritt zu hemmen, er warf seiner Gewohnheit nach den Kopf nach hinten, richtete das Antlitz aufwärts und schloß die Augen. Von allen Seiten wurde Stille gerufen und der Pfarrer sprach:

»Meine lieben Christen!« die Stimme schien ihm[52] zu stocken, man sah, er arbeitete mit aller Macht um Athem, nur zu den nächsten Umstehenden sagte er: »Ich bitte um Geduld, ich werde mich gleich fassen.« Man hörte es indeß allerwärts, und nach einer Weile fuhr er laut fort, die Hand hoch emporstreckend:

»Auf! und wenn das Gefäß meiner Seele zerbricht! – Meine lieben Christen! Ein Wetter, gräßlicher denn das eure Saaten niederschmetterte, ist aus einer Seele voll Nacht und Dunkel niedergestürzt, um das Pflänzchen des Glaubens in euch zu begraben. Fluchet nicht dem, von wannen solches ausging, er ist arm genug, und wenn er alle Güter der Erde sein eigen nennte. Gehet hin, und Jeder bete still um sein Heil und seine Erlösung durch die Gnade, wie ich es thun werde im stillen Kämmerlein auf meinen Knien, mit meinen Thränen. Er ist mein Bruder, ich lass' ihn nicht, und Niemand darf ihn lassen. Ich spreche nicht von der Schmähung, die mir angethan worden. Was bin ich? Ein unwürdiger Knecht dessen, dem wir alle dienen. Und so ihr also betet für ihn, wird der Herr euch Macht verleihen und euch begnaden, auf daß der böse Feind, der umgeht, eure Herzen nicht in seine Fallstricke reiße. Noch eins. Ich ermahne euch zum Frieden. Thuet wohl denen, die euch Böses thun. Lasset den gerechten Groll, daß das Heiligthum geschändet wurde, nicht Ihn entgelten. Will Luzian ein Luzifer werden, beweinet ihn, aber Niemand wage es, der Gerechtigkeit des Herrn der Heerschaaren vorzugreifen. Ein Jeder muß seine Haut selber zu Markte tragen, sagt das Sprüchwort; Niemand wage es, sie ihm freventlich voraus[53] zu gerben. Vielleicht will Luzian lutherisch werden, oder will er gar die neue preußische Religion, das Gemächt von dem Bruder Schlesinger. Wir können mit Gebet und frommen Ermahnungen um die Abwehr flehen, aber Niemand wage es, seine Hand –«

»Was da?« unterbrach plötzlich eine Stimme. Heute schien alles aus Rand und Band zu gehen. Der Steinmetz Wendel fuhr fort: »Mit Verlaub, Herr Pfarrer, ich red' wegen der Schwachen im Geist, die könnten schier gar meinen, Ihr wolltet aufhetzen, statt abwehren. Nicht wahr, ihr Mannen, es ist kein ehrlicher Mann im Ort und in der ganzen Gegend, der dem Luzian das Schwarze unter dem Nagel beleidigen möcht'? Hab' ich Recht oder nicht?«

»Hat Recht. Wer will dem Luzian was thun?« scholl es aus der Versammlung, und Wendel sagte schmunzelnd:

»Nun noch ein Wort. Was ihr da wegen der preußischen Religion saget, ist auch fehlgeschossen. Wir lassen uns mit dem Worte preußisch keinen Pelzmärte mehr vormachen, das ist vorbei; der Preuß' will ja auch die Religion gar nicht, er klemmt sie ja wo er kann, der Hauptpreuß', der König, ist eher euer ....«

»Genug,« unterbrach ihn der Pfarrer, »ich wußte es in tief betrübtem Herzen, daß der Verblendete nicht allein steht, daß der Zeitungsglaube noch mehr Apostel hat. Ich rede nur noch zu euch, die ihr Christen seid; ein Jeder bete still für den Andern und suche sein eigen Herz zu reinigen. Gott mit euch.«[54]

Schnellen Schrittes ging der Pfarrer seiner Wohnung zu, und nun stob Alles in wilder Hast auseinander.

»Wer geht mit zum Luzian?« rief Wendel noch. Dieser Ruf schien zu spät zu kommen, denn die Meisten hatten sich bereits zum Heimgang gewendet, sie schienen vorerst des Kirchenstreites satt und verspürten einen andern Hunger. Wendel ging blos von Egidi geleitet zu Luzian.

An diesem Mittage herrschte in allen Häusern eine sonntagswidrige Ungeduld. Die Männer setzten sich kaum ruhig zum Essen nieder und standen bald wieder auf, um sich mit Nachbarn und Freunden über das Vorgefallene auszusprechen. Es war nichts Neues zu holen, aber Jeder mußte doch sagen, wie es ihm zu Muthe war, und Jeder wollte das Ereigniß auf ganz besondere Weise erlebt haben; da waren Umstände, Vorahnungen und Wahrzeichen, die Niemand außer ihm kannte. Es war wie die Löschmannschaft nach einem plötzlich ausgebrochenen Brande, die sich nun in der Wirthsstube zusammen findet; man kann noch nicht in sein Heimwesen zurück, und Jeder muß berichten, wie und wo er überrascht ward, und was er als Einzelner im Gesammten vollbrachte.

Was nun zu thun sei, davon war nirgends die Rede. Sollte die müßige Selbstbespiegelung, diese Grundfäulniß im Charakter unserer Tage, sich auch hier schon eingefressen haben?

Es muß sich bald zeigen.[55]

Quelle:
Berthold Auerbach: Gesammelte Schriften, 1. neu durchgesehene Gesammtausgabe, Band 4, Stuttgart und Augsburg 1857, S. 50-56.
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