16. Glück und Unglück.

[72] Es lebte in einer Stadt ein Mann, der wegen seiner frommen Gesinnung in Wort und That von Jedermann verehrt wurde. Wer ihn auch nur einmal sah, der mußte Hochachtung für ihn empfinden; denn sogar in seiner Miene und Haltung lag eine Ruhe, ein milder Ernst und eine stille Heiterkeit, die von der Klarheit seines Geistes und von der Friedsamkeit seines Gemüthes volles Zeugniß gab. Es zeigte sich dieser grundfeste Charakter bei allen, auch verschiedenartigsten Verhältnissen, und nur selten bemerkten die Freunde, die ihm näher standen, einen Zug des Lächelns oder des Trauerns in seiner Miene, und auch dieser verschwand bald wieder wie ein durchbrechender Sonnenblick, wie eine vorüberfliegende Nebelwolke. – Eines Tags gewahrte einer seiner Freunde ein solches Gewölk auf dessen Stirn, und er fragte ihn deshalb theilnehmend, was ihm begegnet sei. »Ach« – sagte jener – »es ist mir ein großes Glück widerfahren!« »Glück?« – versetzte der Freund – »und du scheinst doch zu trauern?« »Vernimm« – war seine Antwort – »was diese Betrübniß in mir erweckt. Sieh, wenn bei uns Menschen das Glück einkehrt, so kommt gleich hinten drein der böse Geist mit seinen Verlockungen zur Selbstliebe, zur Augenlust und zum Hochmuth des Lebens; und welcher Mensch fühlt sich da sogleich stark genug, um dessen Versuchung zu widerstreben und rein zu bleiben von jeder bösen Neigung und allem verderbten Gelüste? Darum, lieber Freund, traure ich.« – Zu einer andern Zeit bemerkte derselbe Freund, daß sich ein Zug des Lächelns um dessen Lippen gelegt hatte, und er fragte ihn wiederum theilnehmend, was ihm begegnet sei, daß er also fröhlich aussehe. »Ei« – sagte jener – »es ist mir ein großes Unglück widerfahren.« »Ein Unglück?« – entgegnete jener – »und du scheinst doch vor Freude zu lächeln?« »Vernimm« – war die Antwort des weisen Mannes –[73] »was meine Seele in diese frohe Stimmung versetzt. Sieh, wenn bei uns Menschen ein Unglück einkehrt, so steht auch zugleich Gott vor der Thür, der es gesandt hat; und er klopft an und gemahnt uns an die Treue, die wir ihm gelobt, und an die Gnade, die er uns verheißen hat, und da gehen wir denn in uns, und rufen unsere bessere Kraft auf, und wir erheben uns, und fühlen uns über alles Irdische und Vergängliche frei und selig in Ihm. Darum, lieber Freund, hast du mich lächeln gesehen. – Aber freilich« – fuhr er in sanftem Ton und mit ruhiger Miene fort – »es hat der Mensch je keine Ursache weder zu jenem Trauern noch zu diesem Lächeln; denn es ist ja immer Gottes Gnade, die in ihm kämpft und in ihm siegt. Drum sei und werde Ihm in allen Dingen, Ihm allein, die Ehre und die Danksagung!«

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Ludwig Aurbacher: Ein Volksbüchlein. Band 2, Leipzig [um 1878/79], S. 72-74.
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