[791] Soden, den 6. Mai
Worte! – Und nur Worte? Gibt es denn etwas, das furchtbarer, das kriegerischer wäre als Worte? Die höchsten Wälle hat man erstürmt, die stärksten Mauern hat man umgeworfen, aber was sich hinter dem Worte verschanzt, das ist sicher und verhöhnt euer ohnmächtiges Toben: nur das alles zerwitternde Jahrtausend zerstört diese Feste. Das Wort ist der Zauberharnisch, mit dem bedeckt der Feige dem Tapfern trotzt; nie treffet ihr das Herz, ehe ihr nicht die eiserne Brust zerschlagen.
[792] Gestern die Theorie, heute die Praxis. O! diesmal werden mir auch die Philister recht geben; denn wenn der Deutsche hungert, hat er Mut und spricht, wie er es denkt.
Der Wagen stand vor der Türe, um gepackt zu werden, und zum Tische war nichts vorbereitet. Ich rechnete darauf, bei einer Freundin zu essen, die in meiner Nachbarschaft wohnt. Ich schickte meinen Bedienten hinüber und ließ mich melden; aber er brachte mir die Antwort zurück: Madame bedauere unendlich, nicht das Vergnügen haben zu können, ihr Mann sei verreist. Zu jeder andern Zeit wäre mir diese Scheu, mit mir allein zu sein, schmeichelhaft gewesen; aber ich hatte Hunger, brummte, zermalmte einen trocknen Zwieback und fuhr fort.
Den Abend kam eine gemeinschaftliche Freundin heraus, die mir mein Fasten erklärte. Mein sehr höflicher Bedienter hatte der Dame die schönsten Komplimente von seinem Herrn gebracht und ihr ausgerichtet: »sie (mit dem kleinen s) möchten bei Ihnen (mit dem großen I) zu Mittag essen«. Die Dame aber hatte gehört: »Sie (mit dem großen S) möchten bei ihnen (mit dem kleinen i) essen«, und da ihr Mann abwesend war, konnte sie natürlich die Einladung nicht annehmen.
O Ihr, Ihr! wenn ich nicht zornig wäre, wie wollte ich grob sein – das kommt dabei heraus, daß ihr Hochdiener und Plusmacher mit eurer verdammten Kriecherei und Untertänigkeit aus einem Menschen, der oft nicht einmal ein ganzer ist, viele macht!
– Als ihr hier angekommen, suchte ich gleich hinter den Häusern den blühenden Frühling; aber ich fand ihn nicht mehr. Es ist ein Wettlauf zwischen Blumen und Mädchen: wer ist schneller? Als Knabe sah ich stundenlang nach dem Himmel, einen Stern fallen zu sehen. Ich atmete – der Stern war gefallen; fallen sah ich ihn nie.