[H4, Szene 16]

[180] Marie. Der Narr.


MARIE blättert in der Bibel. »Und ist kein Betrug in seinem Munde erfunden« – Herrgott! Herrgott! Sieh mich nicht an. Blättert weiter. »Aber die Pharisäer brachten ein Weib zu ihm, im Ehebruch begriffen und stelleten sie in's Mittel dar. – Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.« Schlägt die Hände zusammen. Herrgott! Herrgott! Ich kann nicht. Herrgott gieb mir nur soviel, daß ich beten kann. Das Kind drängt sich an sie. Das Kind giebt mir einen Stich in's Herz. Karl! Das brüst sich in der Sonne!

NARR liegt und erzählt sich Mährchen an den Fingern. Der hat die golden Kron, der Herr König. Morgen hol' ich der Frau Königin ihr Kind. Blutwurst sagt: komm Leberwurst! Er nimmt das Kind und wird still.

MARIE. Der Franz ist nit gekomm, gestern nit, heut nit, es wird heiß hier. Sie macht das Fenster auf.

»Und trat hinein zu seinen Füßen und weinete und fing an seine Füße zu netzen mit Thränen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen und küssete seine Füße und salbete sie mit Salben.« Schlägt sich auf die Brust. Alles todt! Heiland, Heiland ich möchte dir die Füße salben.

Quelle:
Georg Büchner: Sämtliche Werke und Briefe. Band 1–2, Band 1, Reinbek 1967–1971, bzw. München 21974, S. 180-181.
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Georg Büchner
EAN 9783869510217, 38 Seiten

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