[46] Kenntnisse, sind die einzige Macht, die man sich verschaffen kann, wenn man sie nicht hat, Macht ist Kraft, und Kraft ist Alles. –
Rahel.
Besseres find' ich nicht, wie ich auch wähle, Als in schöner Form die schöne Seele!
Wenn wir uns vorhin bemühten, die schöne Form der Häuslichkeit in ihrer erreichbaren Vollkommenheit zu schildern, so müssen wir jetzt ausführen, wie diese Form sich doch da erst ganz gestaltet, wo der verklärende Hauch geistiger Bildung weht. Wir haben gewissermaßen anticipirt, indem wir sagten, daß der echte Schönheitssinn sich nur auf einer gediegenen, materiellen Basis entfalte; denn wie wahr dies auch ist, muß doch noch ein Höheres, muß noch die schöne Seele hinzutreten, ohne welche die schönste Form inhaltlos und ohne Werth bleibt. –
Diese innere Schönheit kann aber ebenso nur aus einer gediegenen geistigen Bildung entspringen, gleichwie [47] die äußere schöne Form der praktischen Kenntnisse bedarf. Der angeborene zärtere, weibliche Instinkt genügt nicht allein, und wie oft man auch schon die natürliche Güte auf Kosten der Bildung gelobt hat, so reicht sie doch keineswegs dazu aus, die möglichst vollendete Frau für unsere Zeit zu entwickeln. Man hat häufig die Ansicht ausgesprochen, daß das Wissen der Frau ihren höchsten Reiz abstreife, daß sie reiner, einfacher, natürlicher fühlen würde, wenn man sie nur ihrer ungekünstelten Denkungsart überlasse. Diese Ansicht ist schon darum falsch weil die geistigen Anlagen unläugbar vorhanden sind, diese aber zu ihrer Entwickelung nothwendig der Nahrung und Bildung bedürfen und sich nur zu gerne dem Gemeinen und Alltäglichen, der Intrigue und der Klatschsucht zuwenden, sobald man ihnen den Weg zum Größeren und Schöneren abschließt. Selbst die beste Frau wird in den Aeußerungen ihrer Güte immer einseitig bleiben, wenn ihr jede geistige Ausbildung und Einsicht mangelt.
Wir können uns hier nicht scharf und nachdrücklich genug gegen den noch immer gangbaren Glauben an die »weiblichen Naturkinder« aussprechen, obgleich sie in den modernen Romanen, selbst bei den besten Schriftstellern nicht aufhören hin und her zu spuken. Gott bewahre uns in der wirklichen Alltagswelt vor einer häufigen Berührung mit ihnen!
Wahrhaft läppisch klingt es, wenn der Franzose Michelet dem jungen Manne, der sich eine Lebensgefährtin sucht, den weisen Rath giebt: Du wirst Dir Deine Frau selbst erziehen! – In der That ist es eine poetische Lieblingsvorstellung junger Männer, sich die Gattin selbst zu bilden, aber die Erfahrung lehrt uns oft genug, daß es kaum eine gröbere Täuschung im Leben der Verheiratheten [48] gibt, als eben diese. Das Umgekehrte geschieht, der Mann wird erzogen; schon nach wenig Jahren ist der weise Mentor der Spielball des elementaren Wesens geworden, welches, bis dahin gewohnt, sich blindlings gehen zu lassen, gewiß zu keiner Zeit seines Lebens weniger erziehbar ist als da, wo die junge Liebe des Gatten jede Thorheit für einen göttlichen Einfall und jede Ungezogenheit für die reinen Aeußerungen eines unverdorbnen Herzens nimmt. Ausnahmen gibt es ja natürlich immer, aber die Regel haben wir nicht zu schwarz geschildert, und wenn am Ende schon die »Naturgattinnen« nicht immer zu den liebenswürdigsten ihres Geschlechts gehören, so gestaltet sich die Frage ungemein ernster, bezüglich der »Naturmütter«, die bei der Erziehung der eignen Kinder gewöhnlich eben so plan- und überlegungslos verfahren, als dies meist bei ihnen der Fall gewesen, und weil sie nie selbst eine Sache gründlich und ordentlich gelehrt wurden, überzeugt sind, das »Erziehen« brauche man auch nicht zu lernen. Greifen wir aber eine Stufe tiefer, so liegt ja eben eine der Hauptschwierigkeiten unseres häuslichen Lebens, der Verkehr mit den Dienstboten, in dieser Unerzogenheit des weiblichen Wesens. Innerhalb dieser Sphäre schwärmen wir durchaus nicht für die »weiblichen Naturkinder«, obgleich sie da leider noch häufig genug in poetischster Ursprünglichkeit gefunden werden.
Betrachten wir doch die Darstellung des deutschen weiblichen Wesens an den beiden Polen unserer vaterländischen Dichtung, bei unserem unvergänglichen Volksepos, den Nibelungen, und bei Altvater Goethe. Dort sehen wir die höchste Wuth und Begier der Leidenschaften entfesselt, durch das elementare Sichgehenlassen der beiden Frauen, Chriemhilde und Brunhilde. Die mit [49] dem zartesten Schmelz umgebne Jungfrau, sie wird zum wüthenden Weibe, ihr Wesen zum wilden Strome, der Alles fortreißt, was ursprünglich milde, zart, engelhaft an ihr gewesen, weil ihr ungebändigtes Herz keinen Zügel des Verstandes, der Ueberlegung annimmt. Chriemhilde zerstört, wo Iphigenie die Klare, Milde, die lang Geprüfte, das Barbarische, das Elementare sich unterwirft, die wild auflodernde Leidenschaft besänftigt und beherrscht, weil sie die Herrschaft über sich selbst gelernt. – Daß die Bedürfnisse des 19. Jahrhunderts aber Iphigenien und nicht Chriemhilden erheischen, bedarf kaum der näheren Begründung, und wenn unsere Dichter zu allen Zeiten gern in den niederen Sphären des Lebens oder bei mehr primitiven Völkern ihre weiblichen Ideale gesucht und ausgebildet haben, so beweist dies nur, wie rein, wie unverdorben die Seele der Jungfrau aus der Hand der Natur hervorgeht. »Sie entfallen,« nach Jean Paul's Wort, »dem Himmel wie Blüthen, aber mit den weißen Knospen werden sie in den Erdenschmutz getreten und liegen oft besudelt und erdrückt in den Tapfen eines Hufes!«
Nun handelt es sich aber nicht darum, Dichterideale zu erziehen, sondern Naturen, welche im Stande sind, im wirklichen Drängen des Lebens unerschüttert dazustehen. Der Dichter zeigt uns seine Gestalten im Kampf mit den großen, tragischen Conflicten des Lebens, und von jeher lagen die höchsten Gipfel seines Ruhmes da, wo es ihm gelang, durch das bloße Vorhandensein der reinsten Schönheit einer weiblichen Seele die gährenden Elemente der Leidenschaft zu überwältigen und zu versöhnen.
Das tägliche Leben zeigt uns ein anderes Bild. Die Stoffe zu Gretchen, zu Sakuntala's, zu einer Iphigenia[50] und Antigone finden sich wohl noch überall zerstreut, und wo große Momente an eine weibliche Seele herantreten, da können wir auch heute hier und dort, vielleicht ganz in unserer Nähe, jenen Ausdruck weiblicher Tugend und Größe erblicken, der uns in den Gebilden des Dichters entzückt. Aber der große Moment, der das Herz über sich hinaus hebt und das größte Opfer, die höchste Leistung nur als den natürlichsten Ausfluß der inneren Wahrheit und Schönheit hervorruft, dieser Moment kommt in der Wirklichkeit selten oder nie vor, so wie der Dichter ihn träumte, und wie wir ihn nachempfinden.
Unausbleiblich dagegen sind die kleinen Momente, die nagende Sorge und Anforderung jedes wiederkehrenden Tages, die zahllosen unbedeutenden Opfer, welche in Atomen nach und nach den ganzen Reichthum erschöpfen, der, auf einmal gespendet, die Welt in Bewunderung versetzt haben würde und so oft kaum von dem Nächststehenden gewürdigt wird. Dann kommen die Augenblicke, welche die weißen Blüthenknospen in den Staub treten, und Moralisten achselzuckend von der schwachen und zerbrechlichen Natur des Weibes reden lassen.
Ja, zart ist sie wirklich und weich, eben so häufig leichtsinnig und flatterhaft, aber darum braucht sie kräftiger Stützen, die in ihr selber wurzeln, und die bloße mechanische Arbeit reicht dazu lange nicht aus, die geistige Thätigkeit und das geistige Interesse allein machen sie innerlich frei und stark. Wir wollen darum zwar im Allgemeinen keine Gelehrsamkeit für die Frau, aber jene Bildung, welche wirklich reine Herzensgüte verleiht, weil sie den Geist aufgeklärt und vorurtheilsfrei gemacht hat. Das zufällige Wohlwollen, die zufällige Güte haben nur einen sehr geringen Werth; zu keiner Stunde des Tages es vergessen, liebevoll und gerecht zu sein gegen Jedermann, [51] das erst ist der wahre Ausdruck eines wirklich guten Herzens. Aber wie viel auch heutigen Tages für die Bildung der Frau geschieht, hat sie schon häufig dieses Ziel erreicht? Empfängt das Weib auch wirklich die Bildung zu einem höheren Zweck? Gibt sie ihrer Seele die Würde, ihrem Geist die Aufklärung, die allein das Herz erleuchten und befruchten können und es dadurch zu bewußter Güte, zu ununterbrochenem Wohlwollen befähigen?
Es bleibt in dieser Hinsicht noch viel zu wünschen und viel zu thun übrig, und dies kann sich auch nur dann ändern, wenn bei der weiblichen Heranbildung einzig und allein dieser höchste Zweck in's Auge gefaßt, jeder Gedanke an äußeren Glanz und äußeres Prahlen aufgegeben wird. Denn: »Wenn ich Berge versetzen könnte und wüßte alle Geheimnisse und hätte alle Erkenntnisse und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle!« Aber was sind sie denn oft mehr als eine klingende Schelle – jene halbgebildeten Damen, die von Allem Etwas und von Nichts etwas Rechtes wissen, die nie einer Sache auf den Grund gehen, sondern sich nur so viel darum bekümmern, um oberflächlich darüber schwatzen zu können. Diesen gegenüber müssen wir der Ansicht vieler Männer beistimmen, die ein einfaches, natürliches, wenn auch ungebildetes Mädchen den Geistreichsten seines Geschlechts vorziehen, aber es ist durchaus irrig, wenn man annimmt, daß Ursprünglichkeit und Naivetät durch die Ausbildung des Geistes verloren gingen. Wo dies geschieht, liegt der Fehler an ganz andern Erziehungsmängeln, die wir an einer späteren Stelle hervorheben werden, hier aber möchten wir noch das Urtheil einer geistvollen französischen Schriftstellerin, des Fräulein von Scudéry, anführen, [52] die vor zweihundert Jahren gelebt und deren Worte sich leider vielfach heute noch eben so bewähren als damals. »Die Schwierigkeit Etwas zu wissen und nicht für gelehrt gehalten zu werden, hat ihren Grund nicht in dem, was eine Frau weiß, sondern in der Unwissenheit der Uebrigen. Die Eigenthümlichkeit der Kenntniß ist das, was Tadel erweckt. Ich kenne nichts, was unserm Geschlecht mehr zur Schande gereicht, als daß eine Frau nicht verpflichtet ist, Etwas zu lernen. Aus diesem Grunde wünschte ich, daß ihr auch verboten wäre zu sprechen, und daß man sie nicht schreiben lehrte, denn wenn sie dies Beides thun soll, so muß ihr dann auch Alles zugänglich gemacht werden, was den Geist aufklärt, das Urtheil bildet und sie gut sprechen und schreiben lehrt. Gibt es wohl etwas Seltsameres als die Erziehung der Frauen. Koketten sollen sie nicht sein, aber gleichwohl erlaubt man ihnen Alles zu studiren, was zur Koketterie gehört und verbietet ihnen die Kenntnisse, welche die Tugend befestigen und den Geist beschäftigen. Man schilt sie in ihrer Jugend, wenn sie nicht sauber sind, wenn sie sich nicht hübsch kleiden, wenn sie nicht gut tanzen. Dieselbe Person aber, welche verbunden ist, bis zu ihrem Tode ein gesundes Urtheil zu haben, welche bis zu ihrem letzten Seufzer sprechen muß, wird in nichts unterrichtet, was sie in den Stand setzt, angenehm zu sprechen oder angemessen zu handeln.« –
Das Nächste, was die geistige Erziehung der Frau anstreben muß, ist das, gediegene Kenntnisse mit Einfachheit und Liebenswürdigkeit des Charakters zu verbinden, ihr Herz zu erziehen. Durch richtiges Denken lernt man auch richtig empfinden, und es ist das falscheste aller Vorurtheile, wenn man glaubt, das weibliche Kind sei in dieser Hinsicht anders zu behandeln, als das [53] männliche. Jenes müsse man seinem Herzen, d.h. einem unklaren Instinkte folgen lassen, und dieses allein vernünftig denken lehren, weil »der Mann mehr dem Verstande folgen. solle.« – Es kommt ja hoffentlich bald die Zeit, wo solch altbacknes Phrasenwerk als überwundener Standpunkt gilt. Die Herzen aller Menschen, Weib oder Mann, sollen erzogen und gebildet werden durch den Geist, alle Geister befruchtet und veredelt werden, durch das Herz, wie auch unsere Sinne sich wechselsweise corrigiren, erziehen und ergänzen. –
Auf ein Bischen mehr oder weniger Wissen kommt es dabei weniger an als darauf, wie wir es wissen und was dieses Wissen aus uns gemacht hat. Man habe noch so viel gelernt, es gibt immer Jemand, der noch mehr weiß; man kann sehr gelehrt und doch sehr engherzig, sehr bücherweise und doch aller Vorurtheile voll sein. Die Frau hat im Lernen vielfach einen großen Vorzug vor dem Manne; er muß mit seinem Studium immer einen gewissen äußeren Zweck verbinden, die Frau in der Regel, welche sich nicht entschieden einem lehrenden oder gelehrten Beruf widmet, darf manche positiven Details wieder vergessen, sobald sie nur den allgemeinen Inhalt derselben sich angeeignet hat, sie darf die Form zerschlagen und braucht nur den Geist des Dinges in sich aufzunehmen. So ist sie gebildet, ohne gelehrt zu sein; wir erblicken sie mit Wohlbehagen und Freude auf der höheren geistigen Stufe, und die Einfachheit und Bescheidenheit, welche die mit feinem Geschmack begabte Frau stets zieren, vermeiden es den Pfad zu zeigen, auf dem jene Stufe erreicht worden ist.
Es wäre Vermessenheit, sagen zu wollen: Dies und Jenes darf und braucht eine Frau nicht zu wissen und zu lernen. Talente, Liebhaberei, Verhältnisse [54] können darüber allein bestimmen. Wohl aber wird es erlaubt sein, eine Linie zu ziehen und zu sagen, darunter dürfen die Kenntnisse keines Mädchens aus den sogenannten gebildeten Ständen stehen bleiben.
Wir haben natürlich dabei nur die ernsteren Gegenstände im Auge, die bescheideneren aber gediegenen Kenntnisse, die wir heute so häufig als Aschenbrödelchen in den Hintergrund gedrängt finden, während die stolzen Salondamen wie Musik, Sprachen, Zeichnen, sich ungebührlich hervordrängen zu glänzen und zu prahlen.
Aber ein Bischen französisch plaudern und einen schlecht stylisirten unorthographischen Brief schreiben, Lißt und Thalberg spielen und die Heroen unserer Literatur kaum den Namen nach kennen, das ist die strafwürdigste Zersplitterung, die grenzenloseste Verwirrung, welcher der weibliche Bildungsgang anheim fallen kann. Was unsren Mädchen zuerst Noth thut, ist eine ganz gründliche Kenntniß der Weltgeschichte und ihrer Muttersprache, der Geographie, der allgemeinen Naturgesetze und der klassischen Literatur des Vaterlandes. Wenn nicht mehr gelernt, nicht mehr gelehrt werden kann – gut, es genügt wenigstens Nachdenken zu wecken, Klarheit zu geben, dem Geiste eine bestimmte Färbung zu verleihen. Was hilft es, wenn nicht das geistige Bedürfniß nach Mehr, wenigstens nach Erhaltung des Gelernten geweckt, wenn nicht die Möglichkeit gegeben ist, auf ein sicheres, inneres Fundament weiter zu bauen und an das Erlernte anzuknüpfen, damit jenes Resultat erreicht werde, daß selbst die vielbeschäftigte Frau in den Jahren, wo die Sorgen um Familien und Haushalt am größten sind, doch kein höheres Vergnügen, keine bessere Zerstreuung kennt als die, ein gutes Buch zur Hand zu nehmen, Geist und Herz an ihm zu stärken und sich die[55] nöthigen Kenntnisse zu erhalten, welche sie befähigen, ihren Kindern auch später geistig zur Seite zu stehen! Ein oberflächlicher, unentwickelter Verstand hat ja gar nicht die Fähigkeit, sich am Schönen und Besseren zu erquicken, er muß der plattesten Alltäglichkeit anheim fallen oder kann sich höchstens noch an einem mittelmäßigen Roman erfreuen, und der Letzteren Ueberhandnahme beweist am besten und traurigsten, wie groß stets das Verlangen nach solcher Waare ist.
Fremde Sprachen und Künste haben nur dann Werth, wenn sie auf der gediegenen Basis ruhen, welche wir vorhin angedeutet haben. Gewiß sollte man da, wo es die Verhältnisse der Eltern und die Anlagen des Mädchens erlauben, es nicht versäumen, es wenigstens Musik und eine fremde Sprache erlernen zu lassen. Leider sind aber die Anforderungen, welche man jetzt gerade an jene Kunst stellt, so enorm geworden, daß sie kaum mehr zum Hausgebrauch taugt. Sie verschlingt fast jedes andere geistige Interesse und wird dadurch eben so sehr zur Geißel, als sie ja an sich eine der unschätzbarsten Gaben der Himmlischen ist. Man darf es ohne Ketzerei behaupten, daß sie sich als Erziehungsmittel viel zu breit macht und eine Zeit in Anspruch nimmt, welche das Mädchen, wenn es sich damit begnügen wollte, einfache Piecen zu spielen, viel besser und nützlicher anwenden könnte. Wo nicht ein großes Talent vorhanden, da ist es gewiß Thorheit, des Tags fünf bis sechs oder auch nur drei Stunden am Piano zuzubringen, bloß um der Satisfaction willen, die Finger Sprünge und Läufe zu lehren, die ein genialer Componist vielleicht nur erfand, um seine Nachahmer zu verspotten. Wem die Musik Herzenssache ist, wer sie treibt, um dadurch der Seele ein Mittel des Ausdrucks zu leihen, welches die Sprache[56] ihr nicht mehr gewährt, dem ist ihr Segen immer zur Hand, durch welchen Meister er ihr auch huldige. Wenn jedes Mädchen in diesem Sinne der Musik kundig wäre in einfacher, anspruchsloser Weise, nicht um damit in der Gesellschaft zu glänzen, wer möchte dies tadeln oder verwerfen? Denn die Musik ist ohne Frage gerade die Kunst, welche der weiblichen Natur am meisten entspricht und zusagt; doppelt beklagenswerth ist es aber, daß man diesem Fache eine so große Vorliebe zuwendend, bei dem Unterrichte gewöhnlich in der planlosesten und unverständigsten Weise verfährt. Weil die wenigsten Eltern oder Vormünder selbst gründlich Musik verstehen, machen sie bezüglich der Wahl der Lehrer oft die gröbsten Fehler und Tausende von Kindern lernen Klavier spielen und singen, mit einem großen Aufwand an Geld und Zeit, ohne Resultat, denn von den Musiklehrern vor Allen konnte man sagen, und kann es wohl auch noch, obgleich Vieles darin besser geworden: Viele sind berufen, aber Wenige auserwählt!
Wenn ein Kind wirklich Musik lernen soll, so muß damit vor allen Dingen früh begonnen werden, mit dem sechsten, längstens siebenten Jahre. Je weicher die Hand ist, je leichter überwindet sie die technischen Schwierigkeiten, außerdem wird das Kind nicht von vornherein ermüdet, denn man wird es anfänglich nicht länger als fünf Minuten üben lassen, dann zehn Minuten u.s.w., bis es gewissermaßen in die Sache hinein gewachsen ist. Einen andern Vorzug bieten die jetzt immer häufiger werdenden Klavierschulen, vorausgesetzt, daß dieselben gut organisirt und geleitet sind. Das Lernen mit gleich-altrigen Gespielen eifert das Kind an und ermüdet es weit weniger, als wenn es eine ganze Stunde lang neben einem vielleicht recht langweiligen Lehrer lernen soll und dann [57] wieder mehrere Tage lang sich selbst überlassen bleibt. In den ersten zwei bis drei Lehrjahren dürfte ein Kind nie allein üben, schon darum nicht, weil eine Viertelstunde Uebung unter Aufsicht ihm mehr nützt als eine Stunde, in der es bis zur Ueberreizung seiner und der Hörer Nerven für sich allein klimpert. – Verfährt man in solcher Weise, so wird man sicher finden, wie ein Kind mit 10–11 Jahren, wo man es gewöhnlich erst anfangen läßt, schon so gut im Zuge ist, um mit mäßiger Anstrengung, etwa einer Stunde Uebung am Tage, in seinem 16. oder 17. Jahre ganz hübsch und so viel als man für das Haus braucht, musikalisch ausgebildet zu sein. Wir haben hierbei natürlich keine besonderen Talente im Auge, sondern solche Kinder, die eben genügend Gehör, Gedächtniß und Empfindung für Musik haben, um sie mit Erfolg sich anzueignen; andere sollte man selbstverständlich gar nicht damit quälen. – Wahrhaft entsetzlich und nicht genug zu tadeln aber ist es, ein kleines Talent durch übermäßiges Ueben über sein Niveau hinaus heben zu wollen, wie dann überhaupt das unvernünftige Ueben von 5–6 Stunden. am Tage nur solchen gestattet sein sollte, welche die Musik zu ihrem eigentlichen Berufe erwählen, ganz darin aufgehen und theoretische Studien damit verbinden.
Das übertriebne mechanische Ueben kann nur Blödsinn und Gedankenlosigkeit erzeugen; es zerrüttet die Nerven, es tödtet die Gedanken, es erstickt in einem jugendlichen Geiste jedes andere lebhafte Interesse, mit einem Worte, ein junges Mädchen, das ohne besonderen Beruf zur Musik die Hälfte des Tages am Klavier zubringt, muß sonst irgendwo Schaden erleiden, erstens bei der Ausübung seiner Pflichten und zweitens bei der allgemeinen Ausbildung seines Geistes und Verstandes. [58] Sollte man etwa den Einwand erheben, daß sie ihr Klavierspiel später doch verwenden könne als Lehrerin oder Erzieherin, so muß man darauf die Antwort geben, sie solle dann vor allen Dingen Methode lernen, die wird ihr in solchem Falle wirklich nützen, während das eigne brillante Spiel doch nur Kurzsichtige besticht.
Wir wiederholen es, für den Hausgebrauch genügt es vollkommen, wenn ein Mädchen sich täglich eine, höchstens zwei Stunden mit der Musik beschäftigt, ohne jene Kenntnisse zu vernachlässigen, welche dem Mädchen erst mit Recht den Namen einer »Gebildeten« erwerben. Es ist nichts trostloser als eine Gesellschaftsvirtuosin, der alle nöthigen Begleiterinnen einer musikalischen Bildung fehlen. Mit den Künsten ist es wie mit den häuslichen Beschäftigungen; wie deren höhere Blüthe auch nur aus tüchtigen, praktischen Kenntnissen hervorgeht, so muß die Kunst aus einer wahrhaft gebildeten Seele, einem feinen Geschmack hervorwachsen, ehe sie es beanspruchen darf, Andere bewegen zu wollen. Was aber sonst kann diese Eigenschaften verleihen als die Bekanntschaft mit den ernsteren Bildungsmitteln? Die Geschichte weckt den Sinn für das Wahre, die klassische Literatur die Liebe und Begeisterung für das Schöne. Wir dürfen hier mit Recht auf jene alten italienischen Musikschulen zurückweisen, die ihre Schüler mit der größten Strenge in allen Zweigen des allgemeinen Wissens unterrichten ließen, wodurch es allein möglich wurde, daß Sänger jener Zeit, zu unserem jetzigen Erstaunen, nicht nur im Stande waren, hohe Staatsämter zu erlangen, sondern auch sie auszufüllen.
Die bloße Spielerei und Künstelei muß ernstlich aus der Erziehung verbannt werden, sonst kann nie Besseres erreicht werden.
[59] Das halbe Können und halbe Wissen aller möglichen Dinge ist zu verderblich, als daß man es noch länger dulden sollte. Im Gegensatz zur Musik, wo auch Weniges schon erfreut, sollte man eine fremde Sprache nie lehren, wenn sie nicht gründlich erlernt werden kann. Dazu muß schon mit dem Kinde begonnen, und der Unterricht muß jahrelang fortgesetzt werden. Viele Eltern, die ihre Kinder mit dreizehn oder vierzehn Jahren noch anfangen lassen, »ein wenig französisch zu lernen« und nach zwei bis drei Jahren wieder damit aufhören, vergeuden Geld und Zeit ohne Nutzen. In eben so vielen Monaten ist das mühsam Erlernte wieder vergessen, wenn nicht großer Fleiß und Liebhaberei zur Sache vorhanden sind. Aber gründlich erlernt gewährt die Kenntniß fremder Sprachen gewiß einen unendlichen Vortheil.
Wie die Künste mehr geeignet sind, das Gemüthsleben zu erwecken, so wirkt das Studium der Sprachen für den Geist belebend und ermunternd. Indem es den ganzen Geist einer fremden Nation durch die Kenntniß ihrer Literatur erschließt, vermittelt es der Frau die reichste Bildungsquelle selbst da, wo ihrer Zunge die leichte Beweglichkeit fehlt, welche das fremde Idiom wiederzugeben im Stande ist. Lehrt das Mädchen Sprachen, aber lehrt sie gründlich, denn Stückwerk ist hier eben so verwerflich wie auf jedem anderen Gebiet! Kann dies nicht stattfinden, dann muß man es unterlassen, damit das als nothwendig Anerkannte und Geforderte nicht darunter leide.
Wir fühlen es, daß es fast eng und beschränkt erscheint, immer nur so auf das Nothwendige zu dringen, aber wie kann der Zersplitterung in der weiblichen Erziehung anders entgegengearbeitet werden? Sei der Kreis [60] des Wissens auch noch so klein, er muß ganz ausgefüllt werden, oder wir werden immer am Oberflächlichen haften bleiben, niemals klaren Geistes werden. Die Lückenhaftigkeit des weiblichen Wissens kommt einzig und allein daher, daß man uns lückenhaft belehrt. Die meisten männlichen Lehrer halten es nicht für der Mühe werth, ihre weiblichen Zöglinge über den Geist der Geschichte, der Literaturen aufzuklären. Es ist dies allerdings schwierig Kindern gegenüber, die mit dem vierzehnten, fünfzehnten Jahre schon der Schule entwachsen sind. Aber auch die Facta werden uns in der Regel zerbröckelt mitgetheilt, und wo der richtige Zusammenhang fehlt, da kann von keiner gründlichen Bildung die Rede sein. Die Kindergärtnerei, welche, wo man sie mißversteht, spielend belehren will, wiederholt sich häufig im Großen in der weiblichen Erziehung; sie gibt einzelne Bilder statt eines großen umfassenden Panorama's, und anders dürften sich Geschichte und Literatur nie vor den Blicken des Mädchens entrollen, wenn sie Eindruck machen sollen. Wie anders müßte es werden, wenn wir solche Lehranstalten besäßen, wie wir sie früher schon angedeutet, wo nach einer bestimmten Regel, in einem Gusse, die Bildung des Mädchens gefördert würde. In dem Zeitraum vom sechsten bis zum achtzehnten Jahre läßt sich ohne große Anstrengung unendlich viel lernen, wenn nicht gespielt, sondern gelernt wird, wobei wir voraussetzen, daß nicht ewiger Lehrerwechsel stattfindet oder, wo dies der Fall, daß der Nachfolger genau da fortfahre, wo sein Vorgänger geblieben. Die Lehrgegenstände, welche wir vorhin genannt, im Verein mit der französischen Sprache, können in diesem Zeitraum vollständig absolvirt werden und lassen noch Raum genug zur Erlernung von Handarbeiten [61] und zur Anleitung in den häuslichen Geschäften.
Wir setzen in Bezug auf das Französische voraus, daß die momentane Animosität, welche sich gegen das Erlernen dieser Sprache geltend machte, wieder der gesünderen Betrachtung gewichen, wie wir damit nur in den gleichen Fehler verfallen würden, den man den Franzosen bezüglich des Erlernens der deutschen Sprache so häufig zum Vorwurf macht. Ueberdem hat das Studium der französischen Sprache andere erziehliche Vortheile, die wir in einem späteren Kapitel näher dargelegt haben, abgesehen davon, daß Jeder, welcher ordentlich deutsch und französisch versteht, nicht allein das Englische, sondern auch die rein romanischen Sprachen mit großer Leichtigkeit sich aneignet.
Unsere Mädchen würden so weit weniger angestrengt werden, als es jetzt geschieht, und Alles, was man zum Nutzen von Turnstunden und gymnastischen Uebungen geltend gemacht, nämlich als Gegengewicht gegen das viele Sitzen des Mädchens im Schulzimmer, dies würde durch die Bewegung in Küche und Haus in den späteren Jahren, wo die Turnerei nicht mehr an ihrem Platze ist, vollständig ersetzt werden. Ein so gebildetes Mädchen wird nie in Verlegenheit sein, sich weiter fort zu bilden, weil es die nöthigen Anknüpfungspunkte besitzt; als Mutter kann es seiner späteren Pflicht Genüge leisten, als Unverheirathete ohne große Anstrengung sich die weitere Ausbildung erwerben, welche es zu einem selbstständigen Wirken befähigt. Aber was die Hauptsache bleibt, die geregelte, geistige Erziehung, im höheren menschlichen Sinne aufgefaßt, wird zugleich Herz und Gemüth der Frau entwickeln, und nicht der Grad des Wissens wird dann die wahre weibliche Bildungsstufe [62] bezeichnen, sondern jene Frau steht am höchsten, deren Geist in vorurtheilslosester Milde, deren Herz in reinster Güte erglänzt. Aber wir müssen daran festhalten, daß diese Eigenschaften errungen werden können ohne die Zuthat von Sprachen und Künsten, jedoch niemals ohne einen tiefen Blick in die Erhabenheit der Geschichte und der Naturgesetze, ohne einen Trunk aus dem Born unserer vaterländischen Poesie. – In dieser Weise wird neben den gemüthlichen Eigenschaften auch der Geschmack gebildet, und ein Mädchen, das unsere klassischen Dichter kennt und liebt, wird sich von selbst von allem Trivialen und Schlechten in der Literatur abwenden. Die Lecture ist für die Frau ein zu wichtiges Fortbildungsmittel, als daß man sie nicht mit aller Strenge auf den rechten Weg leiten müßte. Es ist die erste Pflicht einer Mutter oder Erzieherin, dieselbe bei dem jungen Mädchen alles Ernstes zu überwachen; denn durch das Lesen schlechter Bücher kann die beste Erziehung wieder zernichtet werden. Bis der Geist sich zu einer gewissen Reife entwickelt, muß man alles fern halten, was ihn stören kann, und besonders jene zimperlichen, überschwänglichen Poesien und mondscheinhaften Frauenideale, womit die neuere Lyrik uns nur zu reichlich versorgt. Sentimentalität und Frivolität müssen wir von der weiblichen Jugend gleichmäßig entfernen; jene goldverzierten Bändchen: Den Frauen gewidmet, taugen ihnen ebenso wenig als die französischen und viele deutsche Romane; sie brauchen frischere und gesündere Kost. Wir möchten damit keineswegs der jüngeren Frauenwelt alle Romane vorenthalten, im Gegentheil, ein guter Roman ist oft geeigneter, den höheren ideellen Sinn anzuregen und gute Vorsätze zu erwecken, als hundert moralische Vorlesungen. Das Frauenauge soll sich daran gewöhnen, [63] das Leben im Bilde der Dichtung wieder zu erkennen, wenn es auch oft trübe und schauerlich sich zeigt, aber den Schmutz sowohl wie das Schwächliche in der Literatur muß man ihrem Auge möglichst weit und lang entrücken.
Wenn wir vorhin der geistreichen Frauen gedachten, die sich häufig häuslicher Arbeiten schämen, so können wir diese Betrachtung nicht schließen, ohne der tugendhaften Hausmütter und Haustöchter zu gedenken, welche mit derselben Verachtung auf jede geistige Beschäftigung herabsehen. Auf sie paßt vollkommen jenes Wort von Elisabeth von Stägemann: »Man verachtet gar zu gerne, was man nicht versteht und woran man eben darum nicht glaubt. Wenn Jemand irgend ein Talent nicht hat, so ist er immer eher geneigt, den Enthusiasmus des anderen dafür zu tadeln oder lächerlich zu finden, ehe er sich's gesteht, daß ihm der Sinn dafür abgehen könne!« Wie muß diesen geschäftigen Martha's gegenüber eine höher strebende Frau mit demüthiger Miene jeden höheren Aufschwung unterdrücken und gewissermaßen um Verzeihung bitten, daß sie sich noch für mehr interessirt als den Strickstrumpf, das Dienstmädchen und den Sonntagsbraten. Mit welch dünkelhaftem Hochmuth kann eine solche gute Hausfrau die Achseln zucken, wenn von einem guten Buche oder einem sonstigen geistigen Interesse die Rede ist, wie verächtlich kann sie sagen: dazu habe ich keine Zeit! oder: darüber kann eine Frau nicht sprechen! Aber sie haben Zeit für die kleinlichsten Pedanterien des Haushalts, haben Zeit für den gewöhnlichsten Roman, haben Zeit für endlose Kaffe- und Klatschvisiten. – Was soll diese Gegensätze anders vermitteln als die Bildung? Denselben Respekt, welchen wir dem Mädchen vor dem häuslichen Wirken beibringen [64] wollen, müssen wir ihm auch vor den geistigen Beschäftigungen einflößen. Wie die Frau ersteres als die Summe ihrer nächsten Pflichten, so muß sie die letzteren als ihr höchstes, ewiges Gut schätzen, das keine Macht der Erde ihr entreißen darf. Mit diesem Standpunkt ist für die Frau Alles erreicht und ihr der Weg zur Stufe der höchsten moralischen Vollkommenheit gebahnt, dann steht sie dem Manne völlig gleichberechtigt zur Seite und es gilt von ihr wie von ihm:
»Sein Schicksal schafft sich selbst der Mann!«