Vorwort zur ersten Auflage

[5] Die nachfolgenden Blätter erheben keinerlei Anspruch darauf, für eine pädagogische Schrift zu gelten: ihr einziger Zweck ist der, anzuregen und ein ungefähres Ideal dessen aufzustellen, was die Frau der heutigen Zeit für sich erstreben sollte. Wenn wir uns erst klar über die Endpunkte einer Frage sind, die man heute so lebhaft hin und her erörtert, dann wird es der eigentlichen Erziehung ein Leichtes sein, die Wege aufzufinden, welche dahin führen. Daß die weibliche Erziehung im Augenblick die Gemüther so lebhaft beschäftigt, beweist am besten, wie tief man deren Mängel fühlt und wie zugleich die Ueberzeugung erwacht ist, daß eine höhere Entwickelung der weiblichen Kräfte durchaus nothwendig und zeitgemäß sei. Es scheint uns, daß dieser Fortschritt seine hauptsächlichste Pflanzstätte in dem gebildeten Mittelstande finden muß, und von dessen Verhältnissen sind wir bei unserer Betrachtung vornehmlich ausgegangen.

[6] Wir glauben nämlich, die höchste und schönste Aufgabe der Frau darin zu finden, daß sie das Nothwendige mit dem Schönen, das Geistige und Materielle zu einem harmonischen Ganzen verbinde, und sind zugleich überzeugt, daß nur innerhalb dieses Wirkens alle ihre natürlichen Kräfte zu ihrer völligen Entwickelung gelangen können. Im Mittelstande ist dazu die nächste Möglichkeit gegeben, und dort vereinigen sich auch heute noch so viele gesunde Elemente der Weiblichkeit, daß von ihm zunächst die Verfasserin auf ein richtiges Verständniß hoffen darf.

Möge das kleine Werk so freundlich aufgenommen werden, als es aus innerster Ueberzeugung und dem lebhaftesten Wunsche entsprungen ist, etwas wirklich Gutes zu fördern und anzuregen, und mögen seine Mängel der Ungeübtheit einer weiblichen Feder, nicht der Gesinnung der Verfasserin angerechnet werden, welche stets von dem für ein Frauenherz so erhebenden Gedanken geleitet wurde, ihr Geschlecht einst auf der möglichsten Stufe seiner Vollendung zu erblicken. In dieser Zuversicht sei es, der Frauenwelt vornehmlich, zu freundlichem Verständniß und Entgegenkommen an's Herz gelegt.

L. B.


Quelle:
Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf. Leipzig 41872, S. V-VII.
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