[12] Mit einem erklärlichen Gefühl von Wehmuth und Freude nehmen wir nach einem Zeitraum von zwölf Jahren, unser kleines, halbvergessenes Buch wieder zur Hand, um eine vierte Auflage desselben vorzubereiten. –
Es mag zum Theil die Ungunst äußerer Verhältnisse – der mehrmalige Wechsel des Verlags, welcher sich aber jetzt in den besten Händen befindet – Schuld daran gewesen sein, daß sich das Interesse des Publikum's dafür verringerte; anderntheils hat man sich seitdem so lebhaft mit Allem beschäftigt, was sich auf die Beziehung, die Stellung, mit einem Worte, auf das ganze Wesen der Frau bezieht, es ist so viel Treffliches und Gediegenes darüber gesagt worden, daß in dieser Hochfluth leicht dasjenige verloren gehen mochte, was zuerst mit schüchternem Finger an diese Fragen gerührt hatte. – Das Interesse der Verfasserin selbst an diesem Gegenstande, [13] war inzwischen nicht allein das Gleiche geblieben, es war von Jahr zu Jahr gewachsen und sie darf sich das Zeugniß geben, daß sie nicht allein theoretisch zu wirken suchte, daß sie seitdem auch unermüdlich auf dem practischen Felde gearbeitet, und sich bemühte Manches von dem, was sie als richtig und wünschenswerth erkannt, in das Leben rufen zu helfen. Dabei aber erwuchs ihr die feste Ueberzeugung, daß auch nur Diejenigen, sei es Mann oder Frau, zu einer endlichen und befriedigenden Lösung der Frauenfrage berufen sind, welche sie auf dem Boden der Wirklichkeit studirt, welche die Mängel der Erziehung und des Wirkungskreises der Frauen bis zu ihrer Wurzel verfolgt, und auf thatsächliche Erfahrungen gestützt, ihre Reformen von unten herauf beginnen. –
Indem wir nun selbst in dieser Weise der Wirklichkeit nahe zu treten uns bemühten, überzeugten wir uns, wie das, was wir früher ausgesprochen, oft noch schärfer und nachdrücklicher hätte betont werden dürfen, und sehen uns daher um so weniger veranlaßt zu theilweisen Streichungen zu schreiten, als wir Heute nach den großen Bemühungen, die allerorten gemacht werden, auch schon wieder erhöhte Forderungen an die Tüchtigkeit und die Selbsterziehung des Geschlechtes stellen dürfen.
[14] Zugleich aber dürfen wir nicht verschweigen, wie wir selbst in Folge eigner Erfahrungen und Prüfungen, auch einige unserer persönlichen Ansichten geändert und modificirt haben. Es ist dies namentlich der Fall bezüglich der weiblichen Erwerbsfrage, wo wir anerkennen müssen, daß es weit öfter eine Nothwendigkeit für Mädchen der höheren Stände ist, sich selbstständig zu ernähren, als wir dies früher geglaubt. Ueber diejenigen Berufsarten, welche in solchem Falle sich nach unserem bescheidnen Ermessen, als die Zweckmäßigsten darbieten, haben wir uns in neuster Zeit in einer besondren kleinen Schrift1 ausgesprochen, und verweisen Solche darauf, die sich etwa Rath darüber erholen möchten. –
In Uebereinstimmung mit dem Gesagten ergibt es sich von selbst, daß wir ein Kapitel der früheren Auflagen: Verkehrte Richtungen, hinwegfallen ließen, dagegen wurden, wie bei der dritten Auflage auch schon geschehen, vier neue Kapitel hinzugefügt.
Die übrigen, schon bekannten Abschnitte sind sorgfältig überarbeitet und bedeutend vermehrt worden und so hoffen wir, der heutigen Leserin, wiederum eine willkommne und auf der Höhe der Zeit [15] stehende Gabe mit unserem Büchlein zu bieten, das zuerst in bescheidnen Dimensionen erscheinend, nothwendigerweise mit der wachsenden Bedeutung des Gegenstandes, an Umfang zunehmen mußte.
Mit demselben Vertrauen, mit dem wir es zuerst der deutschen Frau, dem deutschen Mädchen in die Hand gelegt, thun wir es auch Heute, denn wir sind uns bewußt, in unserer Gesinnung für sie die Gleiche geblieben zu sein, sind uns bewußt, daß wir, wenn vielleicht auch manchmal irrend, nur nach bester und wärmster Ueberzeugung das Wahrhaftige und das Weibliche, zugleich aber auch das Menschliche für sie anstreben.
Möge es uns gelingen, auch Heute wieder nach langer Trennung, warme Freundinnen für unsere Ansichten zu gewinnen, möchten mir ein Weniges dazu beitragen, die noch immer bestehende Lauheit, den Indifferentismus zu überwinden, der einer höheren Entwicklung des eignen Geschlechts noch so vielfach hemmend im Wege steht, damit endlich einmal die Frau nicht immer nur das eigne Herz, sondern das Herz der Menschheit in ihrem Busen schlagen fühle! –
Darmstadt, August 1872. –
Luise Büchner.