Vorwort zur zweiten Auflage

[7] Die freundliche Aufnahme, welche unserm kleinen Werke alsbald nach seinem Erscheinen zu Theil wurde und in kurzer Zeit eine wiederholte Auflage nöthig machte, scheint uns den besten Beweis dafür zu liefern, daß sich wirklich in unsrer Frauenwelt noch in genügender Anzahl jene gesunden Elemente vorfinden, an welche die Verfasserin in dem Vorwort zur ersten Auflage appellirte. Gewiß kommt dieser rasche Erfolg viel weniger deren eignem Verdienste als vielmehr dem Umstande zu, daß es in der That ein Bedürfniß der Zeit zu sein scheint, anregende Worte über die Wichtigkeit einer besseren weiblichen Erziehung zu vernehmen. Einsichtsvolle und begabte Erzieher werden es vielleicht nicht verschmähen, in dem Sinne fortzuwirken, welcher, wie wir uns überzeugt zu haben glauben, Anklang bei der Frauenwie bei der Männerwelt gefunden hat.

[8] Daß die Verhältnisse Manches von dem hier Ausgesprochenen – soll es eine praktische Anwendung finden – in einer oder der andern Weise modificiren werden, verkennen wir nicht, aber im großen Ganzen glaubt die Verfasserin nicht zu viel angestrebt und gefordert zu haben.

Nicht durch die Kritik, sondern auf Privatwegen mußten wir öfter ein Bedenken darüber hören, daß sich unser Schriftchen nicht über das religiöse Element in der Erziehung verbreitet habe. Dagegen bemerken wir Folgendes: Einmal lag eine solche Erwähnung außerhalb der Tendenz unsrer Ausführung, welche sich mehr mit den Endzielen der Erziehung, als mit den Mitteln dazu beschäftigt, und zum Zweiten glauben wir durch den beständigen Hinweis auf die Ausbildung der Pflichttreue, einer weisen Selbstbeschränkung, des Schönheitsgefühls, der inneren Wahrheit und der Menschenliebe den Inbegriff aller Religiosität und Gottesfurcht genugsam gepredigt zu haben. Sich weiter darüber zu verbreiten hielt die Verfasserin nicht für schicklich in einer Zeit, wo das streitende Element in den religiösen Fragen wieder mehr als je in den Vordergrund getreten ist – da doch ihr Büchlein seiner ganzen Fassung nach Allen gehören soll, ohne Unterschied des Bekenntnisses oder der [9] Glaubensrichtung. Die religiöse Erziehung scheint eine Sache zu sein, welche man dem Bewußtsein und der Bestimmung jeder einzelnen Familie überlassen soll.

Durch die freundliche Aufnahme und den raschen Erfolg ihres Büchleins ermuthigt, übergibt die Verfasserin, unter Nennung ihres Namens, diese zweite Auflage mit gesteigertem Vertrauen den Händen der Frauenwelt. Denen, welche vielleicht nicht mit Allem einverstanden sind, was unsre Ueberzeugung uns lehrte, rufen wir zu: Prüfet Alles und das Beste behaltet!

Am Schlusse fühlt sich die Verfasserin gedrungen der Verlagshandlung, welche durch ihre bekannte und uneigennützige Thätigkeit nicht das Wenigste zur schnellen Verbreitung vorliegenden Werkchens beigetragen hat, ihren freundlichen Dank auszusprechen. –

Darmstadt im Januar 1856.


Luise Büchner.

Quelle:
Luise Büchner: Die Frauen und ihr Beruf. Leipzig 41872, S. VII-X.
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