Die Buche

[37] Allein steht eine Buche

Entfernt vom Waldesplan,

Von Sträuchern nur umgeben

Zu klein, sie zu erstreben,

An die sie sich nicht lehnen kann.


Doch wie sie so alleine

Dort wurzelt stolz und stark,

Verkünden Wuchs und Krone,

Daß tief im Innern wohne

Ein kräftiges und edles Mark.


Es mag der Sturm umpeitschen

Und wild umtoben sie;

Er mag die Zweige knicken,

Die Blitze sie umzücken,

Den Wipfel beugt sie feige nie!


Doch unter diesem Wipfel

Hängt sicher manches Nest,

Zur Blüthe Knospen streben,

Hebt sich zu höh'rem Leben

Am Stamm empor der Epheu fest.


[38] O, Baum, in deiner Höhe,

Wie glücklich scheinst du mir!

Die Starke bei den Schwachen,

Darfst du sie stolz bewachen

Und Alles schaut hinauf zu dir!


Da reget sie die Zweige

Und flüstert leis' und lind:

»Wohl schön ist's, daß ich ihnen,

Den Schwachen, hier kann dienen,

Doch bin ich drum nicht frohgesinnt.


Wie ich allein hier stehe

Ganz auf mich selbst gestellt,

Wär' unter meinem Dache

Ich lieber doch die schwache

Feldblume, die mein Schutz erhält.


Wär' lieber selbst das Vöglein,

Das süß mir Lieder singt,

Am liebsten wohl der warme

Epheu, der seine Arme

In Lieb' und Treue um mich schlingt!«

Quelle:
Luise Büchner: Frauenherz. Berlin 1862, S. 36-38.
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