Zweiter Auftritt.

[29] BRUNO zu einem Tollen an der rechten Seite.

Man hat Ihn also, wie es scheint, mit Unrecht

Hieher gebracht? Abscheulich!

DER TOLLE.

Giebt es Recht

Im heutigen Zeitalter?

BRUNO.

Er hat Recht!

Gab man denn gar nichts an, auch als Prätext?

DER TOLLE.

Prätext? Mehr als genug!

BRUNO.

Was?

DER TOLLE.

Meine Lehre:

Ichlehr' – Urlehr' – Alllehr' – Einfachheitslehre –

Mein Allerhöchstichselbstichheitssystem.

BRUNO.

Hat eine Einheitslehre Er geschrieben?

DER TOLLE.

Ein'? – o! mein armes Publicum! – nicht eine;

Drei – neune – neunmalneunzig – neunmal alle –

Geschrieben, längst gesetzt, gedruckt, geboten –

Hör'! hat Er Ohren? hör' einmal! Zuerst

Jordan's; dann Jordan Bruno's; dann Jordanus

Bruno di Nola's; dann unzählige

Schlechthin alleinselbstseligmachende

Einfachheitslehren, die gesammt aus jener

Mithin, schlechthin, selbsthin, urselbstschlechthin

Im logischstrengsten Widerspruche fließen.

BRUNO.

Jetzt hab' ich gnug. Sein Diener!

DER TOLLE.

Warte! warte!

Ich will Ihm sie vom Anfang bis zum Ende,[29]

Das heißt, von Ewigkeit zu Ewigkeit,

Ganz kurz in einem Privatissimo

Hier öffentlich für ein geringes Ehrgeld

Gratis vorlesen. A

BRUNO.

Spar' Er sich nur

Die Müh'! Ich weiß schon alles, lieber Freund.


Er kehrt sich weg.


DER TOLLE.

Den Teufel mag er wissen! Ist ein Esel!

Kein Anderer weiß etwas, als das Ich;

Und ich bin's Ich. Hör' Er nur, Monsieur Nicht-Ich!

Ich werd' Ihn zum Verstehn schon zwingen: A

BRUNO vor sich.

Mir wird vor'm A in diesem Munde bange;

Sein Ich macht meines schaudern –

DER TOLLE.

AAA


Bruno eilt zu einer entfernteren Zelle.


Quelle:
Baggesen, Jens: Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer. Jens Baggesen's Poetische Werke in deutscher Sprache, Bd. 3, Leipzig 1836 [Nachdruck: Bern, Frankfurt am Main, New York 1985], S. 29-30.
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Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer
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