Vierter Auftritt.

[192] SATAN.

Was stürzt herab?

EINE FREMDE HOHLE STIMME.

Dein erster Unterthan!

SATAN.

Mein Mephistopheles! – Was bringst Du Böses,

Dein werth, und des entsetzlichen Getöses?[192]

MEPHISTOPHELES athemlos.

'Nen neuen Faust! und glückt mit ihm mein Plan,

Ist's um das Reich des obern Lichts gethan.

SATAN.

Empfange der gesammten Hölle Gruß!


Es tönt aus allen Orten ein unendliches Weh!


Sie setze Dich, zu meinem rechten Fuß,

Auf diesen eingesunkenen Vulkan!

Noch näher! – eine Höllenmeile näher –

Ganz nah'! – Erzähle, mein gewandter Späher,

Ist mit den Dichtern etwas Dir geglückt. –

MEPHISTOPHELES.

Du weißt mein altes Werk. Sie sind verrückt,

Dank sey's dem ersten Faust! schon längst geworden,

Am Busen tragend unsern rothen Orden;

Doch durch den zweiten bring' ich's noch dahin

(Das Werk ist schon in kräftigem Beginn),

Daß sie den schwarzen auch im Busen tragen;

Und – mehr als eine Grethe wird's beklagen!

Allein der neue Faust will auch dafür

Sehr viel – fast mehr als höllische Gebühr.

SATAN.

Du hast ihn also noch nicht ganz in Händen?

MEPHISTOPHELES.

Nein, großer Meister, nur die beiden Enden.

SATAN.

O, dann ist jede Schwierigkeit ein Scherz!

MEPHISTOPHELES.

Das Mittelstück ist noch nicht mein, das Herz!

SATAN

Was will dafür er? sprich!

MEPHISTOPHELES.

Ich darf's kaum sagen –

SATAN.

Sprich! ich befehle Dir –

MEPHISTOPHELES.

Ich darf's nicht wagen. –[193]

SATAN in aufgeblasenem Ton.

Ist's mehr als ich dem Nero droben gab,

Mehr als die Welt zum Haus, und Ewigkeit zum Grab?

MEPHISTOPHELES.

So viel nun eben nicht; doch schwerer Dir zu geben!

SATAN ungeduldig.

Ist es die Welt zum Grab, und Ewigkeit zum Leben?

MEPHISTOPHELES.

Du prahlst! Das giebt nur der, den ich nicht nennen

darf,

Deß Blick vom Himmel Dich und mich herunterwarf.

SATAN.

Was will er denn?

MEPHISTOPHELES.

Erst bei dem höchsten Schwur

Der Hölle sichre mir –

SATAN.

Vorher die Frage nur:

Was wird er leisten? Wird er alle Grethen

In Deutschland lehren magdalenabethen?

Wird er die Pfarrerstöchter alle Dir

Verführen? Daran liegt am meisten mir!

MEPHISTOPHELES.

Das nach und nach; und überhaupt, was gut

Und rein, und heilig ist auf Erden: Jugend,

Genie, Natur, Kunst, Wissenschaft, und Tugend

Verwandeln in barbarisch tolle Wuth.

SATAN.

Wenn er das leistet, schwör' ich bei dem Haupt

Der Menschenschänder, das der Erde raubt

Die letzte Hoffnung –

MEPHISTOPHELES.

Schwör bei dem, was Dir

Noch höher, heilig, und noch theurer mir!

SATAN.

Wohlan denn – bei dem Ganzen jenes Haupts,

Wovon es selbst ein Theilchen nur ist, glaubt's

Auch, Alles gar zu seyn – bei'm höchsten Lug![194]

Er fordert nie von meiner Macht genug.

Sprich also!

MEPHISTOPHELES.

Schwör' auch mir, mich nicht zu strafen,

Wenn Du den Schwur bereust!

SATAN.

Ich schwöre Dir

Bei'm Lug!

MEPHISTOPHELES zaudernd.

Es läßt sich nicht aussprechen –

Die Sprache weigert sich der Forderung des Frechen.


Er giebt Satan ein unsichtbares Zeichen.


SATAN.

Was? mit der Sünde selber? – ist er toll?

MEPHISTOPHELES.

Gerade! Thut man sonst, was man nicht soll?

Der Sünde Sünd' hat er zu denken Dich gelehrt;

Du siehst daraus allein, der Kerl sey etwas werth.

SATAN.

Durch den Gedanken bloß gehört er mir;

Nicht That allein verdammt, auch schon Begier.

MEPHISTOPHELES.

Wenn Wunsch schon Wille wäre, zugegeben!

Allein da fehlt noch viel. Ein junges Leben

Kennt nichts als Wunsch und That – die letzte nur

Beweist das Ueberschreiten der Natur.

O! gäben böse Lüste, Wünsche, Triebe,

Begier – und überhaupt die Sündenliebe

Der Hölle schon zu einer Seele Recht,

Gehört' uns längst das ganze Menschgeschlecht.

Zwar zweifl' ich nicht, er wird uns nicht entlaufen –

Er kömmt von selbst, wenn wir ihn auch nicht kaufen,

Einmal am End' – allein was bringt das Dir,

'Nen Höllenbraten mehr zu haben hier?

'Nen Teufel mehr dort oben, um zu Haufen

Die Braten uns zu senden, willst du kaufen.

Ein junger Dichter, der die Sünde lehrt,

Ist mehr als tausend alte Sünder werth,[195]

Die keine Pfarrerstöchter uns entflammen,

Und höchstens kümmerlich sich selbst verdammen.

SATAN.

Es liegt mir viel an deutscher Poesie –

Philosophie – des Ew'gen Offenbarung –

Der Unschuld – und der freien Seelen Nahrung –

MEPHISTOPHELES.

Durch diesen neuen Faust bekömmst Du sie!

SATAN.

Doch, auf der andern Seite, mich zum Lachen

Ihm Preis zu geben – mich zum Werkzeug machen

Der eignen Schande!

MEPHISTOPHELES.

Schand'? o! spreche nicht,

Von Schand', und zeig der Hölle Dein Gesicht!

Du trügst hier Keinen, ewiger Betrug!

Was? glaubst Du zu verbergen dieses grelle

Brandzeichen, das Dir lodert an der Stelle

Der Krone, die Dein Haupt als Seraph trug?

Noch Schande scheut, der schwört bei'm ew'gen Lug?

Bei Sich! – Es ist zum Toll-, zum Rasendwerden!

Es scheut sich nicht einmal Dein Knecht auf Erden. –

SATAN versunken in sich selbst.

O Höllenhöhe! Höllengröße! Thron

Der ew'gen Nacht! was kostest Du mir schon!

Dich zu erringen ward der Engel Teufel –

Dich zu erhalten wird der Teufel weit

Das kriechendste der weltverworfnen Thiere,

Das niederträchtigste der Niederträchtigkeit. –


Mit auffahrender Stimme.


Ich hab's geschworen bei dem ew'gen Lug!

Es sey! bring mir ihn her in schnellem Flug!

MEPHISTOPHELES.

Dein Wink mir, großer Meister, ist genug.


Er fährt unsichtbar, aber sehr hörbar ab.
[196]


Quelle:
Baggesen, Jens: Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer. Jens Baggesen's Poetische Werke in deutscher Sprache, Bd. 3, Leipzig 1836 [Nachdruck: Bern, Frankfurt am Main, New York 1985], S. 192-197.
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