Erster und einziger Auftritt.

[211] Trompetenstöße beim Eintritt des Herzogs, mit Gefolge, auf den Balcon.


HANS WURST in einem großen buntschäckigen Mantel, aber ohne Hut, mit freifliegenden Haaren, springt aus einer hohlen Eiche hervor.

O! Wundernacht!

HERZOG zum Tollhausinspector.

Da haben wir ihn wieder!

HANS WURST sich gegen den Herzog und die Zuschauer verbeugend.

Ich bin in dieser neuen Tracht

Der aufgeschobne erste Act

Zum Vortheil nämlich für das Ganze,

Geschickt verwandelt in Romanze. –


Gar Vieles kann und muß geschehn

Auf dem Theater, wie auf Erden,[211]

Das ohne Scheu gehört darf werden,

Und doch sich schicklich nicht läßt sehn;

Oft, was am meisten urpoetisch,

Natürlichschön, und grundgenetisch:

(Zum Beispiel, was der Reichssoldat

In Götz von Berlichingen that) –

Die stärkste der herkulschen Thaten –

Die erste beste Niederkunft –

Es billigt solches die Vernunft;

Die Tugend selber darf's errathen;

Die Polizei verbietet's nicht;

Die Kirche selbst hat nichts dagegen;

Ist eigentlich der größte Segen –

Und doch beleidigt's das Gesicht. –

O! wäre die Romanze nicht,

Und dürfte sie nicht Alles sagen –

Wie Vieles ginge dem Gedicht

Verloren, selbst in unsern Tagen!


Er wirft den Mantel ab, und steht plötzlich als die Romanze selbst in Frauenzimmerkleidern da.

Der ganze Balcon klatscht.


Die Romanze.

Jüngst in einem hochgewölbten

Engen Zimmer, gothisch, dunkel,

Zugemacht das kleine Thürchen

Mit dem ausgesägten Herzen –


Auf dem wunderbaren Kreisloch

Mit dem Zapf (der Erde Zeichen

Magisch ruhend ohne Ruhe –

Saß der junge wackre Faustus.


Grimm im Kopfe, Grimm im Bauche,

Welt und Daseyn laut verwünschend

(Denn er ist ein großer Dichter,

Und ein großer Philosophe!)
[212]

Saß er da, wie Polyphemos,

Gegen Gott, Natur, und Schicksal

Trotzig donnernd, plastisch wüthend –

Und genirte sein Genie nicht;


Es werden ab und zu Trompeten- und Hörnerstöße im Hintergrunde gehört.


Fluchte, tobte, schimpfte kecklich,

Blasphemirt' auf's allerbeste –

Dachte Sätze, Scenen, Thaten,

Unerhörte, niegedachte.


Lag ihm nämlich sehr im Sinne,

Zu gemüthen etwas Größres,

Genialisch-gothisch-großes,

Als bisher gemüthet worden.


Jagdhörnerstoß.


Unter sieben Jauer-Purschen,

Eben so viel Unstudenten,

Jeder voll gewalt'ger Thierkraft,

War er schon der Leu seit lange.


Jeder trieb's, mit tief entblößtem

Schweinigen, auf seine Weise,

(Ganz des Teufels nur zu werden)

In Genie, so weit er konnte;


Weit am weitsten doch im Schlemmen,

Saufen, Prügeln, und dergleichen

Trieb's der göttlich grobe Junge;

Lange doch nicht weit genugsam.


Zwar bewundert und beneidet

War er von den andern Allen;

Lange doch, trotz allem Unthun,

Angebetet – von sich selbst nur.
[213]

Endlich am besagten Orte,

Nach viel gar verwegnem Sinnen,

Glückt' es ihm, sich auszudenken

Productiver Sünden Sünde.


Trompetenstoß.


Alsobald erschien der Böse

(Denn er kömmt auf der Gedanken

Wink), durch's Herz der Thüre fahrend,

Fragend ihn: »Was willtu, Meister?«


»Wer bistu, der mich zu stören

Wagt?« begann der kecke Fauste,

Wenig nur vom Sitze hebend

Seinen Körper in die Höhe.


»Mephistopheles, der Schildknapp

Deines sel'gen großen Vaters!«

Gab zur Antwort ihm der Böse,

Mit gar schönem Pferdekratzfuß.


»Lügner!« rief der Fauste zornig,

»In drei Worten dreimal lügend!

Erstlich war nicht Faust mein Vater;

Zweitens war mein Vater groß nicht;


Drittens holt' ihn ja der Teufel,

Mithin ist er wohl nicht selig. –

Willtu täuschen, dichte so, daß

Der Belogne wird betrogen!«


Drauf der Mephistophel pfiffig

(Denn das sind die meisten Teufel;

Alle nicht; es giebt auch dumme!):

»Freilich hab' ich Dir gelogen –


(Muß es thun, der Uebung wegen) –

Aber diesmal log ich Wahrheit:

Nennst nicht Faust Dich? hast den Teufel

Nicht gerufen? kennst nicht Gretchen?«
[214]

»Rothwamms«, rief der Junge, gierig

Mehr zu hören (denn er wußte

Nichts von seiner Herkunft, hoffte

Bloß, er sey vielleicht ein Hurkind.)


»Faust zwar nannten mich die Eltern,

Arme, längst gestorbne Hütt'ner

Draußen in dem wilden Schwarzwald,

Wo ich anfangs auferzogen –


Unter uns gesagt, doch glaubt' ich,

Nur der starken Hände wegen,

Die sich schon im dritten Jahre

Grimmig gegen Beide ballten.


Oft zwar rief ich auch den Teufel,

Mir mit Höllenkraft zu helfen,

Daß ich aller Schüler Meister

Werd' in genial'scher Allmacht.


Eine Greth' auch kenn' ich – oder

Habe sie aus der Geschichte

Mir studirt – die Grethe nämlich,

Die der große Faust verführte.«


Wunderhörnerstoß.


»Weiß das alles!« sprach der Voland,

»Weiß es besser als Du selber –

Hab' auch Deinen Wunsch vernommen!

Und bewundre seine Freche


Aber sage: magstu Alles

Wissen? darfstu Alles hören,

Was von Deiner tiefverborgnen

Herkunft ist der Hölle kundig?«


»Alles!« rief der kecke Jüngling

(Denn vor nichts zurückebebte

Seine Lust, sich auszuzeichnen);

»Alles, Alles will ich wissen!
[215]

Wenn's nur tragisch ist und gräßlich,

Hör' ich selbst das Gute gerne!

Sprich! und ohne Worte viele

Bring uns Beide bald zum Ziele!«


Trompetenstoß.


»Wisse dann,« begann Mephisto:

»Diese Grethe, die so rührend

In dem göttlichen Fragmente

Liebte, fiel, und Mutter wurde –


Diese Greth' ist Deine Mutter!

Unter ihrem Herzen lagstu

Schon, als Deinen sel'gen Vater,

Wie man sagt, der Teufel holt'.


Wie darauf sie, ganz von Sinnen,

In ein Kloster gehen wollte,

Wurde sie von Dir entbunden

Unterwegs im wilden Walde.


Jagdhörnerstoß.


Ganz, wie sie Dich einst empfangen, –

O Du kühner Sproß der Sünde!

O Du theures Pfand der Hölle!

Warf sie Dich, bewußt – und sinnlos;


Ging von dannen, ließ Dich liegen.

Als da kam ein armer Waldhirt,

Hörte wimmern was im Busch', und

Fand Dich in dem seidnen Halstuch;


Trug das Kindelein, voll Mitleid,

Heim zu seinem frommen Weibe,

Die Dich pflegt' und Faust Dich nannte,

Weil im Tuch der Name Faustus.


Wie Du weißt, hastu schon frühe

Beid' ins Grab gebracht durch Deine

Wilde Genialität, die

Sie nicht recht zu schätzen wußten.
[216]

Selig nannt' ich Deinen Vater,

Ob er ewig gleich verdammt ist,

Weil er solchen Sohn erzeuget,

Der ihn noch wird übertreffen.«


Wunderhörnerstoß.


Laut aus vollem Halse mußte

Jetzt der biedre Junge lachen,

Wie er von dem Teufel hörte

Seine tragische Geschichte.


Lachen mußt' er – weil von allen

Genialischen Geburten

Keine dichterischer, kühner,

Gothischer, und wunderbarer.


Lachen mußt' er endlich – weil er

Hätte sonst verzweifeln müssen. –

Als er sattsam ausgejauchzet,

Sprach der offne, brave Junge:


Trompetenstoß.


»Freut mich baß, daß ich des alten

Teufelabgeholten Doctors

Sohn und Erbe bin, und also

Von bewährtem Dichteradel.«


Was noch mehr der brave Jüngling

Keck bemerkte, war so kräftig,

Daß ich's (weil ich doch ein Mädchen,

Trotz der Wildheit) nicht kann sagen.


Sämmtliche Hörner schweigen.


Gnug, nachdem der Bote Satans

Das Gemüth erprobt gefunden,

Wie in Worten, so in Thaten,

So in Thaten, auch in Worten –
[217]

Und nachdem 's Gemüth ihm gottlos

Durch der Flüche Fluch versprochen,

Binnen Jahresfrist die deutsche

Dichtkunst ganz zu ruiniren –


Fuhr zur Höll' er mit dem Auftrag,

Den wir kennen; und als diesen

Satan angenommen, holt' er

Fausten ab, wie wir vernommen.


Dieser, nach der That der Thaten,

Die ihm trefflich wohl gerathen,

Ist nunmehr, mit Haut und Haar,

Rein des Teufels ganz und gar.


Thut mit unsern Jauern schalten,

Wie er will, und foppt die Sieben,

Bei der Nase führend alle,

Wie wir sehen werden balde.


Mephistophel commandirt er

Rechts und links; er muß ihm Alles

Schaffen, immer neue Peitschen,

Alten Wein, und junge Gretchen.


Klingel, Flecht, Bombastus, Höch'ner,

Keit, und Till, und Schrelling – jeder

Wähnend für sich selbst zu kollern,

Kollern nur vor seinem Wagen. –


Doch bis jetzt ist all sein Treiben

Heimlich und versteckt geblieben;

Bald wird ganz sich offenbaren

Seine Macht den blinden Sieben!


In dem Auerbach'schen Keller

Wird er herrlich sie tractiren;

Und sie werden alle dummeln;

Aber er wird dominiren.


Stöße – Knallen – Halloh! Halloh! im Hintergrunde.
[218]

Ich empfehle mich auf's allerbeste,

Meine schönen Herren! als Romanze.

Wie die süße Braut zum Hochzeitfeste,

War ich gar zu nöthig für das Ganze.


Die Romanze macht einen Knix und verschwindet unter den Bäumen.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Baggesen, Jens: Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer. Jens Baggesen's Poetische Werke in deutscher Sprache, Bd. 3, Leipzig 1836 [Nachdruck: Bern, Frankfurt am Main, New York 1985], S. 211-219.
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