Fünfter Auftritt.

[235] Der blinde Jude Mendel tritt auf mit einer alten Harfe, woran nur drei Saiten sind. Er tappt so lange herum, bis er den Baum in der Mitte findet, und setzt sich auf die Bank.


MENDEL in die Harfe greifend.

Stille nur darrt, Ihr Freier, und Er, des Stedteverwisters[235]

Sprößele, lerm' Er nicht so mit seinem schnurrenden Brummtopf!

Schweigt, Ihr schniffelnden Schweine, die darrt der kettliche Säuhirt

Hertreibt! Bellet, Ihr Hind', und brillt, Ihr Stiere, so laut nicht!

Denn es rauscht durch die Saiten nunmehr der Davidsharfe

Meiner Bekeisterung Sturm. Lausch' auf Du, Penelopeia!

Doch was hehr' ich, und seh' ich! o wai mir! Tohu! Vabohu! –

Wettre hinein, o Du mit Deinen flammenden Rossen,

Fäbos! –


Die dritte Saite der Harfe springt.


HANS WURST mit einer feinen Stimme die Penelope nachahmend.

Halt! Du mühst Dich umsonst, mein armer Homeros!

Niemand hört Dich. Die Freier sind fort. Telemachos schläft noch.

Alle die Bänke sind leer. Kein erdaufwühlendes Schwein grunzt.

Fern ist Eumeios; und fern all mein schwerwandelndes Hornvieh.

Auch bellt jetzo kein Hund.

MENDEL.

Thut nichts! ich singe für Dich nur.

HANS WURST als Penelopeia.

Aber auch ich bin ferne sogar, und höre Dich jetzt nicht;

Denn es befällt mein Auge, das müd', ein drückender Schlummer.


Hans Wurst läßt einige Groschen in den Hut des Juden, der neben ihm auf der Bank liegt, herabfallen.


Da hast Du Geld; jetzt trolle Dich fort![236]

MENDEL.

Nur hehre den Himnus

Erst an Fäbos!

HANS WURST.

Er ist mir zu lang.

MENDEL.

Wie kennen's noch wissen?

Haben's ja noch nich gehehrt!

HANS WURST.

Der Anfang war mir zu lang schon,

Ach! und zu laut! Hast gänzlich das Ohr mir Armen zerschmettert!

Daß, wenn auch hören ich wollt', ich doch unmöglich es könnte.

MENDEL.

Aber ich bin doch Homeros, der krehste der kriechischen Tichter –

HANS WURST.

Lassen wir das gut seyn! Nimm Deine Groschen, und troll Dich;

Oder ich schließe Dir gänzlich mein Haus.

MENDEL fühlt sich die Groschen aus dem Hut heraus.

Na! freilich um diese

War's mir zu thun vorziglich.


Er steckt sie ein, nimmt die Harfe, und tappt davon.


Adjes! – Am Ende was scheert's mich,

Hehren sie mich, oder nicht – ich weiß recht kuth, daß ich taudt bin.


Ab.


Quelle:
Baggesen, Jens: Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer. Jens Baggesen's Poetische Werke in deutscher Sprache, Bd. 3, Leipzig 1836 [Nachdruck: Bern, Frankfurt am Main, New York 1985], S. 235-237.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer
Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon