209. Der Barbier von Penzlin.

[169] In meinem früheren Hause wohnte, es können wohl achtzig Jahre und darüber her sein, der Feldscheer Andres. Dieser Mann mußte bei seinen Lebzeiten eine recht schwere Sünde begangen haben, denn er fand keine Ruhe im Grabe. Bald nachdem er begraben war, hieß es allgemein ›Andres spukt.‹ Vor Allem trieb er, wie man erzählte, sein Unwesen in seinem ehemaligen Wohnhause, indem er dort, besonders Abends und Nachts über, die Bewohner neckte und mit seinem Poltern erschreckte, und ihnen so eine rechte Plage wurde. Aber auch in andern Häusern ließ er sich sehen und trieb dort nicht minder argen Unfug. Dazumal lebte hier in Penzlin ein Schmied, der hieß Jost. Der hatte vor dem Thore in der Vorstadt,[169] wo jetzt die Mühlenstraße ist, einen Stall, in welchem er unter Anderem auch seine Steinkohlen aufbewahrte. Von hier holte er sich die Kohlen dann in einem Sacke, je nachdem er gerade bedurfte. Als er nun einst, wie gewöhnlich, hierherkam, saß zu seinem nicht geringen Schrecken Andres, wie er ehedem leibte und lebte, oben auf dem Kohlenhausen und grinste ihn recht höhnisch an. Jost versuchte nach ihm zu schlagen; aber das war vergebliche Mühe, weil er ihn nicht treffen konnte. Kaum hatte unser Schmied seinen schweren Sack auf die breiten Schultern geladen, als auch schon der Feldscheer oben drauf saß und dem armen Manne die ohnehin nicht geringe Last so schwer machte, daß er sie nicht von der Stelle zu bringen vermochte, sondern zur Erde fallen lassen mußte. Weiter wollte der Plagegeist nichts; hatte er dies erreicht, so war er auch gleich vom Sacke herunter und stand neben dem Schmied, dem er schiefe Gesichter schnitt, die Zunge ausstreckte und lange Nasen machte, ohne seinen wüthenden und doch ohnmächtigen Streichen auszuweichen. Lud Jost dann seine Kohlen wieder auf, so nahm auch der Feldscheer seinen alten Sitz wieder ein, und so nahm dies Plagen kein Ende, bis denn endlich der arme Gequälte seinen Sack mit saurer Mühe nach Hause geschleppt hatte. Diese Neckereien wiederholten sich fortan regelmäßig, wenn Jost Kohlen holen wollte, so daß der arme Mann nur mit Zittern und Zagen nach seinem Kohlenstalle gehen konnte. Uebrigens war Jost nicht der Einzige, dem es also ging; Andres verschonte fast Keinen mit seinen dummen Streichen. Kurz vor dieser Zeit nun arbeitete hier ein Drechslergeselle. Der soll weit hergekommen und in der schwarzen Kunst nicht unbewandert gewesen sein. Er besaß auch eine schwarze hölzerne Hand und konnte vermittelst derselben Geister einfangen und bannen. Dieser Mensch wurde aber bald so häufig in Anspruch genommen, daß er kaum mehr eine Nacht ruhig im Bette zubringen konnte, sondern Nacht für Nacht Geister haschen und bannen mußte. Das wurde ihm denn doch zu arg, und so schnürte er denn sein Ränzel und wanderte weiter. Bevor er indeß ging, hatte er dem Ackersmann Peter dies und jenes von seinen Künsten gelehrt, und ihn namentlich im Geisterbannen unterrichtet, ihm auch zu dem Zwecke eine schwarze, hölzerne Hand zurückgelassen. An Peter wandte man sich nun, als der Spuk so überhand[170] nahm und anfing, mehr als Einem lästig zu fallen. Peter ließ sich auch nicht zweimal bitten, sondern erschien gleich zur passenden Zeit mit einem Sacke zur Einschließung des Geistes und mit seiner schwarzen Hand bewaffnet. Das war dem Geiste eine gefährliche Waffe. Es half kein Sträuben, er mußte in den Sack. Hoch erfreut über seinen glücklichen Fang, schnürte Peter seinen Sack fest zu und ging dann mit ihm zur Stadt hinaus, um seinem Gefangenen draußen in einer möglichst einsamen Gegend seinen Wohnplatz anzuweisen. Anfangs ließ sich der im Sacke das Tragen wohl gefallen; als er aber ein Rauschen des Wassers hörte und daran merkte, daß sie bei der kleinen Mühle waren, wollte er sich nicht weiter bringen lassen, und machte sich darum so schwer, daß ihn Peter abwerfen mußte. Doch der verstand keinen Spaß. Er bearbeitete den Widerspänstigen dermaßen mit seiner schwarzen Hand, daß derselbe Ach und Weh schrie und flehentlich um Gnade bat. Nur um dies eine bat er, Peter möchte ihm doch sagen, wohin er ihn bringen wollte. ›Nach dem Burbrook,‹ lautete die Antwort. ›Nach dem Burbrook?‹ rief voll Angst der Gefangene, ›ach dort sind schon drei Priester von alter Zeit her, mit denen werd' ich mich nicht vertragen können und dann wirds mir schlimm ergehen. Bring mich, wohin du willst, nur nach einer andern Stelle.‹ ›Nun, meinetwegen kannst du nach dem Soltborn kommen,‹ entgegnete begütigend der Banner; und als der Feldscheer des zufrieden war, lud er ihn wieder auf und trollte mit ihm weiter. Als sie bei der Grapenwerder Brücke ankamen, machte er sich wirklich zum zweitenmale stramm. Da gerieth Peter denn nicht wenig in Wuth. Augenblicklich warf er den Sack mit seinem Inhalte ab und machte sich wieder mit seiner schwarzen Hand über den Feldscheer her. Doch dieser ersah sich eine kleine Oeffnung im Sacke, die bei dem Ringen entstanden war und – im Nu war er ins Freie und ebenso schnell unter die Brücke. Da saß Peter nun mit der langen Nase. Er hätte freilich den Entwischten wieder einfangen können, aber dazu fehlte es ihm auch an der Lust, denn es war schon Abend geworden; auch war er nicht wenig müde, was von dem Schleppen und Ringen mit dem Feldscheer herkam. So begnügte er sich denn damit, dem unruhigen Gast bei der Brücke seinen Ort anzuweisen und ihn dort zu bannen. Dann kehrte er zur Stadt zurück, drohte aber dem Andres, wieder zu[171] kommen und ihm einen noch andern einsamern Ort anzuweisen, wenn er sich unterstünde, auch hier noch seine Neckereien fortzusetzen. In der Stadt hatte man allerdings Ruhe vor dem Feldscheer. Dafür aber spukte es nun bei der Brücke um so ärger. Andres ließ so leicht Keinen ungeschoren vorbei und bald wurden Klagen über ihn von allen Seiten laut. Dem Einen hatte er die Pferde scheu, dem Andern den Wagen fest gemacht. Dann wieder hatte er die Vorübergehenden mit Steinen geworfen, in den Haaren gezupft, sich ihnen auf den Rücken gehängt und was dergleichen tolle Geschichten mehr waren. Einst kam auch Peter mit seinem Sohne vorbeigeritten, um die Pferde nach der Weide zu bringen. Als er ohne Arg und ganz unbesorgt des Weges daherritt und eben den Bannkreis betrat, warf sich der erbitterte Geist auf ihn und setzte ihm ganz gehörig zu. Peter sprang wohl vom Pferde, um sich so gut zu wehren, als es eben gehen wollte, aber er hatte seine schwarze Hand nicht bei sich und so war ihm der Geist doch zu mächtig. Es währte auch nicht lange, da hatte der Barbier seinen Feind in den Graben hineingezogen und versuchte nun alles Ernstes, ihn in den weichen Schlick zu drücken und so zu ersticken. Peter gerieth in nicht geringe Gefahr, weshalb er seinem Sohne zurief ›Laß die Pferde und schlag den Hund auf den Kopf.‹ Der ließ es sich nicht zweimal sagen, sondern paukte aus Leibeskräften mit einem Knittel drauf los. Er traf auch, aber nicht den Geist, sondern seines Vaters Kopf. Es fehlte nicht viel, daß der arme Mann ganz unterlegen wäre und kaum vermochte er noch seinem Sohne zuzurufen ›Laß doch das Schlagen, Junge, du schlägst mich sonst noch todt.‹ So rangen Peter und Andres eine Zeit lang mit einander. Endlich gelang es doch dem Erstern, sich los zu machen, er lief nach Hause und kehrte bald mit der schwarzen Hand und einem Sacke wieder zurück. Nun war es an dem Barbier, klein beizugeben. Aber da war an Gnade nicht zu denken. Er mußte, so sehr er sich auch setzte und sträubte, in den Sack hinein. Als Peter endlich seiner Rachsucht Genüge gethan hatte, schwang er sich den Sack auf den Nacken und brachte seinen Gefangenen nach dem Soltborn. Dort zog er ihm einen Kreis, den er fortan nie wieder überschreiten durfte, und, so viel man weiß, auch nie überschritten hat. Nur einmal hatte er hernach noch von sich reden gemacht, als der Ackersmann Kunz[172] ihm beim Hacken zu nahe kam. Kunz besaß nämlich am Soltborn ein Ackerstück, das er erst kürzlich käuflich an sich gebracht hatte. Im Gegensatze zu seines Vorgängers Wirthschaft wollte er jeden Fußbreit Landes treulich benutzen. Dieser aber hatte gar manche Ecke und manchen Winkel, und darunter auch das zunächst an den Soltborn grenzende Stück, niemals beackert. Als nun Kunz beim Hacken an die zuletzt erwähnte Stelle, über welche sich theilweise der Bannkreis erstreckte, kam, wollte ihn der Barbier nicht weiter hacken lassen. Da alles Bitten nichts half, warf Kunz zuletzt mit seinem Beile nach dem Widersacher, um ihn aus dem Wege zu schaffen. Doch das half ihm blitzwenig. Fürs erste traf er den Geist nicht, so oft er auch warf, und dann fiel er selbst bei jedem Wurfe auf den Rücken. Er mußte zuletzt ganz von dem Hacken an der betreffenden Stelle abstehen.


Vgl. A.C.F. Krohn bei Niederh. 2,.44ff.

Quelle:
Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2. Band 1, Wien 1879/80, S. 169-173.
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