640. Die Keule unter dem Thor zu Woldegk.

[458] Am Brandenburger Thor zu Woldegk, welches in den Vierzigern dieses Jahrhunderts niedergerissen wurde, standen folgende Verse:


›Wer da gibt seinen Kindern Brot

Und leidet selber Noth,

Den schlag' man mit dieser Keule todt.‹


Darüber war eine Keule angebracht. Es wird erzählt, daß ein Bürger der Stadt, ein alter verwittweter Mann, seinem einzigen Sohne schon bei Lebzeiten all seinen Besitz abtrat. Der Sohn heiratete nicht lange danach. Eine Weile ging es ganz gut, als aber mehr Enkelkinder kamen, sparte die Frau und der alte Mann wurde karg gehalten. Einst geht er in seinem Kummer zum Bürgermeister und klagt ihm sein Leid. Der Bürgermeister sagte, auf dem Wege des Rechtes sei nichts zu machen. Er holt ihm aber einen Beutel voll Münze und räth ihm, denselben geheim zu zählen, doch so, daß der Sohn es höre. Sohn und Schwiegertochter glaubten nun, der Alte habe noch einen Theil Geldes zurückbehalten und wurden von da an äußerst liebevoll. Als der Alte starb, hing der Bürgermeister die Keule am Thore auf und fügte jene Inschrift bei.


Fräulein W. Zimmermann in Neu-Strelitz; eine poetische Bearbeitung bei Niederh. 2, 53; vgl. NS. 96, Schwartz 38. Auch in Sternberg waren vor dem großen Brande am Thore Keulen (fustes) aufgehangen, von denen das Volk sagte, daß vor Zeiten der Feind mit denselben vertrieben worden. Selecta jurid. Rostoch. II, 120 (1744), wo die Vermuthung geäußert wird, daß sie sich vielmehr auf die in verschiedenen Städten Deutschlands vorkommende Inschrift beziehen:


De eenen andern gift Brodt

Un litt sülfft Noth,

Den schal man schlan mit disser Küle dodt.


Quelle:
Karl Bartsch: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg 1–2. Band 1, Wien 1879/80, S. 458.
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