Vierter Auftritt.

[24] Bartholo. Marzelline.


BARTHOLO ihm nachblickend. Immer der alte Schelm. Wenn der nicht bei lebendigem Leibe geschunden wird, stirbt er in dem dicksten Spitzbubenfell, das es jemals gegeben hat.

MARZELLINE Bartholo zurückziehend. Nun, sind Sie endlich da, mein ewiger Doktor? Immer ernst und gemessen, mag man ohne Ihre Hülfe sterben, wie man sich einst ohne sie verheirathete, trotz aller Ihrer Vorsichtsmaßregeln.

BARTHOLO. Immer spitz und bitter! Was macht denn meine Anwesenheit im Schloß so nöthig? Ist dem Herrn Grafen ein Unfall begegnet?

MARZELLINE. Nicht doch, Doktor.

BARTHOLO. Oder ist der Gräfin Rosine, meiner treulosen Mündel, mit des Himmels Hülfe etwas zugestoßen?

MARZELLINE. Sie leidet allerdings.

BARTHOLO. Eine kleine Erkältung?

MARZELLINE. Ganz recht, ihres Herrn Gemahls, – gegen sie.

BARTHOLO frohlockend. So rächt mich ihr eigener Mann an ihr!

MARZELLINE. Der Graf ist wunderlich: eifersüchtig auf seine Frau, und doch treulos gegen sie.

BARTHOLO. Treulos aus Launen, aus Eitelkeit eifersüchtig: die alte Leier der großen Herren!

MARZELLINE. Zum Exempel: heute verheirathet er unsere Susanne an seinen Figaro; er überhäuft ihn mit Gunstbezeugungen wegen dieser Heirath ...

BARTHOLO. Welche Seine Excellenz nothwendig gemacht haben?

MARZELLINE. Nicht so ganz, aber welche Seine Excellenz im Stillen mit dem Bräutchen vorausfeiern möchte.

BARTHOLO. Mit Figaro's Braut? Darüber wird sich mit ihm handeln lassen.

MARZELLINE. Basilio behauptet das Gegentheil.

BARTHOLO. Ist der Spitzbube auch da? Das ganze Schloß eine Räuberhöhle! Was zum Henker thut er hier?[24]

MARZELLINE. So viel Schlimmes wie er kann. Das Schlimmste von Allem ist seine langweilige alte Leidenschaft für mich.

BARTHOLO. Die hätte ich mir an Ihrer Stelle längst vom Halse geschafft.

MARZELLINE. Durch welches Mittel?

BARTHOLO. Durch eine Heirath mit ihm.

MARZELLINE. Grausamer Spötter! Warum wenden Sie dies Mittel nicht selbst an, gegen mich, um meiner los zu werden? Ist das nicht Ihre Pflicht? Denken Sie Ihrer Versprechungen nicht mehr? Nicht an unseren kleinen Emanuel, die Frucht einer vergessenen Liebe, die uns zum Altar führen sollte?

BARTHOLO ungeduldig. Um solche Thorheiten anzuhören, sprengen Sie mich von Sevilla hierher? Woher der plötzliche Rückfall in Ihre alten Ehestandsgelüste?

MARZELLINE. Es sei! Reden wir nicht mehr davon. Wenn Sie mich denn unter keiner Bedingung zur Frau machen wollen, wie Sie gelobt haben, so helfen Sie mir mindestens zu einem anderen Manne.

BARTHOLO. Mit tausend Freuden. Wer ist denn aber der von Gott und den Frauen verlassene Sterbliche, den Sie heimführen wollen?

MARZELLINE. Wer könnte es sein, Doktor, als der schöne, der lustige, der liebenswürdige Figaro?

BARTHOLO. Der Galgenstrick?

MARZELLINE. Niemals übellaunig, immer heiter; der Gegenwart lebend, um die Zukunft so wenig sich kümmernd, wie um die Vergangenheit; großmüthig..

BARTHOLO. Wie ein Räuberhauptmann.

MARZELLINE. Nein, wie ein echter Edelmann; kurz ein Engel, – und doch ein Ungeheuer!

BARTHOLO. Aber seine Susanne?

MARZELLINE. Sie kriegt ihn nicht, die Heuchlerin, wenn Sie, mein Doktorchen, mir helfen wollen, ein Eheversprechen geltend zu machen, das ich, schwarz auf weiß, von ihm besitze.

BARTHOLO. Am Tage seiner Hochzeit mit einer Andern?[25]

MARZELLINE. Dazu ist immer noch Zeit. Wenn ich ein kleines Frauengeheimniß ausplaudern wollte ....

BARTHOLO lauernd. Geheimnisse vor einem Leibarzte?

MARZELLINE. Sie wissen freilich, daß ich vor Ihnen keine habe. Unser Geschlecht ist leidenschaftlich, aber scheu. Auch die abenteuerlustigste Frau hört in ihrem Inneren eine Stimme, die ihr zuruft: Sei schön, so viel du kannst, tugendhaft, so viel du willst, aber vorsichtig, so viel du mußt. Diese Vorsicht, deren Nothwendigkeit jede Frau fühlt, wird Susanne auch fühlen, wenn wir sie erschrecken, indem wir die Anträge des Grafen an sie unter die Leute bringen.

BARTHOLO. Wozu das?

MARZELLINE. Damit Susanne sich der Schande halber um so gewisser weigern muß. Darüber wird Seine Excellenz verdrießlich werden und meine Einsprache gegen ihre Heirath, wie meine Rechte auf Figaro unterstützen.

BARTHOLO. Gut berechnet. Für sich. Und ich gewinne dabei das Vergnügen, meine alte Haushälterin dem Schelm aufzuhängen, der mich um meine Mündel und obendrein um hundert blanke Thaler gebracht hat.

MARZELLINE rasch. Denken Sie sich nur die Lust, Doktor!

BARTHOLO rasch. Einen Bösewicht zu bestrafen!

MARZELLINE rasch. Zu heirathen, Doktor, ihn zu heirathen.


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 24-26.
Lizenz:
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Die Figaro-Trilogie: Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose Vorsicht / Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit / Ein zweiter Tartuffe oder Die Schuld der Mutter

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