Dreizehnter Auftritt.

[60] Vorige. Antonio.


ANTONIO taumelt, mit einem zertretenen Nelkenstock im Arm, herein; er ist angetrunken. Wo ist meine Ex'lenz?!

GRAF. Was soll's, Antonio?

ANTONIO. Die Fenster, Ex'lenz, sollten Sie endlich' mal vergittern lassen, die auf meinen Küchengarten gehen. Alle Tage werfen sie, mit Respekt zu sagen, was anderes 'naus, – Papierschnitzeln, Zwirnsfaden ... vorhin gar 'n Menschenkind.


Gräfin, Susanne und Figaro erschrecken.


GRAF. Aus diesem Fenster?

ANTONIO. Nu' ja doch. Da sehn Ex'lenz meinen Nelkenstock an, wie der zugericht't ist.

SUSANNE leise. Figaro, hilf!

FIGARO. Gnäd'ger Herr, der Mann ist betrunken, am frühen Morgen.

ANTONIO. Fehlgeschnitten, Bartkratzer. 's ist noch von gestern her, mein Rausch nämlich.

GRAF. Wo ist der Mensch? Auf der Stelle her mit ihm!

ANTONIO. Sag ich auch. Her mit ihm, auf der Stelle. Denn warum bin ich Gärtner? Wenn so ein Mensch, mir nichts, dir nichts, auf meine Beete fällt, so tritt er meine Reputazjon mit Füßen.

SUSANNE wie oben. Geschwind, eine Nothlüge.

FIGARO. Pfui über den ewigen Trunkenbold!

ANTONIO. Noch einmal fehlgeschnitten. Denn warum? Der fortwährende Durscht ist der einzige Vorzug, was den Menschen von den Thieren unterscheiden thut.

GRAF zornig. Antworte, oder ich jage dich fort.

ANTONIO. Hä, hä, hä! Als ob ich gehen thäte!

GRAF. Du unterstehst dich?

ANTONIO. Wenn Sie auch dumm genug wären, so einen guten Dienstboten wie ich bin nicht zu behalten, na, so bin ich doch so gescheit, daß ich so 'ne ex'lente Herrschaft nicht fortjage. Nä, wir bleiben beisammen.[60]

GRAF ihn schüttelnd. Also einen Mann hat man aus diesem Fenster geworfen?

ANTONIO. Na, endlich begreifen Sie's! Ein Mannsbild war's, in Hemdsärmeln, mit Respekt zu sagen, oder in einem weißen Wamms. Plumps, da lag er, mitten in den Nelken drin. Aufgerappelt hat er sich und ist fortgelaufen.

GRAF. Und du?

ANTONIO. Als hinterdrein, bis ich mit dem Kopf an das Spalier rannte. Plumps, da lag ich nu', und streckte, mit Respekt zu sagen, alle Viere.

GRAF. Aber wiedererkennen würdest du den Mann?

ANTONIO. Na, ob?! Nämlich, natürlich, wenn ich 'n gesehen hätte.

SUSANNE wie oben, erleichtert. Er hat ihn nicht gesehen.

FIGARO wieder ganz sicher. Was für ein Lärm um so einen lumpigen Blumenstock. Ich bezahle ihn. Ich war es, der aus dem Fenster sprang.

GRAF. Du?

ANTONIO. Er? Na, da muß er kurios gewachsen sein in der Zeit. Denn warum? Mir kam er viel kleiner vor und schlanker.

FIGARO. Begreiflich. Im Sprung bückt man sich.

ANTONIO nachsinnend, den Finger an der Nase. Kam mir's doch vor, als ob's das Windspiel von Pagen gewesen wäre!

GRAF rasch. Cherubin?

FIGARO. Der vermuthlich mit Sack und Pack zu Pferde von Sevilla zurückkam, wo er wohl längst eingetroffen ist.

ANTONIO kopfschüttelnd. Nä, kein Pferd ist nicht aus dem Fenster gesprungen. Was wahr ist, ist wahr.

GRAF. Himmlische Geduld, verlaß mich nicht.

FIGARO. Ich befand mich im Zimmer der Kammerfrauen, auf mein Suschen zu passen. Der Hitze wegen hatt' ich mir's bequem gemacht. Auf einmal hört' ich im Korridor den gnädigen Herrn lebhaft reden. Mich faßte eine Angst wegen des anonymen Briefs und ohne viel zu überlegen, im ersten Schreck, sprang ich aus dem Fenster; wobei ich mir sogar den rechten Fuß ein wenig verstaucht habe. Reibt ihn.[61]

ANTONIO. Wenn er's war, so muß ich ihm wohl auch den Fetzen Papier wiedergeben, der aus seiner Tasche gefallen.

GRAF greift rasch danach. Halt, her damit!

FIGARO leise. Gefangen!

GRAF. Hast du vor Schrecken nicht auch vergessen, was dies Papier enthält, und wie es in deine Tasche gekommen?

FIGARO eine Anzahl Papiere aus seinen Taschen hervorziehend. Hm, hm! Ein Wunder wär's nicht, wenn man Kopf und Taschen so voll hat! War's nicht ein Brief von Marzellinen? Nicht doch, der ist hier. Oder die Bittschrift des armen Wilddiebs, der im Thurm sitzt? Nein, die ist da. Aber vielleicht das Verzeichniß der Möbel im kleinen Schlosse ... Das steckt in dieser Tasche. Sucht.

GRAF öffnet das Papier.

GRÄFIN mit einem raschen Blick auf das Papier, leise zu Susanne. Es ist das Patent des Pagen.

SUSANNE leise zu Figaro. Wir sind verloren. Es ist das Patent des Pagen.

GRAF das Papier wieder zusammenfaltend. Erräthst du noch immer nicht?

FIGARO sich vor den Kopf schlagend. Fundus! Das Fähndrichspatent unseres armen Pagen ist es. Er gab es mir, und ich vergaß in der Hast seiner Abreise, es ihm wieder zuzustellen. Das muß man ihm aber gleich durch Eilboten nachschicken; was thäte er ohne Patent in der Garnison? Will davonschleichen.

GRAF. Nicht so geschwind. Weshalb gab dir Cherubin das Patent?

FIGARO verlegen. Ich ... sollte noch etwas daran machen lassen.

GRAF in das Papier blickend. Es fehlt ja nichts daran.

GRÄFIN zu Susanne, rasch und leise. Das Siegel fehlt.

SUSANNE zu Figaro, rasch und leise. Das Siegel fehlt.

FIGARO wieder ganz sicher und dreist. Viel fehlt freilich nicht daran; er meinte aber, es sei Styli ....

GRAF ungeduldig einfallend. Was ist Styli?

FIGARO. Daß Excellenz Ihr hochadliches Wappen beidrücken ließen. Vielleicht ist es nicht einmal so nöthig.[62]

GRAF das Papier öffnend, durchblickend und zornig zerknitternd. Verwünscht. Ich soll nichts herausbringen und von Allen, Figaro an der Spitze, mich anführen lassen, ohne mich rächen zu können. Er will unmuthig abgehen.

FIGARO ihn zurückhaltend. Sie gehen, gnädiger Herr!? Wo bleibt meine Hochzeit?


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 60-63.
Lizenz:
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