X. Capitul.
Der Barthel auf der Heide wird wieder ledig. Ein Wahrsager kommt auf das Schloß, wie auch die alte Frau von Ocheim. Der Wahrsager erzählet ihnen von einem neuen Wetterbild zu Grundstett; sie reisen dahin und bekommen wunderlichen Bericht.

[537] Herr Friderich lobte in diesem Fall, soviel die Kürze der Zeit und seine herzliche Freude zuließ, die Bescheidenheit Herrn Philippens sehr hoch. »Denn es ist gewiß,« sprach er, »daß man oft nicht weiß, zu was sich dieses und zu was sich jenes schicken muß. Ein kurzweiliger Scherz muß oft zu unserem Besten dienen, und manche ernstliche Sache, die man mit unzähligen Ratschlägen bald krumm, bald gerad schmiedet, ist doch wohl endlich mit Quark versiegelt.« Damit wandte er sich zu seiner Liebsten, welche, mit vier Dienern vergesellschaftet, von uns unter lauter höflichen Complimenten in ihr Zimmer geleitet worden, darinnen sie ihre Kleider verwechselt und auf die Ankunft ihrer Frauen Mutter gewartet, nach welcher die Heirat sollte geschlossen und der Ehecontract beiderseits eingegangen werden, wie solches der Diener Justin mit mehrerem im Namen seiner alten Frauen gegen uns abgeleget hat.

Gottfrid und Christoph ließen sonderliche Merkzeichen ihrer Vergnügung verspüren, und wir wußten in diesem Tumult selbst nicht, was am ersten anzufangen oder vorzunehmen[537] sei. Herr Friderich hielt für ratsam, daß man den Barthel inzeiten der Justiz überlieferte, damit man sich durch dessen ferneren Verhaft kein Übel auf den Hals zöge. Also eilete man mit ihm in die Stadt. Weil aber auf der Straßen etliche seiner Gesellen auf den Bäumen saßen, welche auf dieses Wildbret aufpaßten, kamen sie dem Gefangenen mit gewaltsamer Hand zu Hülfe und rissen ihn aus den Ketten, dabei es aufs neue einen lustigen Scharmützel abgesetzet.

Unsere Leute, die in dem Gefechte ziemlich zerfetzet worden, kamen mit unserem großen Widerwillen zurücke. Nichtsdestoweniger fuhren wir in unserer angefangenen Lust fort, weil wir wohl wußten, daß dieser Luftsprung des Barthels nur eine kurze Galgenfrist wäre, die ihm nur zu seinem größeren Verhängnis dienen würde. »Gehe nur hin,« sprach Christoph, »du ehrbarer Vogel, hast mir durch deine Advocaten drei Hufen Landes abgedisputieret, nun will ich sie wieder bei der Cartause kriegen und die Zungendrescher wacker auslachen. Es ist kein gut Haar an ihm. Wenn er in einer Compagnie war und man trank ihms nicht am ersten zu, so ließ er einem die Fenster einwerfen. Man dorfte kaum ein Wort reden, so spitzte er schon die Ohren wie ein Esel und legte alle Meinungen zum schlimmsten aus. Nun sehen diejenige, welche ihn so sehr beschützet haben, was für ein sauber Bißlein es sei. O wie sauber will ich übers Jahr meine drei Hufen Landäcker besäen lassen!« – »Mir«, sprach Gottfrid, »ist ein Befelch von der Regierung kommen, ihm eine ganze Quanten Holzes abzutreten; aber mit allerehestem will ich ihnen den Befelch wieder zurücke schicken.« – »So gehet es,« sagte Herr Friderich, »wenn man bösen Buben den Rücken hält. Endlich greifen sie ihre eigene Obrigkeit an und zerrütten alle gute Ordnungen, und dennoch will man keiner Warnung glauben, bis man die Flamme über dem Kopf zusammenschlagen siehet.«

In diesem Gespräche fuhr die alte Frau von Ocheim als der Fräulein Amalien Mutter zum Schlosse ein, welche wir in dem Hofe mit einer sonderlichen Oration bewillkommeten. Damit tat man noch selbiges Abends zu der Sache, und wurden wegen des Friderichens allerlei Punkten abgehandelt,[538] nach welchem die Hochzeit sollte eingerichtet werden. Es ging alles nach Wunsch und Verlangen vonstatten, und nachdem zu beiden Seiten die Heiratsnotul unterschrieben und versiegelt war, vertrieb man die Zeit in allerlei Zufriedenheit.

Indem kommt ein eisgrauer Mann vor das Tor, welcher sich vor einen Wahrsager ausgab. Zur Prob seiner Kunst wiesen wir ihm die Hand, denn er wußte uns nicht allein unser Alter an der Stirne auszusprechen, sondern sagte fast jedem, wo und wann er geboren wäre. Was zukünftig geschehen würde, damit wollte er nit heraus, aber das Vergangene erzählete er uns haarklein und gab vor, daß er solche Kunst von einem weisen Manne noch vor funfzig Jahren im Niederland erlernet hätte. Es trafen alle seine Reden auf eine Nadelspitze ein, und dannenhero machte er uns trefflich vorwitzig, weil er das Vergangene so perfect wußte, zu wissen, wie es uns ins Künftige, absonderlich aber dem Friderichen gehen möchte, welcher, ob er wohl sonst ein christliches Leben führte und nichts auf die Zigeuner hielt, jedennoch diesen Worten des Alten ein merkliches einraumte. »Ihr Herren,« sprach der Wahrsager, »es ist ein Bild im Land, das heißet man das Wetterbild, dasselbige steht in einem Dorfe am Gebirg in einer alten Kirche auf einem Altar gemalen. Wer von seinem Heimat aus dahin reiset und sich auf dem Weg nicht umsiehet, dem tut es die Gnad, daß es ihm auf alle seine Fragen richtige Antwort gibt. Den andern aber, die sich umgesehen haben, gibt es wohl auch Antwort, aber gar undeutlich und dunkel, daß man es nicht wohl auslegen kann. Es stehet noch nicht vier Wochen, und hat ihr Heimlichkeit ein Pfaff offenbaret, nach dessen Tod es zu reden angefangen hat.«

Er namte uns hierauf das Dorf, so Grundstett hieß, weil es gar tief in einem Tal lag. Und weil er durch diese Erzählung in uns allen eine merkliche Lust angesponnen hatte, dieses Wetterbild zu beschauen, versprachen wir in seiner Gegenwart, miteinander dahin zu reisen und zu sehen, was es einem oder dem anderen antworten würde, weil wir keinen Articul des Glaubens, sondern nur eine Prob gleichwie mit[539] seiner Wahrsagung anstellen wollten, was an der Sache sein möchte. Hiermit gaben wir ihm etliche Taler Trankgeld, und er ging an seinem Stab gegen die Stadt, wohin er, seinem Vorgeben auch, von etlichen Vornehmen, zum Teil auch geistlichen Personen, ihnen wahrzusagen wäre bestellet worden. Wir aber resolvierten noch selbige Stunde, unsere Reise dahin anzuordnen. Die alte Frau von Ocheim, welche nicht viel auf unser Vornehmen hielt, benannte den Tag zur bevorstehenden Hochzeit, die auf ihrem Schlosse sollte vollendzogen werden, damit schied sie mit einer guten Convoi durch das annoch unruhige und zum Teil unsichere Land nacher Haus, und der verliebte Friderich gab seiner Braut bis dahin das Geleite, versprechend, daß er allerehestens wieder bei uns sein und alsdann die Reise nach dem Wetterbild wolle vollendziehen helfen.

Er kam nach dreien Tagen wieder zurück und brachte wegen der nunmehr gestillten Bauren gute Zeitung, welche teils geschlagen, teils wieder auf ihre Güter wären getrieben worden. Sein Hut, sein Rock und zum Teil sein Pferd prangten mit allerlei Galanteriebändern, so ihm von seiner Liebsten seien zum Angedenken verehret worden, und er war von derselben so eingenommen, daß man ihm seine große Verwirrungen in allen Reden leichtlich anmerken konnte. Denn sie war schön, höflich und wohl qualificiert, also daß er große Ursach hätte, seinem stattlichen Glücke ohne Unterlaß nachzudenken. Wir machten uns demnach insgesamt auf, das Wetterbild zu besuchen und zu sehen, was es einem oder dem anderen Gutes prophezeien wollte. Damit aber die Regul, welche der alte Mann vorgeschrieben hatte, fleißig in acht genommen würde, ermahnten wir uns untereinander daß sich keiner gelüsten ließe, auf dem Weg umzusehen, Also ritten wir fort, und unerachtet bald da einem die Sporn, dem andern sein Felleisen, dem dritten seine Carabatschke auf die Erde und also in dem Reiten zurückfiel, ließen wir doch alle solche und dergleichen Sachen wegen bewußter Ursache hinter uns liegen und eileten nichtsdestominder gegen Grundstett in das Gebirg, daselbst das so sehr belobte Wetterbild zu besehen.[540]

Als wir nun etwan noch einen Steinwurf in das Dorf hatten, geschah hinter uns ein heller Büchsenschuß, darüber wir alle wider unsern vorgesatzten Zweck uns umgesehen haben. Wir wußten nicht, wars ein Scharf- oder Blindschuß gewesen, und konnten nichts als den Dampf aus einer Wasserinsel in einem Busch erblicken, aus welchem ohne allen Zweifel dieser Schuß geschehen ist. Als wir uns nun unsers Fehlers erinnerten, waren etliche so zornig, daß sie überschwimmen und den Täter aufsuchen wollten, aber der schnelle Strom und das gefährliche Ufer verboten unser Vornehmen, und weil wir nunmehr diese Reise zum Ende gebracht hatten, wollten wir doch aufs wenigste das Bild sehen, ob wir gleich von demselben keine richtige Antwort erhalten konnten.

Hierauf sprengten wir in das Dorf, dessen Inwohner uns gleichwie der Alte berichtet und viel abenteuerliche Sachen von diesem Wetterbild vorgeschwätzet haben. Wir gingen alsobald zur Kirchen, welche uns ein kleines Männlein um ein schlechtes Trankgeld eröffnete und zugleich an den Altar führte, woran dieses Wetterbild gemalen war. Die Gestalt anbelangend war solches über und über kohlschwarz, daß man also nicht wohl kennen könnte, wärs eine Manns- oder Weibsfigur. Zu den Füßen war eine große Schlange und zum Haupt der Mondenschein gezeichnet, und in jeder Hand hatte es ein großes Buch. Die Augen gingen ihm in dem Kopf hin und wider, und reckte auch etlichmal die Zunge heraus. Es hatte keiner unter uns allen das Herz, ein lautes Wort zu reden, dahero fragten wir den Kirchner alles heimlich, welcher, weil er gehörlos war, uns nicht auf das geringste antworten können. Darum redeten wir endlich laut, was man tun müßte, wenn man dieses Bild um seine Zustände fragen wollte. »Ihr müsset«, antwortete er, »den Rücken hinwenden und in dieses Rohr all dasjenige hineinreden, was ihr gerne wissen wollet. Was ihr aber heimlich fraget, wird es euch laut und öffentlich beantworten.«

Damit machte Herr Philipp den Anfang, und als er zwei oder drei Wort hineingeredet, sprach das Bild: »Du hast dich umgesehen, Wunder und die Zahl derjenigen auf dem Gebirg Eisen zerbrechen, wenn es kommt.« Diese Antwort des[541] Bildes konnte keiner unter uns, viel weniger Herr Philipp selbsten verstehen, denn er sagte, daß er gefraget, wie alt er wäre und wieviel Jahr er noch würde im Ehestand zubringen. Nach diesem ging Gottfrid an das Rohr und fragte, wann es regnen würde. »Du hast dich«, sprach das Bild, »auf dem Wege umgesehen. Viermal hat das Tier im großen Garten die Jährlichkeit das Wesen ist eines jeden Menschen ohne Tod.« Aus dieser Antwort konnten wir so wenig als aus der vorigen verstehen und wurden je länger je bestürzter. Der dritte an der Fragenden Ordnung war Christoph, dem gab es eine solche Antwort: »Du hast dich auf dem Wege umgesehen. Jägerhorn und funfzehen Tage Frist, auf daß die Stadt nicht zu weit über das Ziel falle, die du, wenn es sich ergeußt, in den letzten Tagen zu meinem Licht in der Welt bist.« Diese verwirrte Antwort mußten wir billig verwundern, hatte doch keiner das Herz zu lachen, denn der Kirchner gab vor, daß, wenn man es etwas Ungeziemliches fragte, daß es alsdann Feuer auszuspeien und abscheulich zu heulen pflegte.

Hiermit fragte Wilhelm, welcher ein noch viel verwirrtere Antwort herausbekam. Endlich ich und alsdann auch Herr Friderich, aber er konnte mir und ich konnte ihm die erhaltene Antwort nicht auslegen, unerachtet ich wegen meiner Hausfrauen und er wegen seiner Liebsten gefragt hatte, und also mußten wir mit großem Widerwillen den Ort vor diesmal verlassen und entschlossen uns, noch vor unserm Austritt aus der Kirche, mit ehestem wieder anher zu kommen und uns besser, als geschehen war, vorzusehen, damit wir eine klärere Antwort erhalten und mit einem fröhlichern Gemüte wieder nach Haus abreisen könnten. Auf solches erzähleten uns die Leute von diesem Bild noch allerlei Sachen, und daß der Hundertste keine richtige Antwort davongetragen, weil sie sich fast alle umgesehen hatten.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 537-542.
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