II. Capitul.
Ein Organist bettelt auf dem Schloß. Wunderlicher Einzug zu Abstorff. Sie hören in der Nacht einzigen Tumult an dem Schloßtor.

[492] Diese und noch mehr andere Stücklein erzählete uns Herr Wilhelm von dem saubern Barthel auf der Heide, die nicht wert sind, daß man in Beschreibung ihrer Nichtigkeit die Folge der Histori dieses Werkes auf die Seiten setze. »Die[492] Welt«, sprach Friderich, »ist mit ihren Inwohnern wunderlich, man findet Leute mit vollem Zaum nach solchen Lastern eilen, daran andere von Natur einen Ekel haben. Denn gleichwie ...« Indem er, so wie er sonst pflegte, fortreden wollte, kam ein alter Mann mit einem eisgrauen Bart vor die Tür der Kapellen, und Herr Wilhelm war auf den Torwärter ungehalten, daß er einen Fremden, wie dieser war, ohne Anmeldung hatte zum Schlosse eingehen lassen. »Wer seid Ihr?« sagte er darauf zu ihm, »und was machet Ihr hier vor der Kapelle?« – »Ich bin,« antwortete der Alte, »wie Ihr aus gegenwärtigem Clavichordio wohl abnehmen könnet, ein armer und nunmehr ganz verlassener ut, re, mi, fa, sol, la, muß, dem Himmel und ehrlichen Leuten sei es geklaget, mein Bißlein Brot taliter qualiter, tam supra quam infra in dem Land herum suchen und sehen, wo etwan eine Suppe für mich gesotten oder ein Stücklein Fleisch gekochet sei. Ehedessen, da die langen Noten noch im Schwang gingen und das laufende Teufelszeug noch nicht im Gebrauch war, da galt unsereiner auch etwas, aber seitdem der Teufel die Signor Si und dergleichen Gesindlein aus dem verfluchten Welschland herausgeschlagen, die den Teutschen das Geld abstehlen und, wenn sie sich bereichert und genug eingesammlet haben, wie die Katzen vom Speck wiederum davonwischen, da gelte ich armer Knisterbart und meinesgleichens nichts mehr. Wo ich ehedessen gesungen und aufgespielet habe, da muß ich anitzo pausieren, die neuen Coloraturen und Fugen, die gelten allein, und in welchem Gesang man keine solche durcheinander findet, das muß auch nicht gut sein. Wo ich also ein Kirchlein oder Kapelle sehe, es sei gleich in der Stadt, auf einem Dorfe oder Schlosse, da gehe ich gleich zu, entweder darinnen bei gefügter Gelegenheit mit meinem Clavichordi aufzuwarten, denn ich bin ein Organist und ehedessen über dem Gebirg ein Schulmeister zu Weireck gewesen, allwo mich auch ein solcher krummfüßigter Parlate Con Noi aus dem Sattel gehoben und mir wie ein Schelm mein Stücklein Brot vor dem Maul abgeschnitten hat.

Seht, Ihr Herren, das kränket mich, habe fünf kleine Kinder[493] und kein Weib, so ist es auch in dem Land ziemlich teuer zehren, muß also so lang herum utremifasolieren, bis es besser wird. Die Bauren, die anitzo allenthalben rebellisch werden, machen auch große Uneinigkeit, und so weiß ich bei meiner Treu nicht, wo ich, als ein erlebter Mann, mit meiner Hudelei mich noch endlich hinwenden soll. Haben nun meine hoch- und wohledle Herren ein anständiges Dienstlein vor mich, bitte ich, mir solches vor einem anderen Lumpenhund zu gönnen. Was ein anderer mit der Kunst tut, das will ich mit meiner Andacht ersetzen. Ist es aber umsonst und dermalen vor mich keine vacierende Stelle vorhanden, wie ich denn allgemach schon in dem Schlosse gehöret habe, so bitte ich nichtsdestoweniger, meine hochedle und respective große Patronen wollen Ihre freigebige Hand, die noch niemalen den Dürftigen ein Almosen mitzuteilen ermüdet worden, auch gegen mir armen, alten, verlassenen Organisten auftun und zum Respect dieser hohen und weltgepriesenen Kunst mir mit einem kleinen Viatico nach Ihrem Belieben willfahren, damit ich mich weitertragen und meiner ferneren Beförderung nacheilen kann. Meines Orts werde alle Occasion an die Hand nehmen, derselben hohen Munificenz mit einem, obwohl unvermögenden, jedennoch dankbegierigen Herzen und Gemüte die Zeit meines wenigen Lebens in Untertänigkeit zu erkennen.«

Mit diesen Worten machte der Organist ein großes Reverenz und legte zugleich sein Clavichordium von den Schultern, welches er an zweien großen Riemen bis dahero am Halse gehangen hatte.

»Ihr habt Eure Lection hübsch gelernet,« sprach Herr Wilhelm, »wie dergleichen Vaganten alle können, die in dem Lande herumfahren und zum Schimpf ihrer erlernten Profession fast vor allen Türen betteln. Sobald ihr zwei oder drei Griffe auf dem Clavier könnet, so gebt ihr Narren euch für Virtuosen aus und betrüget die Leute mit eurem Geschwätz. Ich will ein Schelm sein, wenn Ihr, wie Ihr saget, zu Weireck seid Schulmeister gewesen. Ich bin daselbst sowohl als allhier bekannt und habe fast alle Kirchendiener zum öftern unter Augen gehabt, darunter ich Euch niemalen gesehen.«[494]

»Ja,« sprach der Organist, »ich war die meiste Zeit krank und laborierte am Podagra, daß es also nicht recht mit mir fort wollte.« – »Das muß sein,« sprach Wilhelm, »und ich glaube es gern, daß Ihr das Podagra habet, darum werden die Fundamenta, die Ihr in der Musik haben sollet, sehr seichte und schlecht sein.« Auf dieses fing ich an und fragte ihn, wieviel er Ton statuierte. »Ach, lieber Herr,« gab er mir zur Antwort, »das habe ich schon lange aus dem Gedächtnis gelassen, gedenket, ein Mensch wie ich, der so continuierlich krank lieget, kann von solchen Sachen wenig behalten.« – »Wie resolvieret Ihr denn«, fragte ich weiter, »die falsche Quint?« Damit schwang er sein Instrument wieder an den Hals, sah sich ein wenig um und lief, was er konnte, gegen das Schloßtor. Es war nicht anders, als stünde auf offenem Felde ein Has auf, wie schnell wir den Bachanten mit unseren Stäben verfolget. Er aber eilete dermaßen, daß er nicht allein sein Clavichordium, sondern noch darzu seinen angehefteten Bart auf der Straße verloren, dadurch wir leichtlich mutmaßen können, daß es entweder ein angestellter Poß vom Philippen oder aber ein heimlicher Spion gewesen, welcher das Land unter einer fremden Person und Gestalt durchzuwandern pfleget.

Man satzte ihm mit zweien reitenden Knechten eilfertig nach, aber der Fuchs wußte ohne allen Zweifel mehr Löcher als eines, darum war er vor dasmal unmöglich einzuholen. Wir aber bekümmerten uns endlich nicht gar viel darum, sondern nahmen unsere Abendmahlzeit mit gutem Appetit zu uns, nach welcher wir mit unserem neuen Bruder bei einer Pfeife Tobak ein fröhliches Gespräche angefangen, in welchem er uns weiter erzählet, was für ein ehrbarer Schafhund der vorbenannte Barthel auf der Heide wäre. Friderich aber, welcher mir, absonderlich wegen des Altars, allerlei ins Ohr vertrauet, war allem Ansehen nach über vorgetane Erzählung Herren Wilhelmens sehr bestürzet. Wir hielten auch endlich dafür, daß dieser Organist wohl gar der Barthel auf der Heide dörfte gewesen sein.

Indem wir so miteinander redeten und mit einem guten Glas Bier die Hitze des Tobaks temperierten, erschien in dem[495] Schloßhof ein plötzlicher Feuerglanz. Ich und Friderich erschraken nit unbillig, denn jeder unter uns hielt es für eine schädliche Flamme, die sich aus einer verdeckten Asche oder sonsten durch ein Unglück hervorgeschwungen hätte. Dieses zu argwohnen, hatten wir wegen des weggelaufenen Spionens große Ursach und wären ohne allen Zweifel noch mehr erschrocken, so uns Wilhelm mit seinem freundlichen Anlächeln nicht ein anders zu verstehen gegeben. »Es ist gottlob kein Brand noch anders schädliches Feuer,« sprach er, »und was ihr hie sehet, ist die gewöhnliche Ehre, mit welcher ich alle diejenigen zu bewillkommen pflege, die ich das erste Mal auf meinem Schlosse zu bewirten gewürdiget werde. Ich sollte zwar, wie es meine höchste Schuldigkeit erfordert, euch mit einem sonderlichen Freudenfeuer oder wohlgesetztem Feuerwerk beehren, indessen aber, weil es mein eingepflanzter Humor so erfordert, soll dieses vor diesmal nur ein Zeichen meines guten Willens sein.«

Indem er so redete, kamen mehr denn zweihundert Bauernjungen, jeder mit einer Pechfackel in der Rechten und in der Linken eine Pfeife tragend, mit welcher jeder sein eigen Liedlein pfiff. Vornen an ritt ein großer Bauernflegel mit lauter Fuchsschwänzen behangen, welcher mit seiner großen Schalmeien der gesamten Bauermusik præludierte. Er saß rückwärts auf einem Esel, und also mußte ihm, anstatt des Zaumes, der Schwanz zu einem Leitseil dienen. Die Jungen gingen Paar und Paar in der Ordnung, und nachdem sie den Hof dreimal mit großem Gelächter der Zusehenden herumgegangen, marschierten sie eben in der Ordnung wieder ab, in welcher sie gekommen sind.

Diese Kurzweil, ob sie wohl etwas lächerlich war, kostete doch nicht so viel als ein großes und unnötiges Gepränge, welches oftermalen nicht sowohl zur Ehre der Herrschaft als zum Verderb der Untertanen gereichet. Und hatten vielleicht eine mehrere Ergetzlichkeit als von einem großen und unnötigen Aufzug des großen Moguls, darob man nur die Augen zum Geldgeiz aufsperren kann. Wir aber ergetzeten durch diese Kurzweil unsere Gemüter und vergaßen dadurch der Grillen, die uns da und dorten eingenommen hatten.[496]

Es fiel auf solches ein großer Regen ein, sonst hätte er seine übrige Feuer-Raquet, die er meisterlich zu schlagen wußte, in der Luft angefeuret, dannenhero waren wir vielmehr beflissen, zur Nachtruhe zu gelangen und in der vorigen Kammer der gestrigen Ergetzlichkeit von den rauschenden Baumblättern zu genießen, welche uns unter einem sehr angenehmen Gemurmel eingeschläfert haben.

Und weil wir gegen Herrn Wilhelmen diese große Vergnügung so heftig gelobet, wollte er uns auch vor dieses Mal Gesellschaft in der Nacht leisten, weil wir durch den ganzen Tag seine stete Beiwohner gewesen. Wir legten uns demnach alle drei in eine Kammer, ein jeder in ein absonderliches Bette. Wir beide aber hätten lieber gesehen, daß Herr Wilhelm diese Freundschaft vor dasmal aufgeschoben hätte, weil wir dadurch verhindert worden, unserer eigenen Angelegenheiten wegen der Braut nachzuforschen, davon Herr Wilhelm dermalen noch nichts wußte, daß sie Herr Friderich so heftig und ohne Vergleichnis liebte. Dannenhero machten wir aus der Not eine Tugend, und indem wir mit ihm allerlei Gespräche pflegten, schliefen wir unter währendem Regen und Sturmwind ein.

Wir hatten etwan eine oder aufs meiste zwei Stunden geschlafen, als ein großes Geschrei vor unsere Kammer, allwo die Landstraße zwischen den in die Ordnung gepflanzten Bäumen durchging, entstanden, und weil wir uns alle drei, aus dem ersten Schlafe erwachend, nicht darein zu finden wußten, bildete sich jeder die Gefahr zum größten ein. Es war aber dieser Tumult nichts anders als ein heftiges Rufen eines Menschen, der an dem Schloßtor mit einem Steine an klopfte und daselbst den Torwärter, ober dessen Logament wir schliefen, um den nächsten Weg einer bekannten Stadt fragte.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 492-497.
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