IV. Capitul.
Wer der verkleidete Cavalier Fidius gewesen. Wolffgang reiset nach Abstorff, Friderich und die verkleidete Dam schlafen beisammen in einer Kammer. Er erzählet seinen Zustand.

[503] Während dieser Rede schloß man uns dreie wieder aus den Banden, und diejenigen Diener, so das Werke verrichteten, lachten und schmunzelten, weil sie ebendiejenigen gewesen, die auf Anstiftung Herrn Philipps wie die Katzen geschlichen[503] und sonsten allerhand Tänze auf ihren Leiren, Geigen und Sackpfeifen, wie wir oben verstanden, kurz vorhero verübet haben, denn zu solchen Händeln sind sie viel mehr als ihrem Dienst und Verrichtungen abgerichtet, und wo sie ihrem Herrn in Ausübung eines kurzweiligen Possens möchten bedienlich sein, viel fixer, als ihn aus einer Kotlaken herauszuheben, weil sie, wie jener getan, nichts davon in ihrer Bestallung geschrieben wissen. Nichtsdestoweniger lobten wir ihre Treue und verehrten sie mit einem gebührlichen Trankgeld, dadurch man sich dieses Gesind trefflich zutun kann; wurden also in ein hübsches Zimmer geführet, darinnen wir unsere Wachsmäntel samt Degen und Wehrgehängen wie auch Sattel und Zeuge angetroffen. »Hier könnt ihr erkennen,« sprach Philipp, »wie getreu ich es mit euch gemeinet habe. Wenn ihr einem unter euren Feinden unversehens gleichwie mir in die Hände gefallen wäret, wie meinet ihr, daß der Tanz würde abgelaufen sein? Er hätte euch, gleichwie ich getan, ausziehen, euch in einen Kerker schließen oder sich wohl gar an eurem Blut sättigen können. Darum habe ich, ein solches Übel zu verhüten, euch mit einer geziemenden Kurzweil eures besorgendlichen Unfalls abhelfen und euch zugleich erinnern wollen, wie nötig es sei, sich auf der Straße wohl vorzusehen.« Auf dieses beteuerten wir nochmals mit großer Verpflichtung, daß wir nicht wüßten, wie oder warum wir diese Schwachheit in einem so großen Rausch verüben müssen, und schätzten uns solches vor ein absonderliches Glück, daß die Pferde in ihrer großen Irre dennoch so glücklich gewesen, den Ort eines so guten Freundes zu erreichen. Damit führte er mich zu seiner Frauen, Herrn Friderichen aber mit sich in seinen Stall, weil er von ihm einen guten Paßklepper einzuhandeln willens war. Sie wußte schon um alle Begebenheit und war auch zugleich dabeigewesen, als man uns die Kleider vom Leibe gezogen, konnte auch nicht genugsam erzählen, wie unbeweglich wir beide gewesen, ja, sie machte die Beschreibung so umständlich und grausam, daß ich mich billig unsers großen und sonst ungewöhnlichen Schlafes schämen mußte. In dieser ihrer Erzählung kam zugleich der fremde Cavalier zu uns,[504] weil man nunmehr zur Tafel geläutet hatte. Ich erschrak, sobald ich diesen unter Augen bekommen, denn seine Gestalt und liebliches Gesichte kam allerdings mit demjenigen Altarbilde überein, welches uns in der vorigen Kapelle von Herrn Wilhelmen ist gewiesen und umständlich beschrieben worden. Wir hatten gegen Herrn Philippen deswegen kein Wort gedacht noch viel weniger erzählet, was die beide Fremde ober uns geredet hatten, weil ohne allen Zweifel ein Betrug dahinter steckte, der zwar kein Übel, aber doch auf einen solchen Ausgang angesehen war, dadurch wir beide Gelegenheit hätten, Herrn Philippen wieder wacker auszulachen. Also ließ ichs gut sein und wollte ehe tausend Taler verloren als die Meinung gemisset haben, daß dieser verkleideter Cavalier nicht ebendiejenige adelige Jungfer wäre, von welcher uns Herr Wilhelm erzählet hatte.

Damit kam Herr Philipp und Herr Friderich aus dem Stalle, weil sie in dem Kauf nicht allerdings eins werden können. Denn Herr Friderich war karg, und Herr Philipp schenkte auch nicht gerne viel hinweg, also schien es fast, als wollten zwei hart aufeinandergeschlagene Steine ziemlich Feuer geben, und weil sie um einen merklichen Sprung in dem Kaufe voneinander waren, auch keine Hoffnung zum Leihkauf war, ließ man den Pferdediscurs fahren, und nachdem Herr Friderich sein höfliches Compliment, wie er allezeit pflegte, gegen der Frau Philippin wie auch gegen dem Fremden abgelegt, satzten wir uns zu Tische, und ich gab genaue Achtung auf Herrn Friderichen, wie er sich in Anschauung des verkleideten Cavaliers würde traumen lassen.

Es ist nicht zu sagen, wie eine heftige Röte ihm in das Gesichte geschossen, als er diesen jungen Edelmann etwas genauer betrachtet. Daraus verstund ich wohl, daß ich in meiner Meinung wegen des gesehenen Altarbildes nicht betrogen, deswegen wartete ich mit Verlangen, bis die Mahlzeit vollendet war, zwischen welcher Herr Friderich bald dieses, bald jenes so vermischet untereinander geredet, daß sich Philipp in seine variierende Discurs mitnichten richten konnte. Ich aber merkte wohl, daß solche hin und wider wankende Reden lebendige Vorboten seiner verliebten Gedanken[505] wären, dazu er wider seine eigene Gewohnheit vor diesmal ist verleitet worden.

Nach aufgehobenem Tische gingen wir in unser Zimmer mit hinterlassener Zusage, daß sich Philipp wegen des Pferdekaufs noch in etwas besinnen und alsdann seine endliche Resolution mit einem Wort wollte zu verstehen geben. Im Werke aber geschah es nur darum, auf daß wir, von der Gesellschaft Herrn Philipps entäußert, bessere Gelegenheit hatten, von der Sache zu reden, die uns über Tische in so große Verwirrung gebracht hatte. »Hast du gesehen,« sprach er zu mir, »was mich über dem Essen so bestürzt und verwirrt gemachet?« – »Ich habe es«, war meine Antwort, »nicht allein gesehen, sondern genugsam gehöret, wie verwirrte Reden du untereinander auf die Bahn gebracht und wie ordentlich du dein Rhetorik in acht genommen hast.« – »Ja,« sprach er, »Bruder, das Gesicht des Cavaliers war ein anderer Lehrmeister.« – »Ist es nicht ebendasjenige,« fragte ich, »das wir bei Herrn Wilhelmen in der Kapelle an dem Altare gesehen?« – »Ja,« sprach er, »es ist ebendasjenige und kein anders, als welchem ich tausendmal zu Gefallen auf das Schloß ihrer Frau Mutter betteln gegangen. Sie ist durch einen Unfall zu dieser Verkleidung ohne allen Zweifel veranlasset worden. Weil sie sich auch nach Aussage des Philipps eine geraume Zeit allhier aufzuhalten willens ist, gedünkt es mich die beste Gelegenheit zu sein, allhier meine Pfeile zu schneiden und zu verschießen. Weil es aber absonderlich in einer so wichtigen Sache getreue Beistände erfodert, wäre mein freundlich und brüderliches Bitten, daß du möchtest zu Herrn Wilhelmen zurücke reiten, ihm den Betrug eröffnen und ihn zugleich mit dir allhier zu vermögen, damit in dieser Sache etwas Nützliches möchte geschlossen werden.«

Wir nahmen darauf die Landkarte, die sich ein jeder von dem Original des Christophens hatte abcopieren lassen, in der Stille hervor und besahen den Weg, wohin ich mich gegen dem Schloß des Wilhelmens zu wenden hatte, weil wir nicht gerne um den Weg fragen wollten, damit unser Vorhaben auf keinerlei Weis möchte offenbar werden. Also[506] eilete ich denselben Abend noch davon mit Vermelden, an einem benachbarten Orte gewisses Schuldgeld einzuheben und mich sodann wieder zurücke zu verfügen. Philipp war dessen wohl zufrieden und erfreuete sich, daß er des bescheidenen Friderichens angenehme Person mit so großem Content genießen konnte, dessen Annehmlichkeit er je länger, je höher zu schätzen pflegte. Er war auch einer solchen Hochachtung wohl wert, weil er nicht allein ein Mensch von einem recht frommen und christlichen Herzen, sondern noch darzu in allen Sprachen ziemlich erfahren war, also daß er unter den Edlen nicht anders als ein schöner Rubin in einem güldenen Ringe schimmerte.

Er brachte es noch selbigen Abend bei Philippen dahin, damit er bei diesem fremden Cavalier, weil ich ohnedem nicht bei ihm war, in einer Kammer alleine schlafen konnte, welches ihm Herr Philipp gerne vergönnete. Damit eileten sie beide zur Ruhe. Herr Friderich, vor Lieb und Unmut gequälet, wandte sich in seinem absonderlichen Bette hin und wider und ließ seines Gemüts Unruhe genugsam in der äußerlichen Bewegung verspüren, also daß die verkleidete Dame genugsame Ursach hätte, sich über seinem Zustand zu befragen. »Monsieur,« sprach sie, »Er ist unruhig und sein Seufzen verwunderlich, reuet Ihn vielleicht der Pferdehandel?« – »Ach, tapferer Cavalier,« sprach Herr Friderich, gleich als kennete er sie nicht, »ein Pferd ist zu wenig, mich entweder gründlich zu erfreuen noch mich, wie ich anitzo billig Ursach finde, zu betrüben.« – »Ist Euch denn«, sagte diese ferner, »irgends Unglück widerfahren?« – »Nein,« sprach Herr Friderich, »aber ich werde wohl von einem Zweifel gepeiniget, welchen ich höher als alles Unglück schätze.« – »Ihr seid«, sprach sie, »herzhaftig genug, Eurem Zweifel zu begegnen, aber saget mir im Vertrauen, in was vor einer Begebnis entspringet Euch solcher Zweifel?« – »Ich will«, sprach Herr Friderich, »Euch als einem klugen Cavalier, dessen große Affection ich über dem Tische gegen mir genugsam erfahren und mich dannenhero über eine so gut aufgestoßene Freundschaft von Herzen zu erfreuen habe, mit wenigem vertrauen, wer ich sei und was mich peiniget,[507] verhoffend, daß Ihr mir auch Eure Zustände zu entdecken keinen Scheu tragen werdet.

Ich bin von Geburt ein Schottländer und heiße sonsten Jonstinus, welchen Nam, weil er den Teutschen etwas ungemein fället, ich mit dem Namen des Friderichens ausgetauschet und verwechselt habe. Ich habe meine Zeit von Jugend auf in Schulen und in dem Kriege, auch in vielen Reisen durch die Welt zugebracht. Letztlich erkaufte ich in diesen Landen ein adeliges Gut und wohlerbautes Schloß, auf welchem ich meine Zeit als eine ledige Person so lange zugebracht, bis ich entschlossen, die Eitelkeit dieser Welt zu quittieren, eine graue Kutte über den Hals zu werfen und ein Einsiedler zu werden. Solchen Habit habe ich bis neulich getragen, und unter währender Einsiedlerei kam ich auf ein Schloß zu einer adeligen Wittib, die heißet die Frau von Ocheim, eine andächtige und fromme Matron. Diese Frau von Ocheim hat eine einzige Tochter und Sohn, die beiderseits wohl gezogen sind. Und ich hatte allerdings große Ursach, mich in die absonderlichen Eigenschaften der Tochter zu verlieben, weil ich nach meinem Bedünken kein schöner Weibsbild in der ganzen Welt gesehen habe. Ich habe resolviert, wegen ihrer mein hart und strenges Leben zu quittieren und mich um ihre holdselige Liebe zu bewerben, aber ich muß nun auf meiner Reise mit Jammer verstehen, daß sie sich an einen mit Namen Barthel auf der Heide verehlichen werde, dadurch liegt meine Hoffnung, die ich so sehr in mir brennen lassen, im tiefen Meer, und sind mir alle Funken ausgelöschet, ihrer holdseligen Anmut zu genießen. Glaubet, o tapferer Fidius, daß mich dieser Schmerz unermeßlich quälet und daß ich genugsame Ursach habe, mich mit verzweiflenden Gedanken zu martern, weil mir meine Sonne untergehet.

Doch Geduld! Diese ist der beste Arzt wider allen Unmut, und kann ich sie gleich nicht haben, so werde ich doch ihren hohen Aestim bei allen denen in unauslöschlichem Gedächtnis zu loben wissen, die etwas auf den Ruhm der wahren Tugenden halten. Und dieses ists mit wenigem, welches meine stete Unruhe befördert.«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 503-508.
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