V. Capitul.
Zu Ocheim wird eine kurzweilige Comödie gespielet.

[576] Bald darauf schickten die Studenten eine Post an mich, daß sie mit ihrer Zubereitung nunmehr in Positur stünden. Derohalben wurde vor diesmal schleuniger Aufbruch gemachet, darüber sich absonderlich diejenigen freueten, die sonsten an Comœdien ihre meiste Vergnügung zu suchen pflegen. Der Saal, darinnen das Theatrum gebauet war, ließ nicht viel Volk zu. Dannenhero mußte man eine Wache vor die Tür stellen, welche nur diejenigen hineinließ, die sie nicht kannte. Also kamen alle Fremde ungehindert in Saal, und die Einheimischen, denen, wegen ihrer Bauern-Profession,[576] an dergleichen Materien nichts gelegen ist, als daß sie vor dem Theatro das Maul aufsperren und lachen, wenn andere lachen, wurden, wie billig, von dem Orte abgetrieben.

Nachdem sich alles in seiner Ordnung gesetzet, erhebte sich hinter dem Theatro eine Musik, unter welcher die Vorhänge schnell aufgezogen worden. Man sah mitten auf demselben einen großen Baum stehen, unter dessen Schatten ein junger Cavalier in süßer Ruhe lag; dieser hieß Julio. Zu ihm kam ein reisender Schneidergesell namens Poko, welcher seinen Curs ins Reich zu nehmen willens war. Also fingen sie an den


Actus Primus


Scena Prima


Julio und Poko


Julio. Die Liebe, so mein Herz im Brand versehret, ist meine allerheftigste Pein, und wenn sie mich verlässet, so muß ich nichtsdestoweniger sterben.

Poko. Ich weiß wahrhaftig nicht, welches der rechte Weg nach Straubing ist. Herr, wie Ihr heißet, wo gehe ich recht auf Pfada?

Julio. Darum betrübet sich mein Herz, weil ich meiner verliebten Hoffnung kein gewissen Ziel ihrer Begierde setzen kann.

Poko. Ja, es ist mir auch also, ich kann den rechten Weg nicht finden. Saget mir, gehe ich da hinaus, oder hupfe ich da über die Stiegel?

Julio. Ich bitte euch, ihr meine Gedanken, peiniget mich nicht! Ist es euch denn so ein großer Sieg, eure eigene Herberg zu stürmen?

Poko. Herr, ich bin mein Leben lang nie Sturm gelaufen, bin auch kein Soldat, sondern ein Schneider. Wo geht man recht auf Straubing?

Julio. Es ist zwar wahr, daß sie mich liebet, aber vielleicht liebet sie mich auch nicht. Drum weiß ich nicht, gehe ich irr oder nicht?

Poko. Ich weiß auch nicht, ob ich auf dem rechten Weg bin oder nicht. Wollte, daß der Teufel die Leut holte, die mich[577] über die Wiesen herein gewiesen haben! Saget mir, wo gehe ich am nächsten?

Julio. Meine Geduld tröstet mich noch. Will sie dich verstoßen, wohlan! Wer kann wider die Unbarmherzigkeit einer Schönen? Aber weißt du, o Julio, wo du dich hinwenden sollest?

Poko. Nein, das weiß ich bei meiner Treu nicht, und wenn ichs wüßte, wollte ich Euch nicht fragen!

Julio. Ja, ja, es ist resolviert! Trauer soll meine Speise sein und der Tränenregen meine Burg!

Poko. Ja, Herr, Ihr sagt recht: von Straubing will ich auf Regensburg.

Julio. Was achte ich endlich ihren Haß? Die Großmütigkeit ist ein Fels, daran sich die allerrauhesten Schiffe zerstoßen, dennoch wird mir meine Last ziemlich schwer.

Poko. Mir ist der Wanderbündel auch nicht leicht zu tragen. Herr, saget mir, wo 'naus?

Julio. Du unbarmherzige Clio! ich seufze, du hörest mich nicht, ich rufe, du stopfest dein Ohr zu.

Poko. Ja, das meine ich auch: komme ich nicht bald vor die Stadt, so sperren sie das Tor zu.

Julio. Deine Stimm, ob sie mich gleich gelocket, hat doch ihren vorigen Ton verloren. Das Gesang der Sirenen ist gefährlich; nun verwandelst du dich in einen Raubvogel da ich vermeinte, du wärest ein weißer Schwan.

Poko. Herr, Ihr habt es erraten! Im ›Weißen Schwan‹ will ich einkehren, da ist die Schneider-Herberg.

Julio. Ach, wie betrüglich sind die Gedanken der Menschen Tausend Taler hätte ich auf ihre Beständigkeit gewaget, nun gebe ich nicht vier Groschen dafür.

Poko. Ja, Herr, es wäre mir auch zuviel! Vier Groschen für eine Mahlzeit, das trägt mein Beutel nit.

Julio. O Clio! ich sehe dich vor mir, wo willst du hin?

Poko. Auf Straubing!

Julio. Bleibe, o Schöne, und lasse dich hier in dem Schatten nieder!

Poko. Mein Herr, beileib nicht! Ich muß fortreisen.

Julio. Aber, wie ich sehe, so laufst du fort.[578]

Poko. Ich wollte gern, wenn ich nur den Weg wüßte!

Julio. Nun ists verloren! Da ich vermeinte, meine Sachen würden sich auf die rechte Seite lenken, so wenden sie sich zur linken.

Poko. Herr, ich sage Euch großen Dank! Ich will mich auf die linke Seite wenden.


(Gehet ab.)


Actus Primus


Scena Secunda


Scabio und Poko


Scabio. Ich bin ein Weberbürschlein und reise in die Pfalz, weiß aber nicht, ob ich hie recht gehe oder nicht. Es soll der richtige Weg auf Straubing sein, aber hie geht eine Straß da, die andere dort hinaus, welche ist nun die rechte? Ha, ha! dort sehe ich ein Wandersbürschlein gehen, es ist ein Schneiderlein, und haben heute nacht auf einer Herberg beisammen geschlafen. Du, Poko, wo gehest du hin?


(Poko kommt zurück.)


Poko. Wo gehest du hin?

Scabio. Das will ich dir sagen, sage du mir zuvor, wo du hinwanderst!

Poko. Ich sage dirs nicht ehe, bis du mirs gesagt hast.

Scabio. Hörst du's denn nicht? Wenn du mirs sagest, will ich dirs auch sagen!

Poko. Sag du mirs zuvor!

Scabio. Das tu ich nicht!

Poko. Ich auch nicht!

Scabio. Wieviel ists an der Uhr?

Poko. Das weiß ich wohl.

Scabio. Ich auch.

Poko. Wieviel denn?

Scabio. Sage du mirs!

Poko. Sag du es zuvor!

Scabio. Das lasse ich wohl bleiben.

Poko. Ich auch.

Scabio. Willst du nicht auf Straubing?

Poko. Willst du nicht auf Straubing?[579]

Scabio. Sage du mirs zuvor!

Poko. Sage du mirs zuerst!

Scabio. Nun sag es!

Poko. Nun sag du es!

Scabio. Wenn du mirs sagest, so sage ichs auch!

Poko. Sage du es zuvor!

Scabio. Laß mich mit dir gehen!

Poko. Laß du mich mit dir gehen!

Scabio. Wenndu mich mit dir gehen lässest, so lasse ich dich mit mir gehen.

Poko. Nein, wenn du mich mit dir gehen lassest, so kannst du auch mit mir gehen.

Scabio. Ich will nicht.

Poko. Ich will auch nicht.

Scabio. Wo geht der Weg hinaus?

Poko. Wo geht der Weg hinaus?

Scabio. Sag du mirs!

Poko. Sag du mirs!

Scabio. Ich sage dirs darnach, sage du mirs zuvor!

Poko. Sag du mirs zuvor, ich sage dirs darnach!

Scabio. Wo kehrest du zu Straubing ein?

Poko. Wo kehrest du zu Straubing ein?

Scabio. Sage du mirs!

Poko. Sage du mirs!

Scabio. Ich sags nicht zuvor.

Poko. Ich sage es auch nicht zuvor.

Scabio. Warum willst du mirs nit sagen?

Poko. Warum willst du mirs nit sagen?

Scabio. Sag du es zuvor!

Poko. Sag du es zuvor!

Scabio. Wer bist du?

Poko. Wer bist du?

Scabio. Ich bin, was ich bin.

Poko. Ich bin auch, was ich bin!

Scabio. Du bist ein Hunds- etc.

Poko. Du bist auch ein Hunds- etc.


(Damit kriegten sie sich bei die Köpfe und zerzauseten wacker einander.)
[580]

Inzwischen hatte sich der erste Student als der verliebte Junggesell in einen Weiberhabit verkleidet, zu diesem kam der vierte auch in einem Jungferkleid heraus und machten folgendes:


Actus Primus


Scena Tertia


Urschel und Zipusia


Zipusia. Ursel, warum bist du so traurig?

Urschel. Mein Kind, ich darfs nit sagen.

Zipusia. Du darfst es mir ja sagen.

Urschel. Ich darfs keinem Menschen sagen.

Zipusia. Sage mir nur ein Wort davon!

Urschel. O mein Schatz! ich darfs Maul nicht auftun.

Zipusia. Ist denn ein so großes Unglück geschehen?

Urschel. Freilich, aber ich darfs nit sagen.

Zipusia. Hui! daß deine Frau einen fremden Galan bei sich gehabt hat?

Urschel. Ja, aber ich darfs nicht sagen.

Zipusia. Du hast sie gewiß erwischt?

Urschel. Freilich, aber ich darf kein Wörtlein davon sagen.

Zipusia. Es ist gewiß der Schlossergesell gewesen?

Urschel. Ja, aber ich darf niemand nichts sagen.

Zipusia. Wo? im hintern Stüblein?

Urschel. Freilich, aber ich sage dirs nicht.

Zipusia. Ist nicht diese Woche auch der Maler bei ihr gewesen?

Urschel. Er ist dagewesen, aber ich darf es nicht sagen.

Zipusia. Deine Frau stiehlt ihrem Mann das Geld aus dem Sack?

Urschel. Ja, aber ich darf es nicht sagen.

Zipusia. Hat sie nicht auch den Beckenknecht lieb?

Urschel. Sie hat ihn von Herzen lieb, aber ich sage dirs nicht.

Zipusia. Sie sind oft beisamm?

Urschel. Gar oft, aber ich sage es nicht.

Zipusia. Was müßte man dir denn geben, wenn du einem alle heimlichen Händel deiner Frauen offenbaren wolltest?[581]

Urschel. Wenn du mir vier Groschen gäbest, so wollt ich dir sagen, daß sie auch bei unserm Schreiber schlafe. Aber wenn du mir nichts gibst, so sage ich dir auch nicht, daß sie zu Nachtszeit in Mannskleidern ausgehet.

Zipusia. Höre, ich will dir einen Taler geben.

Urschel. Nun, wenn du mir den Taler gibst, so will ich dir darnach offenbaren, daß sie den Bräuknecht hinter der Mauer liebhat.

Zipusia. Urschel, du bist auch nicht gar richtig um den Schnabel, gelt, du hast einen großen Leib?

Urschel. Wenn du mir etwas schenkest, so will ich dirs gestehen, aber sonst nicht.

Zipusia. Ich gebe dir nichts.

Urschel. Nun, so sage ich dirs auch nicht, daß es des Schulmeisters sein Jung getan hat.


Gleich als sie fortreden wollten, fielen die Wände ein, mußten also die Action für diesmal beschließen, und die Zuseher gingen mit großem Gelächter unter währender Musik davon.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 576-582.
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