IX. Capitul.
Der Schreiber von Ichtelhausen kommt unrecht an, verirrt sich das zweite Mal. Alexander wird begraben. Der betrübte Wolffgang wird von Philippen und Dietrich wunderlich getröstet.

[599] Folgenden Tages eilete ich mit meinem Knecht Wastel wieder auf das Gut meines seligen Vaters, allwo wir die Leiche bestellet und den Begräbnistag angesetzet haben. Indem ich[599] also beschäftiget war, kam ein junger Kerl vor das Haus und foderte eine Wegzehrung. Sein Gesicht sollt mir bekannt sein, weil ich aber schwarz ging, kannte er mich nicht. »Seid Ihr nicht der Schreiber,« sagte ich zu ihm, »der zu Ichtelhausen gedienet?« – »Ja,« sagte er und wurde zugleich blutrot, »ich bins, wie kennen mich Euer Gestreng?« – »Ich kenne Euch wohl,« sagte ich, »habt Ihr Euer Buch schon abgeschrieben?« Als ich dieses geredet, nahm er seinen Kopf zwischen die Ohren und lief, was er konnt und mochte. Aus diesem sah ich wohl, daß er heimlich davongelaufen und das Schloß Ichtelhausen stehen hat lassen, wo es gestanden ist; und weil ich für großer Trauer nicht viel um seine Zustände besorget war, ging ich diesen Geschäften nach, um welcher willen ich allher gekommen.

Da nun alles verrichtet war, ritt ich wieder heim, und Wastel hatte seiner alten Weise noch nicht vergessen, weil er wohl wußte, daß mich seine närrische Reden und Erzählungen öfters ergetzet haben. Aber ich mußte lachen, daß er für großem Wind und häufigem Staub kaum das Maul auftun können; und dannenhero vernahm ich das zehente Wort nicht, was er sagte, weil ihm ein Kotklumpen um den andern ins Maul fuhr.

Nach meiner Heimkunft in das Schloß traf ich ebendenjenigen Schreiber in der Hofstube an, der kurz zuvor auf dem andern Hause bei mir um eine Wegzehrung gebettelt hat. Er erschrak für mir hier so sehr, ja noch mehr als dorten, und wo ich nicht vor der Tür gestanden, hätte er ohne allen Zweifel seine Fechtsprünge wieder zum Hofe hinaus gemachet. Mein Weib hatte ihn indessen hiehergehen heißen und, weil er Schreiberdienste gesuchet, bis auf meine Ankunft vertröstet. »Ihr dörft Euch nicht fürchten,« sagte ich, »ob ich gleich weiß, wer Ihr seid oder von wannen Ihr kommet. Die Straf ist vor Euch zu Ichtelhausen etwas zu stark gewesen; wo Euch Euer Fehler leid ist und Ihr fleißig schreiben wollet, so könnt Ihr wohl bei mir bleiben und diesen Sommer Euer Stücklein Brot essen.«

»Es wäre mir überaus lieb, gestrenger Herr,« sprach der Schreiber, »wenn ich einen so guten Herren haben könnte.[600]

Ich weiß es am besten, wie es mir bis daher zu Ichtelhausen gegangen hat. Ich habe schreiben müssen, daß mir die Nägel hätten erschwarzen mögen, und habe doch kaum genug dafür zu essen bekommen. So für haushältig man den Verwalter hält, so weiß ichs doch nicht allein, sondern auch das ganze Schloßgesind, daß er nichts oder wenig erwirbet, sondern alles ergeizet und an den Leuten abhungert. Ich habe an dem Auseisen fast meine Haut von den Händen gearbeitet, bin wie ein Stockfisch geprügelt worden, mußte Tag und Nacht in dem Loche stecken und sollte noch einen Folianten von einem Riß Papier abschreiben! Herr, man lasse meinen Frevel vor Gericht ausfechten, ob sie mir eine so harte und langweilige Strafe auflegen können! So hab ich mich demnach eines anderen besonnen und sagte, ich wollte Dinten sieden. Der Verwalter trauete mir nicht, sondern ging mit mir in die Küche, von dar wollte er mich, wie er sagte, wieder zurückführen und in meiner Kammer versperren. Weil nun niemand Sonderlichs zugegen war, sott ich meine Dinte, und als sie ziemlich heiß war, goß ichs dem Narren mit allen Kräften in die Fressen hinein, bin also davon- und zum Schlosse hinausgelaufen.«

Dieser Abschied, gleichwie er kurz und wohl resolvieret worden, also war er sehr kurzweilig und lächerlich anzuhören. »Ich muß gestehen,« sagte ich zu ihm, »daß Euch der Verwalter mit seinem getanen Vorschlag zu viel Arbeit auf den Hals geladen. Aber Ihr sehet genugsam, wie es geht. Wer sich jetziger Zeit nicht rechtschaffen herumtun kann, der muß sich allenthalben treten lassen. Ihr habt ihms auch grob gemachet, und wenn Ihr die Häßlichkeit der Verleumdung und heimlichen Nachrede erblicken sollet, so würdet Ihr gestehen müssen, daß alle diese Euch auferlegte Strafen viel zuwenig und gering gewesen. Hiermit kommet mit mir und schreibet etliche Briefe. Die Sache, so Ihr zu Ichtelhausen begangen, will ich schon wieder auf einen guten Weg bringen.« Solchergestalten führte ich ihn in meine Stube und dictierte ihm das Concept, nach welchem alle Totenschreiben mußten eingerichtet werden.

Er arbeitete so fleißig, daß er noch selbigen Abends bis auf[601] zwei fertig wurde. Folgenden Morgens verfertigte er auch diese; und also wurde ein Bot da-, der andere dorthin geschickt, meine gute Befreundte und Bekannten zum Begräbnis einzuladen. Inzwischen kleidete ich alle Diener in die Trauer, dabei sich der Schneider ohne allen Zweifel einen a parte- Trauermantel zugeschnitten hat. Und was soll ich mich lang in Beschreibung desjenigen aufhalten, welches ein der größten Verdruß ist? Ich renoviere durch Erwähnung der vergangenen Begebenheiten nur meine gehabte Schmerzen und bin gleich einem Kind, welches den Finger ins Feuer hält und sich selbst dadurch verletzet. Ich habe in diesem ganzen Buch nicht so viel Tropfen Dinte verschrieben, als viel Tränen ich dazumal um meinen lieben Vater vergossen habe, so wenig mir auch meine Freunde und absonderlich Bruder Philipp glauben wollen, daß es mir von Herzen gehe. Solches zu sehen, will ich allein zwei Briefe, als nämlich vom Philipp und dem Dietrich, anher setzen, welche sie mir auf meinen schmerzlichen Advis-Brief zurückgeschicket und geantwortet haben.


›Geehrter Herr Bruder etc.


Es muß Dir schrecklich im Herzen gepufft haben, als Du verstanden, welchergestalten Dein alter Vater die Treppe hinuntergepoltert ist. Und allem Ansehen nach werden Dir die Augen ziemlich rot aussehen, weil Dir ein solches Stäublein darein gefallen. Du wirst bei der Leichprocession lassen singen das Sterblied, Herzlich tut mich verlangen', und im Herzen wirst Du gedenken: 'das Geldlein zu empfangen.' O Du bist ein Tausendschelm! Wer Dich nicht kennete, der kaufte Dich für eine Pomeranze. Daß es dem Advocaten so wunderlich geglücket, wird er ohne allen Zweifel in seinen Calender schreiben, denn er notiert wohl schlechtere Sachen, auch sogar, wenn er die Schuh flicken lässet. Wie ich aus Deinem Brief sehe, so hast Du einen scharfen Scharmützel gehabt, Du hast billig und wohl getan. Wenn es Dir ja wider Verhoffen leid wäre, daß Dein lieber Vater tot ist, so condoliere ich hiermit, wie bräuchlich ist. Bei der Procession werde am bestimmten Tag zu gewöhnlicher Stunde inzeiten[602] erscheinen; kaufe indessen eine saubere Rolle Tobak. Ich will recht schöne und perfecte Pfeifen mit mir bringen. Vale!


Dieses Concept, wie es von Wort zu Wort hier anzutreffen ist, war Philipps von Oberstein, welcher das Glück hatte, sich in die allerbetrübtesten Sachen überaus wohl zu begreifen. Das folgende ist von Dietrich. Es hieß aber also:


›Edler etc. vielgeehrter und trauriger Freund etc.


Ob du so sehr erschrocken seiest, wie Dir die Post wegen Deines toten Vaters gebracht worden, als ich, da Du mir ein Faß voll Wasser hinter dem Wetterbild auf den Leib gegossen, daran zweifle ich. Dein Herz wird nach seinem Geld und vollen Kästen geseufzet haben, gleichwie ich dazumal nach einer wohl eingeheizten Stube. Wenn Dirs ja leid ist, so denke, daß Du es bei dem Wetterbild zu Grundstett wohl verdienet hast. Lasse Dir bei der Frau Philippin Dein Trauerhemd nähen, sie wird Dir Pferde- und Kamelhaar hineinflicken, daß du wacker, gleichwie ihr Mann im Walde, gekitzelt wirst. Meines Orts trage ich mit Dir gleiches Leid, und ich bin viel mehr als Du betrübt, weil mir kein so reicher Vater wie Dir gestorben ist. Was den Advocaten Bleifuß anbelanget, hat er von Glück zu sagen. Ich weiß, was sonsten Barthel für ein Fechter gewesen. Du hast Dich wegen Deiner getanen Gegenwehr nichts als alles Guten zu versehen. Bei dem Conduct wirst Du schon mit hübschen Austern und einem stattlichen Trunk Wein in Bereitschaft stehen. Wem ein solcher Brocken in die Küchen fället, kann schon einen fetten Braten an den Spieß stecken. Um bestimmte Zeit will ich mich gewiß einfinden und eine Trapelierkarte mit mir bringen. Lebe wohl und grüße mir Deine Hausfrau!‹


Diese zwei hatten bei erwähntem Zustand die allerweltlichsten Gedanken, die andern aber antworteten, wie es der gemeine Land-Stylus oder auch dieser und jener gedruckte Autor mit sich brachte. Darum ist es unnötig, viel davon aufzusetzen, sondern viel besser, daß man hierinnen jedem seinen eigenen Willen vor sich selbst lasse, weil nicht einem jeden gegeben ist, einen Brief oder sonderliches Concept[603] aufzusetzen. Darum wäre es auch eine Torheit, in diesem Stücke große Argutien darüber anzuführen und diejenigen auszufilzen, die es nicht können; denn: kann doch kein Mensch alles. So gern ichs nun habe, daß mich einer auslachet, weil ich nicht Spanisch kann, so gern sieht es ein anderer, wenn man ihn auslachet, daß er kein Concept aufsetzen kann. Und diejenigen, so andere am allermeisten durchziehen, sind gemeiniglich selbsten die Allerlasterhaftigsten. Warum lachest du über deinen Nächsten, daß er nichts kann? Sei du froh, daß du es kannst. Ein Soldat, der eine Beute raubt und diesen auslachet, der keine hat, wird oft von demselben angegriffen und um das gebracht, was er geraubet hat. Doch ist dieses das allerschlimmste Übel, daß der, so nichts kann, ausgelachet, und der, so mehr als wir kann, geneidet wird.

Ich will, weil in einem Trauerhaus wenig Kurzweil gefunden wird, meine Feder bald auf eine fröhlichere Materia führen, wenn ich allhier nur mit wenigem beschrieben und den geneigten Leser mit drei Worten berichtet habe, daß die Leichceremonie nach allem Wunsch und Verlangen glücklich vonstatten gangen. Nach solchem ritten wir in mein Schlößlein, allwo die Zimmer mit schwarzem Tuche überzogen und an demselben etliche Emblemata aufgehangen waren, an welchen sich diejenigen ergetzten, die etwas mehrers in der Schul als die gemeine Auswürfling getan hatten. Solche Emblemata machte mir der ehrliche Lorenz, Herren Philipps Præceptor zu Oberstein, welcher sonst ein guter Criticus war, nur daß er alle Vexier- und Scherzreden für die allergrößte Injurien und Calumnien zu halten pflegte.

Solche, weil ich sie nicht allein in mein Tagebuch einzeichnen, sondern noch darzu illuminieren lassen, will ich hier, auf daß der begierige Leser davon einen kleinen Nachricht haben möge, gar mit kurzen und eingezogenen Umständen entwerfen. Auf dem ersten Blatt war gemalet ein großer Haufen übereinanderliegenden Totenbein. Vor ihnen stund eine starke Vestung auf einem hohen Berg. Unter den Beinen die Wort: Nil possumus, das ist: Wir können nichts tun, unsere Kräften sind wie ein Stäublein. Dadurch wollte er zu[604] verstehen geben die Nichtigkeit des Menschen, welcher sich hohe Türm zu übersteigen einbildete und endlich bei diesen Totenknochen erst das Nil possumus lernen müßte.

In dem andern war ein Schnitter mit einer großen Sense gemalen, welcher Korn abschnitt, mit dieser Obschrift: Nec una remanebit: Es wird auch nicht ein einziges Hälmlein überbleiben. Aus welchem der Verstand von sich selbst leichtlich floß, daß es uns allen dermaleins gelten würde.

In dem dritten lagen drei Totenköpfe nebeneinander, darunter stund: Monstra Regem? Welcher ist unter diesen der König gewesen?

In dem vierten stunden zwölf Lichter, immer eines kürzer als das andere. Der Tod aber blies sie von oben bis unten zugleich aus, mit der Obschrift: Deleo cuncta: Ich lösche alles aus. Andere waren noch anders ersonnen; weil aber Herr Lorenz etliche, nach seinem eigenen Bekenntnis, aus unterschiedlichen Büchern gestohlen, bin ich nicht willens, solche Sachen hier für neu auszugeben, an welchen allgemach hundert Federn stumpf sind geschrieben worden.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 599-605.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die kurzweiligen Sommer-Täge
Die kurzweiligen Sommer-Täge

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon