XI. Capitul.
Discurrieret von dem Unterscheid satirischer Schriften.

[476] Das Frauenzimmer wie auch ich machten es nicht gar lange, weil es nunmehr fast Zeit zu essen war. Jedennoch erzähleten wir alle, so gut wir vermochten, unsere Begebenheiten. Ich war ihr Anführer, darum brachte ich alle das auf die Bahn, dessen ich vorhin im ersten Capitul dieses Buches gedacht habe. Als solches vollendet war, kam die Frau Philippin auf die Bahn, welche es ihrem Herren in dem Fasten und Kasteiung des Leibes weit bevorgetan hatte.

Die Frau Herren Gottfridens wollte viel Irrwische und andere Geister gesehen haben. Frau Sempronin hatte etliche Bücher durchlesen, und meine Gemahlin rühmete sich ihrer fleißigen Teppichtnaht. Also erzählete eine dies, die andere das, welches ich darumen hier nicht in richtiger Ordnung beschreiben kann, weil die Studenten, als verliebte Donnerschelmen, sich an der Erzählung des löblichen Frauenzimmers dergestalten vernarret und vergaffet, daß sie in Aufzeichnung des Protocolls bald hier, bald dort einen merklichen[476] Fleck außen und zurücke gelassen haben. Ist also die Schuld der Concipienten und nit meine, weil ich die Erzählungen von ihnen hernachmals abgeschrieben, die sie aus dem Mund auf das Papier getragen haben. Denn weil mir von unserem löblichen Collegio die Beschreibung dieser Histori ist übergeben worden, habe ich dort und dar zusammengetragen und also die Geschicht nach ihrer Ordnung so viel einrichten müssen, wie ich gekonnt, und nicht, wie ich wohl billig gesollt habe. Denn bei dergleichen Zusammenkünften redet man viel, das man hernach leichtlich wieder vergisset, und so ich mir alle Abend nicht gewisse Locos communes darüber aufgesetzet hätte, zweifle ich gänzlich, ob ich wäre gewachsen gewesen, diese Arbeit, so gering und schlecht sie auch ist, hinauszuführen, indem es meine erste Schrift ist, die ich all mein Lebtag in den Druck gegeben, und also noch derjenigen Vorteil nit recht habhaft bin, derer sich sonst die Bücherschreiber insgemein zu bedienen wissen. Doch will ich in diesem Werk tun, so viel mir möglich ist, und mir angelegen sein lassen, nit weit von der Hauptmaterie abzuweichen, weil ich solche ohne großen Umschweif bis zum vollen Beschluß dieses Verlaufes auszuführen willens bin.

Wir satzten uns demnach zu Tische, und die Studenten wurden in meiner Küchenstube a parte tractiert, weil sie uns, gleichwie sie zuvor getan hatten, auf Geigen und bei der Tafel eine stille Musik machen mußten. Sooft sie ein Stücklein oder zwei aufgestrichen hatten, pflegte einer um den andern etwas von seinem Schulwesen zu erzählen, in welcher Verrichtung sie meistenteils ihre Præceptores abscheulich durch die Hechel gezogen haben. Aber Herr Friderich hielt ihnen solches Vornehmen nit für gut, weil man, wie er sagte, nach der christlichen Bescheidenheit vielmehr den Fehler seines Nächsten zu- als aufdecken solle. »Man ist schuldig,« sagte er, »allen Menschen, absonderlich aber denen, unter derer Information wir gesessen und gleichsam die Milch der Weisheit von ihnen gesogen haben, alles Gute nachzureden, weil wir, nach der Vermahnung des gelehrten Aristotelis, die Præceptores gleich den Eltern, ja etlichermaßen[477] noch höher als dieselben verehren sollen. Denn die Eltern haben uns nur das Leben gegeben, jene aber lehren und unterrichten uns, wie wir das Leben, welches wir von den Eltern empfangen, glückselig und mit gutem Ruhm zubringen sollen. Dieses«, sagte Herr Friderich, »ist die erste Schuldigkeit. Die andere bestehet in dem, daß man keinem Geistlichen, er lebe auch, wie er will, nichts Schlimmes nachrede noch nachschreibe, denn sie haben ihre Richter. Wer etwas wider eine solche Person zu klagen oder zu tadeln hat, der gehe zu seinem Obern, dieser ist gesetzet, jenen zu corrigieren. Es stehet schändlich, wenn man solchen Leuten übel nachredet, von welchen wir müssen absolvieret werden. Oftermalen scheinet etwas in unsern Augen häßlich, das doch an sich selbst löblich ist. Und ein tadelhafter Mensch findet leichtlich Gelegenheit, seinen Nächsten auch in der allerunschuldigsten Sache abscheulich durch die Hechel zu ziehen. Wie es manchem bekommet, lehret der Ausgang. Vors dritte lasse man das Rathaus und das Regiment unangetastet, denn, wo Obrigkeit ist, die ist von Gott, sündiget sie, so sündiget sie Gott und nicht uns Menschen, der wird sie auch strafen. Dieses sind drei Notwendigkeiten, die ein junger Mensch wohl lernen muß, so er nicht in Ungelegenheit und zu Schaden kommen will.

Und wer lebt unter uns allen oder welcher«, sprach er zu den Studenten, »ist unter euch vieren, der nicht solche Fauten begangen hat, um welcher willen man ihn wieder wacker durch die Hechel und alle Prædicamenta herdurchziehen könnte? Meinet ihr nicht, daß mir etliche Sachen von euch bekannt sind, derer ihr euch selbst schämen müsset? Wie wäre es, wenn ihr einen andern ein Dieb heißet, und ihr hättet den Galgen selbsten verdienet? Wie wäre es, wenn ihr andere Hurer hießet, und ihr wäret selbsten die ärgsten Ehebrecher? Ach, liebe Gesellen, greifet in euren Busen, ihr seid Krebse; wollet ihr nun, daß andere Leute nicht den Ruckweg laufen sollen, so gehet ihnen mit einem guten Exempel vor und laufet voran. I præ, gehe vor, mein lieber Censor, gehe vor!

Ihr richtet andere Leute höhnisch aus, und wenn ihr an dero[478] Stell wäret, so würdet ihr erst Fauten begehen, darüber man nicht allein eine Scarteque, sondern ganze Comödien schreiben könnte. Darum bleibt es wahr und bei den Worten des hocherleuchteten Thomas von Kempis, wenn er schreibet, daß wir Menschen die kleinen Fehler unsers Nächstens allezeit mit scharfem Gesichte anschauen, unsere große Laster aber im Gegenteil mit zugeschlossenen Augen betrachten.«

Diese Rede Herrn Friderichs nahmen die Studenten mit guter Bescheidenheit an, wenn sie bald darauf nicht allein seine Vermahnung höchlich lobten und herausstrichen, sondern noch über dieses und gleichsam zum Überfluß behaupteten, daß es zwar nicht gar recht getan sei, seinen Nächsten ohne Unterschied der Zeit, des Orts und des Standes höhnisch abzuwürzen, aber gleichwohl wäre es höchst nötig und nützlich, die Lumpenfehler, welche ohnedem keiner öffentlichen Strafe unterworfen wären, dann und wann mit einer satirischen Spitzrute abzustäupen, doch, daß es also geschehe, damit man in dieses nützliche Confect nicht zu viel Essig, das ist, nit zu viel von solchen Sachen einmischte, dadurch man denjenigen, den man zu bessern suchet, nur zorniger und böser machet. »Denn es ist dem Menschen gut,« sagten sie weiter, »daß er zuweilen, von seinen eigenen Schandflecken beschämet, zur Demut sich niederlasse und durch dieses Mittel gleichsam seine Federn, die er sonst gleich einem Pfauen auszubreiten gewohnet ist, niederzulassen ermahnet werde. Ein solcher Satyr war die helle Sonne, als sie dem hochflüchtigen Icarus seine Wachsfedern zerschmolzen und ihn, wie billig, grausamerweis in das Meer gestürzet hat, allwo er die Hitze seines Hochmuts mit häufigem Wasser abzukühlen genugsame Gelegenheit gehabt. So werden auch vors andere solche Fauten und Exorbitanzien nicht zur Strafe derjenigen, welche sie begangen, sondern vielmehr zum Abscheu derjenigen erzählet, die sich vielleicht dermaleins in ebendiese Fußstapfen würden verleiten lassen, worinnen solche Grillhansen allgemach herumspazieret sind. Solche Satiren sind nicht allein höchst zulässig, sondern bringen großen Nutzen in das gemeine Wesen, dadurch man vielen Leuten aus den Mäulern kommet.[479] Und was ist herrlicher, als wenn man noch heutzutage von Rom redet, wie klug ihre Mauren beschützet und wie mit einer vorsichtigen Geschicklichkeit ihre Bürger regiert worden? Was ist aber im Gegenspiel abenteuerlicher, als wenn man anfänget zu erzählen von einem abgeschmackten Hirschauer Possen? Solche ungesalzene Köpfe gibt es noch allenthalben, darum ist es nötig, daß man sie in etwas abpinsele und sie durch Erzählung ihrer eigenen Taten zum Erkenntnus ihrer Unvollkommenheit bringe und leite.

Man lieset mit Lust in den Historien, daß etliche Weibsbilder, sich selbst feind zu werden und dieser Welt keine Ärgernus zu verursachen, ihre eigene Gesichter und reizende Gestalten beschändelt und mit allerlei fressenden Wassern ihr Antlitz bemakelt haben. Ein solch beißendes Wasser ist eine satirische Strafschrift, wenn sie aus einer bescheidenen und unpassionierten Feder herfließet, die billig an dem Wert dem Gold weit vorzuziehen ist. Aber man muß nichtsdestominder zum großen Verdruß sehen, daß die gestrafte Laster sich dadurch nicht niederlegen, sondern gleich den stolzen Meereswellen bei einem großen Winde gegen die Wolken steigen, davon sie aber nichts als einen plötzlichen Fall gegen den Abgrund zu gewarten haben, allwo sie sich auch endlich verbergen und von ihrem Toben nachlassen müssen. Surgunt in altum, ut lapsu graviori ruant. Die Laster erheben sich zwar wohl mit den stolzen Wellen, sie sausen, sie brausen, werden wütend und tobend, aber sie können nichtsdestoweniger in der Höhe, dahin sie sich mit Gewalt schwingen, nicht bestehen, sondern müssen gleich den Wellen wieder in den Abgrund eilen und daselbsten untereinander ihre eingebildete Gewalt und Herrlichkeit ablegen.« Dieses redeten die Studenten bei der Tafel, zwischen welchem wir allerlei Gesundheiten herumgehen ließen. Insonderheit aber wünschten wir Herrn Friderichen bei vorstehendem Abschied viel Glück und Heil zu einer gesegneten Ehe, weil an dieser Glückseligkeit, nämlich sich wohl zu verehlichen, ein merkliches Stück dieser zeitlichen Vergnügung zu finden ist.

»Ich will«, sprach er, »kein langer Hosenbrüter noch Hagestolz sein, wie es dergleichen heutzutage allenthalben gibt[480] die sich lieber ein Ohr abschneiden als zu einer Heirat wollen raten lassen. Sie suchen bald da, bald dort, und wenn man sie fragt, warum sie nit heiraten, schützen sie die schlimme Zeit vor. Aber sie müssen lange leben, ehe sie die rechte Zeit erwarten, weil die Welt nicht besser, sondern immer schlimmer wird. Also nehmen auch die Zeiten ab, und ich halte es vor eine große Glückseligkeit, wer in der schlimmen Zeit einen solchen Freund haben kann, dem er seine Not und Anliegen samt andern Zuständen herzlich vertrauen darf. Denn in der guten braucht ers nicht.«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 476-481.
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