XV. Capitul.
Im Weinberg geht ein artig Stücklein mit der schönen Liesel vor.

[743] Zu diesem Übel kam noch das Allerübelste, nämlich die Eifersucht, zu welcher ich allerdings große Ursach hatte. Denn derjenige Edelmann, so mit mir um sie gefreiet hatte, sprach mir, wider gepflogener Gewohnheit, fast wochentlich zu, und ich merkte gar wohl, mit was vor einem Angel[743] er auf die Fischerei ging. Bald wollte er mir Pferde, bald Halsuhren, bald ein Paar Pistolen, bald etwas anders abkaufen. Ich konnte ihm, um Höflichkeit willen, den Zuspruch keinesweges abschlagen; aber da ich von weitem hörte, wie er willens wäre, sich in der Nachbarschaft anzukaufen, da grabelte es mir mächtig in der Leber. Ich bin mein Lebtag nie so voll Grillen als dazumal gestecket, und wenn ich der Liesel vorwurf, daß sie sich gegen ihm gar zu frei heraus ließe, so hielt sie mir ingleichen vor, wie ichs mit ihr gemacht hätte, da meine Frau noch im Leben war. Ich sagte, daß meine Frau alt gewesen und ich von derselben wenig Freud gehabt hätte. Aber sie schützte ein, daß sie bei mir auch wenig Kurzweil genieße, sondern sich stets wider Gewohnheit müßte übers Maul fahren lassen, daraus der geneigte Leser meinen Zustand leichtlich ermessen kann, in welchem ich dazumal bis über die Ohren gestecket.

Aber es war mir sehr gut, daß ich wacker geholhipt wurde, zumalen ich sonst allem Ansehen nach ziemlich ruchlos würde gelebt haben. Deswegen lag ich, wenn ich sonsten spazieren ging, dazumal auf meinen Knien und sah im Ausgang, daß keine Ehe wohl gedeihet, die ohne Andacht und Gebet aus bloßer und blinder Affection angefangen und vollendet wird. Ich klagte es zwar öfters ihren Eltern, aber der Vater konnte nicht helfen, die Mutter wollte es nicht glauben, und mein Weib wurd nur desto ärger. Die Geistlichen wiesen mich zur Geduld. Im Land schrie man mich vor einen Hahnrei aus, und meine Feinde kitzelten sich wacker über mein Unglück. Ha, da wärs kein Wunder gewest, wenn mir gleich Hörner zum Kopf ausgewachsen wären; deswegen nahm ich den Prügel und versuchte, ob sichs nach demselben bessern wollte. Aber es wurde böser und nicht besser, denn einen Teufel schlug ich heraus und zehen hinein. Also war ich auf mich selbsten zornig, und wenn ich an meine vorige Tage gedachte, reute michs nicht wenig, daß ich so unbescheiden eingeplumpft hatte. Ich satzte mir zwar oft vor, heimlich davonzureiten; aber wenn ich das End meines Vorhabens erwog, so war mir mit demselben wenig geholfen. Das Verklagen beim Consistorio war zwar[744] das beste Mittel, aber doch eine solche Sache, die sich nicht wohl tun ließ, weil ich keinen genugsamen Grund hatte, sie von mir zu stoßen. Zudem, so war ich dem Rabenvieh trefflich gut, und daurete mich von Herzen, daß es ihr wegen meiner übel gehen sollte. Sie war über dieses zuweilen so verwegen, daß ich forchte, sie dörfte bei übel ausschlagendem Urteil entweder mir oder ihr ein unverhofftes Leid antun, wie sie denn gewohnet war, mir mit nichts als totschießen, totstechen und ins Wasser stürzen zu drohen, wofern ich sie so in der Leute Mäuler bringen würde, da sie doch dessen die einzige und ursprüngliche Ursach selber war.

Deswegen entschloß ich mich ein anders, und gleichwie sie es arg trieb, so trieb ichs noch desto ärger. Ich rufte nicht allein den Studenten wieder auf das Schloß, welcher sich indessen bei einem Holzförster informationsweise aufgehalten, sondern nahm noch etliche Diener an, die auf der Geige spielen konnten. Dieselben ließ ich mir tapfer aufkratzen, und weil der alte Soldat ein abgefeimter Gesell war, lauschte er fleißig auf diejenige, welche sich gelüsten ließen, meiner Frauen aufzuwarten, und also schnitt er ihnen nicht allein die gewünschte Gelegenheit ab, sondern riß noch dazu die allerlächerlichsten Possen. Durch diesen Alten wurde meine Liesel, so klug sie sich auch gedünken ließ, dennoch stattlich betrogen. Sie brauchte ihn heimlich zu ihrem Briefträger, und weil mein Mitbuhler sich allgemach in der Nähe angekaufet und niedergelassen hatte, traumte mir nichts Gutes. Das allerbeste war, daß mir der Alte alle Heimlichkeiten offenbarte und mein allerbester Parteigänger war. Ich hatte einen Weinberg und in demselben einen alten Turm, allwo ehedessen ein Schloß soll gestanden sein. In diesem Turm hatte es viel Gewölbe, allwo ich auch Sommerszeiten meinen besten Wein und anders Getränk innen liegen hatte. Einsmals ließ ich einen falschen Gevatterbrief an mich stellen, rüstete mich auch bald darauf mit vielen Leuten aus und gab vor, dahin zu ziehen und aufs längste in acht Tagen wieder zurücke zu kehren. Der Alte mußte samt noch einem Diener zu Hause bleiben, weil er vorgab, daß er zu reisen[745] nunmehr zu matt und grau wäre. Also schied ich aus dem Schlosse und ritt in ebendiesen Turm im Weinberg, allwo wir Raum genug hatten, all unsere Pferde einzustellen.

Noch selbigen Nachmittag sah ich zu einem kleinen Fensterlein auf die Straße und sah jemand in einem blauen Rock den Lichtzaun bei der Gartenmauer herauf hocken, welches sonst meine gewöhnliche Liverey war. Nicht lang darnach kam er näher, und ich kannte ihn stracks an dem Hute, daß es der alte Stradiot war, der um meinen Anschlag die allerbeste Nachricht hatte. Er hatte einen Ranzen auf dem Buckel, und als ich ihm mitten im Weingarten entgegenkam, sagte er mir mit mehrerm, wie er von der Frauen nach dem Jungen von Adel geschickt worden, denselben heute noch zu ihr zu bringen. Unten an dem Berg stünde sein Pferd, wollte also gerne wissen, wie er sich in dieser Sache verhalten und ob er eigentlich denselben abholen sollte. Hiermit wies er mir einen Brief, welcher meiner Frauen eigene Hand war, und ich hätte über dieser Treulosigkeit alle Henker fluchen mögen, wenn ich mich vor meinen eigenen Leuten nicht so sehr geschämt hätte. Ich eröffnete hierauf den Brief, welcher also eingerichtet war:


›Tapferer Cavalier,


sofern Demselben beliebet, zu Passierung der heißen Stunden mit Dero Dienerin ein Schachspiel zu versuchen, wird Er in Abwesenheit ihres Mannes freundlich eingeladen. Das übrige mündlich. Er lebe wohl und vergönne mir den Titul seiner Dienerin

Elisabeth von Buchberg.‹


»Was hierinnen begriffen ist,« sagte ich zu dem Krachwedel, »das könnt Ihr wohl mündlich ausrichten, macht die Sache noch so notwendig, und sobald Ihr ihn hiehergebracht, so führet ihn mit Manier in diesen Turm, allwo er die Früchte seiner Leichtfertigkeit sowohl als meine Frau empfinden soll.« Mit solchem nahm er Abschied, satzte sich wieder zu Pferd und ritt hinter dem Berg auf dasjenige Gut, welches der Junge vom Adel etliche Wochen zuvor an sich gehandelt hatte. Indessen versah ich mich und meine Leute mit[746] guten großen Weinstecken, dem Buhler den Buckel brav abzuzausen, und weil ich ihnen die Hoffnung zu einem guten Trankgeld machte, war jeder am beflissensten, sein Bestes zu tun. Der Wein, welcher da wider Gewohnheit unter sie ausgeteilet wurde, erhitzte ihre Stirn, daß ich mir wohl getrauet, mit ihnen nicht allein diesen elenden Gesellen, sondern wohl gar eine Compagnie Fußgänger aus dem Feld zu schlagen. Darum gab ich genaue Obsicht, damit mir dieser Vogel nicht entwischte, und mußte mir einer um den andern fleißig auf der Schildwache stehen, damit wir nicht ausgekundschaftet noch verraten würden.

Endlich ritten sie beide in der Au miteinander daher, und weil ihm der Soldat weisgemacht, als enthielte sich meine Liesel im Gartenturm, wendeten sie sich gegen uns, und ich versteckte mich samt meinen Leuten hin und wider in den Turm. Sie kamen endlich mit den Pferden gar vor die Tür, und weil sich der Buhler nichts Böses besorgete, trat er herein; aber der Soldat schloß stracks hinter ihm die Tür zu und eilete mit den Pferden dem Schlosse zu, daselbst auch die Frau abzuholen und allher zu bringen. Wir indessen wischten über diesen sicher gemachten Kerl hervor und zerklopften ihm sein verliebtes Wams, daß es stäubte, und weil wir alle vermaskiert waren, kannte er keinen; und ich kann nicht sagen, wie sehnlich er um sein Leben gebeten, als ich ihm die Pistol an die Brust gesetzet. Wir schlugen ihm einen Arm und die Spindel am Fuße ab, und wie er endlich ganz ohnmächtig war, stieß ich ihn in ein enges Loch, mit Strohe angefüllt, allwo er seine Schmerzen verpausieren konnte.

Kaum als solches geschehen, kam auch die Frau, welche von dem Soldaten beredet worden, als wartete der Buhler allhier mit großem Verlangen vor dem Garten. Sie schlich ganz heimlich durch die Gänge, und als sie hereinkam, wurde sie gleich ihrem Buhler mit unzähligen Streichen empfangen und ihr fast alle Haar aus dem Kopf geraufet. Also mußte sie ohngefähr lernen, auf was vor gefährlichen Wegen man gehe, wenn man nach verbotenem Wildbret grase.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 743-747.
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