XXII. Capitul.
Er hat im Wald allerlei Anfechtungen.

[779] All diese Wort und hier geschriebene Zeilen redete ich voll Seufzen und Reue in ebendem Zimmer, darinnen ich zuvor so vielerlei Freude genossen, und hatte auch zu solchem Wehklagen allerdings große Ursache. Denn wenn ich mir vor Augen stellete die große Seelengefahr, in welcher ich dazumal gesetzet war, war es höchst nötig, mich mit einer wahren Andacht dem plötzlichen Verderben zu entreißen. Ich habe zwar ehedessen gemeinet, an der schönen Liesel einen großen Fisch zu fangen; aber ihre vermeinte Holdseligkeit hat anstatt des Honigs bitters Salz gegeben, und ich habe erst mit später Reue erfahren müssen, wie sehr mich ihre Gestalt verführet hat. So eine kurze Zeit wir beisammen gewohnet, so viel hat sie eine durch ihre Fahrlässigkeit verdorben, also daß ich erst den Schaden alsdann fühlete, wie nicht mehr zu helfen war; und aus dieser Ursache ward ich mächtig gewitziget, mich nicht leichtlich mehr anzubrennen, sondern stellte mich vielmehr dem Esel gleich,[779] welcher nach gebrochenem Beine nicht mehr aufs Eis gehet. Darum, so tat ich nun mit Gewalt zu der Sache, damit alles zum erwünschten Anfang gelangen möchte. Die Geigen, Fletten und andere musicalische Instrumenten ließ ich teils auf dem Schlosse, teils brachte ich sie auch in die Einsiedlerei, mich durch dieselbe bei trauriger Zeit in etwas zu erfrischen. Meine Bücher stellte ich in der Klausen rings um mich, also daß ich mit denselben gleichsam verbauen war. Also ging ich nach Beurlaubung aller meiner Bedienten mit dem Page in den Wald, weil er sich gleich mir vorgenommen hat, ein einsiedlerisches Leben zu führen und der Welt gänzlich abzusagen. Aber sein Vorsatz dauerte nicht gar zu lange, denn als er das vorige Maulfutter nicht mehr hatte und noch dazu anstatt des guten Bettes auf bloßer Erde vorliebnehmen mußte, schwitzte er die vorgehabte Andacht bald wieder aus, also daß ich ihn etliche Wochen darnach wieder zurücklassen und dem Schreiber auf dem Schlosse vor einen Mithelfer in der Canzeley übergeben mußte, allwo er das Seinige verrichtet. Er brachte mir nichtsdestoweniger vielmal das Essen in den Wald, und dort tat er mir gemeiniglich Relation, was passierte, welches ich auch zum Teil aus des Schreibers Briefen verstanden habe.

Dazumal habe ich mich Herrn Philippens erinnert und wie wunderlich es ihm in seiner ehmaligen Einsiedlerei mit seinem Bau gegangen; auch gedachte ich, daß ein solches Leben, wie ich führte, die allerbeste Art vor diejenigen Menschen wäre, die da in öffentlichen Schimpf und Schand geraten. Denn ich war allenthalben herum mit überwachsenen Bergen umfangen, allwo ich in einem Loche stackte, das der tausendste Mensch ohn sonderliche Mühe nicht leichtlich würde gefunden haben. So hatte ich über dieses etliche Löcher in die felsichte Erde, darinnen ich mich gleich einem Fuchs verstecken und verbergen können, [gegraben]. Frühmorgens ging ich gemeiniglich eine halbe Stund von meiner Klausen in eine alte Kapellen, daselbst meine Andacht abzulegen. Von dar ging ich wieder zurücke und speculierte sowohl in dem Hin- als Hergang von lauter heiligen Sachen, absonderlich aber von der Eitelkeit der Erden, welche Gedanken[780] ich hernach aufs Papier brachte und zum Teil auch diese Histori von Capitul zu Capitul aufzeichnete, weil ich zu solchem die höchste Ruhe und Gelegenheit hatte. Wenn ich vom Schreiben ermüdet war, nahm ich die Schaufel und Hauen, damit wurf ich einen Graben auf, welcher rings um meine Klause herumging. Unterweilen badete ich mich gleichwie vorhin in dem angenehmen Bächlein. Also vertrieb ich die Zeit mit allerlei Abwechslung, die ich sowohl in der Musik, Fischerei, Malerei und Lesung der Schriften gesuchet habe. Und weil ich von beiden Schlössern aus mit genugsamen Victualien versehen worden, unterließ ich sodann, weitschweifig auf die Dörfer herumzuterminieren, wie denn mein weitester Weg sich nirgend als zu der vorbesagten Kapell erstreckte, dahin ich mich täglich Andachts wegen verfügte.

So sehr ich mir aber zuvor vorgenommen habe, dem zeitlichen Tand gänzlich Urlaub zu geben, so dachte ich doch immer zurücke an die alten Zeiten und wie lustig ich oftmals in der Welt gewesen. Bald reuete es mich, daß ich ein Einsiedler geworden, indem ich doch ein Cavalier von so stattlichen Mitteln wäre und meine Güter solchen Leuten überließe, die es nicht wert wären. »Wäre es nicht besser,« sagte ich zu mir selber, »daß du dich aufs neue verehlichtest, eine hübsche Dam zum Weib nähmest und mit ihr einen Erben zeugtest, der nach deinem Tode dein rechtmäßiger Erbe wäre? Allein,« sprach ich wieder, »es ist nur ein bloßer Einwurf. Ob deine Güter dein Kind oder ein Fremder erbet, es bleibt doch einer sowenig als der ander ewig auf der Welt; und vielleicht dörft es deinem Kind ärger auf denselben gehen, als es dir gegangen ist. Ein Mensch, der sich überwinden will, muß sich in einem rechtschaffenen Stücke überwinden; und nun hast du die allerbeste Gelegenheit, der Nachwelt zu zeigen, daß du in der Liebe, so dich zum Himmel geleitet, nicht geheuchelt hast. Wird dieses vor ein großes Stück zur Vollkommenheit geschätzet, wenn ein armer Student, der in der Welt nichts mehr zu nagen noch zu beißen hat, endlich in ein Kloster gehet und ewige Armut zu ertragen schwöret, da er doch ohnedem nicht reich ist,[781] wieviel mehr wird es dir zuträglicher sein, wenn du deine rechtmäßige Güter verlässest, die Einkünfte derselben den Armen mildiglich austeilest? O Wolffgang,« sagte ich weiter, »du hast in diesem Fall einen ungemeinen Streit, aber auch in der Obsiegung eine ungemeine Krone zu hoffen, mit welcher nur solche Häupter gekrönet werden, die es würdig sind.

Was hilft es dich, ob du gleich noch vierzig oder funfzig Jahr all dieses deines Reichtums in vollen Freuden genießest? Ob du gleich in der Liebe des vollkommensten Frauenzimmers eine solche Zeit hinbringest? Es kommt doch endlich nach schönem Mittag der Abend; und die Sonne, welche man in ihrem Aufgang heftig angebetet, gehet oft mit schlechter Ehre derjenigen unter, von welchen sie kurz zuvor so eifrig verehret worden. Der Tanz währet nicht so lang, es kommt doch endlich der Kehraus; und alsdann würde es dich reuen, daß du diese Zeit dir und deiner Seele zum Besten nicht anders angewendet hättest, die dir anitzo so gute Gelegenheit gibt, deinem Heil nachzustreben. Es ist zwar auch keine Sünde, sich seiner Güter bescheidentlich zu gebrauchen; aber wer ist der und wo ist er anzutreffen, der bei so guter Gelegenheit nicht sündiget? Darum hasse ich nicht die Güter, sondern vielmehr die Gelegenheit, welche sie zum Fehler oftmals demjenigen an die Hand geben, der nicht dar nach gereiset. Eine schöne Weibsperson ist zwar heftig zu lieben, aber ihre Küsse kommen mit den Winden, und mit diesen gehen sie auch wieder in die Luft. Ihre Liebe hänget in dem Monden, und dannenhero verwechselt sie sich so oft, als jener sein Licht verändert. Du bist gewitziget genug und weißt wohl, wie sehr dich die schöne Liesel gefangen hatte; aber sie wurde dir aus einer Liebhaberin zur Henkerin, aus einer Schönen zur Grausamen, aus einer Gewogenen zur Feindin, aus einer Mutter zur Stiefmutter, aus einer Getreuen zur Verräterin, mit einem Wort: aus dem Leben zum Tod. Wer schätzte sich in der erste vergnügter als du? Aber wer war hernach auch elender als du? Wer war in der erste glückseliger als du? Und wer war hernach betrogener als du? Siehest du, was dir hie begegnet ist, das[782] könnte dir leichtlich wieder begegnen. Wer wär alsdann geplagter als du? Drum bleibe lieber bei deinem vorgenommenen Zweck und lasse einen andern das Unglück erfahren, in welchem du allgemach bis über die Ohren gestecket hast.«

Dieses waren meine Ein- und Gegenwürfe, welche ich gemeiniglich dazumal in Gedanken hatte, wenn ich auf der Viol di gamba spielete. Unterweilen kamen mir auch andere Grillen, nachdem das Wetter oder die Zeiten waren. Das beste war, daß ich zu solchem Leben kein Votum oder anders Gelübde getan, sonst würde ich ohne allen Zweifel große Anfechtungen ausgestanden haben. Widrigenfalls hatte ich allezeit noch Gelegenheit und Recht genug, wieder aus der Eremiterey zu gehen, ein Weib zu nehmen und also aller dieser Güter wieder zu genießen, die ich dermalen verlassen hatte. Aber weil ich nunmehr schon unter diejenigen zu zählen war, die ihre beste Jahr allgemach zurückgeleget haben, ließ ich mich endlich von diesen Grillen nicht viel mehr anfechten und überwand mich endlich dergestalten, daß ich mir selbsten ganz feind wurde. Sooft ich ein Blatt von den Bäumen fallen sah, erinnerte ich mich des Todes. Sooft ich das Feuer erblickte, stellete ich mir die Hölle vor Augen. Bei Aufgang der Sonnen betrachtete ich die Auferstehung der Toten, bei dem großen Waldsturm und heftigen Winden den Untergang der Welt. Durch das Brummen des wilden Viehes bildete ich mir ein die Widerwärtigkeit der Menschen, da einer dem andern bald an seiner Ehre, bald an seinem Namen angreift, ausschandiert und verlästert. Der häufige Regen ermahnete mich an die höchstnötige Bußtränen; die aufsteigende Berg- und Holznebel bildeten mir ab den schröcklichen Sündengestank, der von uns Menschen gegen dem Himmel steiget.

Und in solchen Betrachtungen verbrachte ich eine geraume Zeit im Wald, bis ich des einsamen Lebens ganz gewohnet war. So sehr ich nun bei Mitteln gewesen, lebte ich doch keinesweges also, wie ich wohl hätte tun können. Denn was wäre dieses vor eine Einsiedlerei gewesen, so ich mich ebenso kostbar wie zuvor hätte tractieren wollen. Solchergestalten hätte ich nicht mein Leben, sondern nur den Ort meiner[783] Wohnung verändert und hätte billig ein Faulenzer als Einsiedler können genennet werden, der nur deswegen in dem finstern Wald säße, daß er schlafen und seine billige Geschäfte von sich ablehnen möchte. Aber nein, ich tat deren keines, sondern schlichtete, obwohlen abwesend, meine Hausgeschäfte, soviel möglich, und speisete mich außer Brot und Wassers nur unterweilen mit hartem Käse; und wenn ich ein Fischlein aus dem Bache gezogen, so war solches meine allerköstlichste Mahlzeit. Also mortificierte ich meinen Leib täglich und wurde endlich so zaundürre, hager und mager, daß mich auch die nicht mehr gekannt haben, die am öftern bei mir gewesen sind. Endlich entschlug ich mich auch derer, die mir das Brot vom Schlosse brachten, und weil mir der Weg zu der Kapelle etwas zu weit war, bauete ich endlich meine Klausen dahin; und von daraus hatte ich auch bessere Gelegenheit, mich auf der Höhe herumzusehen, allwo ich unter den schattenreichen Bäumen manche Stund mit Lesung eines Buches passieret und hingebracht habe.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 779-784.
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