III. Capitul.
Sie stoßen auf Christophen, der erzählet, wie es ihm in dem Raubnest mit seinen Knechten und dem Page gegangen.

[794] Nach einer halben Stunde trafen wir an einen andern Bauren, welcher mit seinem Stecken ganz langsam vor uns hinging, und als wir zu ihm kamen, fragten wir zugleich um den rechten Weg, bald aus dem Wald zu gelangen. Aber ehe ich michs versah, schmiß er den Dietrich mit seinem Prügel über den Rumpf. Er wollte nach dem Pistol greifen, welches er doch kurz zuvor gegen die Räuber losgeschossen, aber der Bauer fiel ihm bald in die Arme, und sprach er zu ihm: »Was bist du vor ein ehrbarer Gesell, daß du auf der Straße so schnell davonreitest und deine Leute in so großem Unglücke lässest? Meinst du nicht, daß du dadurch die höchste[794] Schand davongetragen?« Aus diesen Reden merkten wir, daß es Bruder Christoph war, welcher diesen Morgen mit dem Bauren die Kleider verwechselt. Und weil wir voll Verlangen waren, seine Geschicht anzuhören, ingleichem auch zu wissen, wie es den Knechten ginge, fing er an und erzählete uns in solchem Fortgang folgende Geschicht:

»Nachdem du«, sprach er zu Dietrichen, »in dem Wald von uns gekommen, wußte ich samt den Knechten nicht, wo aus. In dieser Irre vertrieb ich etliche Tage, bis ich gestern in ein altes Schloß kam, allwo mich der Torwärter berichtet, daß ein Junger vom Adel innen wohnte, der etliche Vettern bei sich hätte und ein gastfreier Mensch sei. Es ward bald Abend, und also hörte ich diese Post nicht ungern, ließ mich derohalben bei dem Vermeinten vom Adel anmelden und als ein Fremder um Nachtherberge bitten. Ich wurde da mit tausend freundlichen Worten angenommen, merkte aber, daß keiner unter den Anwesenden recht teutsch konnte. Die Knechte wie auch unsere Pferde wurden wohl accommodiert, also daß ich mich über die hohe und ungemeine Freigebigkeit des Besitzers höchst verwunderte. An der Tafel, da ich selbige Nacht gespeiset wurde, saß [ein] schönes Frauenzimmer, in welches, wo mir die Eifersucht der Italiener nicht zur Genüge bekannt gewesen, ich mich ohne allen Zweifel verschamoriert hätte. Nach geendigter Mahlzeit, bei welcher sie mich um nichts gefraget, als wie lang ich in Italien gewesen und ob noch ihrer mehr nach mir kommen würden, raumten sie mir ganz allein ein Zimmer ein, in welchem ich schlafen sollte. Es war noch ein wenig Licht und kurz vor der Dämmerung, dahero entschloß ich mich, die Zimmer des Schlosses in etwas zu besichtigen, weil ich ein trefflicher Liebhaber der alten Gebäude und solcher Raritäten bin, die gemeiniglich darinnen angetroffen werden.

In solchem Verlangen kam ich in einen finsteren Gang, und als ich dorten ein altes Gewölbe eröffnet, auch ein wenig hineingeblicket hatte, wurde ich dreier Menschenhäute gewahr, die samt den Haupthaaren an der Wand hingen. Über diesen Anblick schauerte mir der Buckel, und merkte gleich,[795] wieviel es geschlagen, auch daß ich allhier ohne allen Zweifel in einem Raubnest verschlossen sei. Ging nichtsdestominder in diesem Gange fort und kam zu der andern Tür, darein ich zwar nicht gehen, aber doch durch ein rund ausgeschnitten Loch hineinsehen konnte. Aber das Spectacul war in demselben viel trauriger als in dem vorigen, weil ich etliche Menschen, teils an Stricken, teils an Haken, ertötet hangen sah. Über dieses wurde ich ganz bestürzet, eilete wieder zurück, mich mit meinem Degen und Gewehr vorzusehen. Aber ich wurde da erst gewahr, daß mir solches unter währender Abendtafel heimlich wäre aus dem Zimmer getragen worden. Ich rufte meine Knechte durch mein gewöhnliches Pfeiflein, aber da war kein Mensch weder zu sehen noch zu hören. Damit war ich in unvergleichlicher Furcht, absonderlich da ich sah, daß aus dem Zimmer, worein ich logiert worden, weder durch das Fenster noch sonsten eine einzige Ausflucht war, derer ich mich mit Vorteil hätte bedienen können.

Indem kommt eine Weibsperson aus dem Zimmer, welche ich wegen der Dunkelheit nicht wohl kennen können, ob sie jung oder alt war. Aber das hörte ich an ihrer Sprache, daß sie entweder eine Teutsche oder aber in Teutschland erzogen war, die sprach mit wenigen und leisen Worten: ›Machet Euch fort, o schöner Jüngling, oder es kostet Euer junges Leben!‹ Mit diesen Worten schloß sie die Tür wieder zu, und nach solchem hörte ich gleichsam als durch eine Wand, wußte aber nicht, wars neben, unter oder ober mir, etliche miteinander welsch reden, aus welchem so viel zu vernehmen war, als hätten sie nunmehr die Knechte schon caput gemacht, nun wären sie willens, auch ihrem Herrn, als mir, den Rest zu geben. Zu Ende dessen wären alle Türen verschlossen, und man sollte mich mit gesamter Hand in der Finstern überfallen und ohne alle Barmherzigkeit totmachen. ›Senza misericordia‹, sagte einer, und darauf waffneten sie sich, soviel ich durch die stille Nacht hören konnte.

Ich aber verschloß meine Tür, soviel möglich war, zerschnitt meinen Scharlachmantel in gewisse Teile, die ich aneinanderknüpfte, und mich, so geschwind es sein konnte,[796] in aller Stille über das Fenster abließ. Es glückte mir dieser Sprung so wohl, daß ich endlich, obschon der Ort ziemlich mit Dornen verwachsen war, dennoch ohne sonderliche Gefahr durch das Gesträuße über eine kurze Mauer den Berg hinunter und also in den nächsten Wald kam. Aber allem Ansehen nach müssen indessen die ehrlichen Vögel schon in meinem Zimmer gewesen sein, weil ich bald darauf ein Licht in demselben gesehen, mit welchem sie auch zum Fenster ausgeleuchtet und sich ohne allen Zweifel über das Mittel meiner Ausflucht verwundert haben. Solches brachte mich in ein neuen Schrecken, und weil ich mir wohl einbilden konnte, sie würden mir nachsetzen, eilete ich in der Nacht meist dem Gestirn nach und kam heute früh zu einem Bauren, mit welchem ich meine Kleider verwechselt habe.

Aber sage mir,« sprach er weiter zu Dietrichen, »wie bist du wieder dazu kommen und wer ist dieser, der mit dir reitet?« Hiermit erzählete er ihm dasjenige, was ihm in seiner Irre in dem Walde begegnet und was es mit der Venetianerin vor einen wunderlichen Ausgang genommen, auch, daß ich der ehrliche Wolffgang wäre, welcher nunmehr entschlossen, die Welt mit ihren vielfältigen Stricken zu entfliehen und sich der Eitelkeit in einem heiligen Einsiedlerstand zu entreißen.

Da kann ich nicht genugsam beschreiben, wie freudig wir aneinander empfangen, ja, wie mit einem großen Vergnügen wir miteinander die Reise vollbracht haben. Nichts war uns leiders als der Verlust der dreien Diener und des Page, welche ohne allen Zweifel nunmehr schon im Salze liegen würden. Denn Christoph erzählte, daß er der gänzlichen Meinung wäre, die Mörder hätten ihm anstatt des Wildbrets Menschenfleisch in schwarzer Tunke vorgesetzet, davon sie selbsten einen ziemlichen Teil gefressen haben. Indem wir so miteinander Wort wechselten, kam der Page unversehens nächst an einer Stadt zu uns und konnte lang, entweder vor Verwunderung oder Freude, seinen Herrn gefunden zu haben, kein Wort reden. Er erzählete endlich, daß die drei Knechte ohne allen Zweifel würden ermordet sein, er aber wäre mit sonderlichem Vorteil entkommen. »Sobald wir«,[797] sprach er, »ins Schloß geritten, schauerte mir die Haut bei einem Kerker, darinnen ich etliche Gefangene sitzen sah. Ich ging hinzu, und als ich verstanden, daß dieses eines unter den berühmtesten Raubnestern sei, wollt ich Euch solches andeuten, wenn mich nicht hieran alle die verhindert hätten, die da nicht gerne gesehen haben, daß einer mit dem andern redete. Es kam mir auch ziemlich verdächtig vor, daß fast ein jeder unter uns absonderlich ist einlogieret und also keiner bei dem andern gelassen worden. Noch mehr wurde ich in meiner Meinung gestärket, als ich den Kerl, so unser Gewehr verwahren sollte, gesehen hab, wie er mit dem Ladestab visitierte, ob die Pistolen geladen wären. Gab demnach, den andern ganz unwissend, gegen die Fremden vor, wie mich mein Herr nach einem Mantel zurückschickte, welchen wir auf der Straße samt einem Matratzen, darinnen unser Wechsel sei, unachtsam verloren hätten. Also ritt ich spornstreiches davon und habe Euch samt den Knechten schon lange beweinet.« Über diesen artigen Fund des Page mußten wir uns höchst verwundern, obwohlen wir auch wünschten, daß es den andern armen Teufeln auch so glücklich möchte ausgeschlagen haben, welche ohne allen Zweifel das Bad austrinken müssen. Dahero machten sich Dietrich und Christoph kein geringes Gewissen über ihrer unvorsichtigen Reise, und daß sie zu allem diesem Unglück und Totschlag die einzige Ursache waren.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 794-798.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die kurzweiligen Sommer-Täge
Die kurzweiligen Sommer-Täge

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon