XI. Capitul.
Isidori [63] Loci communes. Gefährlicher Fall eines Botens; artiger Selbstbetrug.

Wer sich, sooft er will, sauft voll,

Der fällt, wenn er nicht fallen soll.


Es verdroß mich recht von Herzen, da mir Monsieur Isidoro das Buch aus den Händen riß und mich einen Schulfuchs hieß, denn ich hatte kaum den Anfang von dieser artigen Invention gelesen, welche mich recht contentierte, denn ich sah, daß der Autor die Poeten jämmerlich durchhechelte und ganz und gar nichts auf die Reguln hielt, nach welchen sie die Jugend mit Gewalt zwingen wollten. Ich lachte von Herzen, und so sehr ich auch um das Buch gebeten, gab er mirs doch nicht allein nicht wieder, sondern sperrte es noch darzu in einen Schrank, dadurch mir alle Gelegenheit abgeschnitten wurde, meine fernere Lust zu genießen. Weil er nun sah, daß ich auf das Bücherlesen so sehr verpicht war, wurf er mir zu einen kleinen Tractat, darinnen allerlei Loci communes angezeichnet stunden, die er vor diesem auf der Schul eingeschrieben hatte, als:

Parvus Monachus: Ein Barfüßer-Mönch.

Dominus mentitur: Der Herr irret sich.

Natura paucis contenta: Käs und Brot.

[63] Malum per accidens: Eine Ohrfeige.

Homo multorum negotiorum: Ein Haushahn.

Verba neutra: Diejenigen Leute, quæ servitium ad significant, welche gern einen Dienst hätten, dativum adsciscunt, müssen, die Spendierhosen anlegen.

Inservio Musis: Ich bin ein Schwammendrücker.

Quo magis premitur, eo magis resurgit: Ein Furz in einem Wasserbade.

Vita implicita erroribus: Er wollte zur Frau und kam zu der Magd.

Solus & artifices, qui facit, usus erit: Ein Pudelhund.

Augere aliquem honorem: Einen die Treppe hinunterstoßen.

Adoptare aliquem in filium: Mit einem auf die Brüderschaft saufen.

Exautorare aliquem: Einem die Hosen ausziehen.

Rei militaris peritum esse: Wacker fluchen und stehlen können.

Ipse sibi perniciei fuit: Er hat die Hosen verunreinigt.

Se in mare dejicere: Wenn einer in die Kotlachen fället.

Natantem excipere: Eine Lüge von dem Hintern wegfangen.

Præstat honesta mors turpi vitæ: Eine tote Laus.

Cives agro atque urbibus augere: Neue Steuren ausrufen.

Pecuniam numeratam ab aliquo accipere: Ein Stipendiat, der auf der Messe einen Wechsel empfängt.

Necessitas non habet legem: Ein Wechselbrief.

Cum primis ætatis suæ comparatum: Unter dem Bettelvogt und Stadtknecht ist kein großer Unterscheid.

In bello versari: Flöhe töten.

Copiæ ordinatæ consistunt: Die Bettelleute stehen bei dem Leichbegängnis an der Reihe hinweg.

Magna severitate exercitui præest: Ein Bettelrichter.

Omnia in meliorem partem: Eine geflickte Hosen.

Copias alicui fugare: Einem die Schweine aus dem Garten jagen.

Cavete vobis: Ein Gassenarzt.

Accedere ad ignem: Ein angesteckte Schöpskeul.

Omnem pudorem exuit: Er hat das Hemd ausgezogen.

Turpe est doctori, cum culpa redarguit ipsum: Ein garstiger Spiegel.

[64] Qui proficit in literis: Ein Ordinari-Bot.

Et de ficit in moribus: Ein Bauer.

Male me habeo: Ich habe kein Geld.

Aliquid ad rem conferre: Einen zum Hahnrei machen helfen.

In hac domo quotidie lites nascuntur: Ein Weiberspital.

Artes ad summa cacumina ascendere: Der Stadttürmer.

Homo perversæ mentis: Eine umgewandte Hosen.

Juva me consilio, si potes: Sage mir, wo komme ich zum heimlichen Gemach?

Hæc res est a tuo foro aliena: Du weißt einen Dreck von der Sach.

Nulla salus bello: Im Krieg gibts nichts zu saufen.

Cepi ursam & sex catulos eius: Ich habe die Wirtin zum ›Schwarzen Bär‹ mit sechs Kindern bekommen.

Redde quod debes: Der Weiber Hauptlatein.

Res mirabilis: Eine Bartbürste.

Res inaudita: Ein reicher Student.

Ne sutor ultra crepidam: Eine Grenzsäule.

Magnas turbas dare: Schröcklich viel Läuse haben.

Aliquem foras extrudere: Ein ungeladener Gast.

Oculos alicui effodere: Einem die Brillen zerbrechen.

Magnitudine rerum gestarum aliquem nobilitare: Einem Hörner aufsetzen.

Prælii signum dare: Einem eine Ohrfeige geben.

De aliquo detrahere: Den Speck vom Kraut wegnehmen.

Addere equo calcaria: Zwölf Taler auf die Supplication legen.

Multa huius viri sunt: Dieser Mensch hat viel Schwäger.

Exitu notabili concludere vitam: Sein ganzes Leben mit Notenschreiben zubringen.

Rem bene scit expiscare: Er kann die Heringe schinden.

Omnes superare cursu: Ein Renntier.

Præteribo hac vice: Ein unzeitiger Dieb, der vor den Galgen geht.

Nullam tibi fidem habeo: Ein Kettenhund.

Quærere fugam: Seine Gesundheit in acht nehmen.

Admirari aliquem: Ein krummer Tanzmeister.

Magnum onus alicui imponere: Einem den Galgen an den Hals hängen.

[65] Ornare aliquem honore: Einem das Licht putzen heißen.

Merces venum exponere: Eine Hure.

Rem impatienter tulit: Er hat den Staupbesen bekommen.

In amplexum amicorum venire: Mitten unter die Esel geraten.

Vitam componere distractiorem: Zerrissene Hosen flicken.

Vanitatem meditari: Tobak trinken.

Posito, non tamen concesso: Einem einen Wächter vor die Tür setzen.

Artem pictoriam exercere: Dreck an die Wand schmieren.

Nullæ mihi sunt vires: Ich habe keinen Wechsel.

Commodum Reipublicæ promovere: Würste hacken.

Posteriora levare: Wenn man einem Hund den Schwanz abhaut.

Ludere in fidibus: Tobak anfeuren.

Esse immobili animo: Auf der Schildwache stehen.

Spem metumque deposui: Eine geschundene Sau.

Mihi nulla dies sine linea: Ich begehe täglich ein neues Schelmenstück.

Vitam exultando consumere: Ein Spielmann.

Iam mæsta quiesce quærela: Ein Tanzboden.

Semper in armis: Ein Fliegenwedel.

Video omnium oculos in me esse conversos: Wenn einer im Narrenhäusel stehet.

Trahit quamlibet sua voluptas: Hätte er nicht gejuchzet, hätt' man ihn nicht auf die Wache geführet.

Extra modum: Eine Strohfiedel.

Barbatos decet: Eine Filzlaus.

Cæteros omnes facilitate superare: Ein Schneidergesell.

Kaum als ich bis daher gelesen, kam die alte Frau zur Stube herein und schrie: »Lauft, lauft und helft!« Ich gedachte erstlich, es wäre gar Feuer vorhanden, und Isidoro, welcher indessen auf der Bank ein wenig geschlafen hatte, sprang auf und ergriff den Degen an der Wand, weil er glaubte, der Graf hätte irgendeinen heimlichen Spion in das Schloß geschicket, welcher ihn hier zu überrumpeln suchte. »Ach, liebster Sohn,« sagte die Alte vom Adel, »es ist keines unter beiden, es ist weder Feuer noch Verräter vorhanden, sondern nächst dem Schloßberg sah ich zu meinem Wohnfenster[66] aus, und daselbst sah ich einen Boten über Hals und über Kopf den Berg herunterstürzen. Ach, lauft, lauft und helfet doch! Der Mensch hat den Hals wohl gar gebrochen, denn er gibt ganz kein Zeichen von sich.«

»Zendorio,« sagte hierauf Isidoro zu mir, »eile geschwind, wir wollen dem armen Teufel zu Hülfe kommen. Ich weiß die Gelegenheit des schlimmen Weges mehr als zuviel, auf welchem schon manch ehrlich Kerl die Beine abgebrochen. Es ist um einen einzigen Fehltritt zu tun, so liegt man im Grund. Warum geht der Narr den Berg hinab, hat er nicht zur rechten Hand die Mühle vor sich liegen, allwo der Weg gebahnt ist?« – »Ja freilich,« sagte die Edelfrau, »aber was hilft es, die Sache ist geschehen, vielleicht hat er die Gelegenheit noch nicht gewußt und ist wohl gar ein Fremder. Ach, eilet doch fein geschwinde, ich zittere auf Händ' und Füßen, er ist gewiß tot! Ach, ach, ach, der gute Mensch!«

Wir zogen hierauf zwei Caputröcke an und eileten geschwinde dahin, allwo sie gesagt hatte, daß der Bot gefallen wäre. Allem Ansehen nach so war der Mensch noch bei Leben, denn er gab unterschiedliche Anzeigungen von sich, aus welchen man spüren konnte, daß er nicht gestorben sei. Dannenhero verschafften wir eine Trage und ließen ihn durch zwei Knechte in das Schloß tragen, allwo ihm die alte Edelfrau mit kostbaren Wassern zu Hülfe kam. Er fühlete gar bald einzige Linderung und fing ein wenig an zu reden, aus welchem man gar leichtlich abnehmen können, daß er getrunken war, denn seine Kleider stanken von Tobak und Brandewein wie nichts Gutes. Wir forschten aus ihm so viel nur möglich, von wem und wohin er geschickt wäre, aber man konnte ganz keine Gewißheit daraus nehmen. Endlich wurden wir gewahr, daß ihm das Ruckgrat abgebrochen, denn er schrie zu jeder Wendung dergestalten, daß man nichts anders daraus abnehmen konnte.

»Mein Herr Zendorio,« sagte die Edelfrau zu mir, »Er sehe doch, was ihm fehlen muß, denn ich getraue mir ihn nicht anzurühren, der Mensch schreiet gar zu schmerzlich.« Ich suchte und griff hierauf hin und wider, und indem ich so herumvisitierte, fiel ihm ein Brief aus der Tasche, dessen[67] Obschrift einer Weiberhand gleichte. Isidoro hatte es viel eh als ich wahrgenommen, derohalben hebte er solchen auf, und weil seine Frau Mutter wenig oder gar nicht darauf Achtung gegeben, stackte er ihn in die Ficke, und damit gingen wir aus der Stube in unser voriges Zimmer, weil wir den Boten ein wenig wollten ruhen lassen.

Sein Wappenschild, welches er an dem Leibe trug, gab nichts anders zu verstehen, als müßte er von einem von Adel ausgeschicket sein, weil in solchem drei offene Helm zu sehen, die wir aber nicht erkennen noch auslegen konnten. Solchergestalten kamen wir in das vorige Gemach, allwo wir die Tür verschlossen, den Brief aufgerissen und folgends heruntergelesen:


›Geliebte Herzensfreunde! Nunmehr ist die angenehme Gelegenheit erschienen, Sie nach Ihrem eigenen Wohlgefallen zu befriedigen. Wir sähen aber sehr gern, daß Sie Monsieur Christophen zu Hause ließen und Sie beide nur alleine kämen, weil wir seine alberne Possen und Disräson im Lieben nicht loben können. Gegenwärtiger Bot hat zwei Kleider und Masquen bei sich, in welche Sie sich verstellen und noch heute abends hier auf unserm Landgut zu Peltzingen zusprechen können, denn wir getraueten uns nach der Abreise unserer Frau Mutter nicht, in dem Schlosse zu bleiben, weil wir schröcklich viel Aufseher zu befürchten haben. Es ist zwar auf dem Gut auch nicht gar viel zu trauen, aber man muß sich endlich der Gelegenheit so gut bedienen, als man kann. Der Bruder Emilius ist gestern auf die Universität verreiset, sonst wüßte ich nichts, was ich zu beförchten hätte. Sie leben gesund und kommen gewiß, weil wir Ihrer beider mit Schmerzen und Hoffnung verlangen.


Verbleibend Ihre bekannte Schwestern

S.D.L.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 63-68.
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