XII. Capitul.
Ein Student muß das [336] Examen rigorosum wider seinen Willen auf offenem Felde ausstehen.

Die großen Diebe laufen weg,

Der kleine kriegt die meisten Schläg.


Hierauf eröffnete ich dem Studenten meine Meinung und schickte ihn mit einem Recommendation-Schreiben an den Caspar, weil er ihm zu seinem Vorhaben bestermaßen konnte beförderlich sein und ihm auf eine Pfarr zu helfen gar wohl vermochte. Er bedankte sich wegen meiner Gratification, aber es ging dem armen Teufel sehr wunderlich.

Unterweges kam er an ein Schloß, in welchem ebendesselben Tages ein Præceptor schröckliche Insolentien begangen. Er hatte sich erstlich vollgesoffen und hernach alle Fenster in dem Schlosse ausgeschlagen, weil ihm der Edelmann schon ein halbes Jahr keinen Pfenning Geld gegeben hatte. Dieses Spiel hat der Præceptor wohl eine Stunde getrieben und dergestalten auf seinen abwesenden Herrn geflucht und schandiert, daß sich die Balken hätten biegen mögen. Endlich hat er sich gar unterstanden, die Edelfrau mit dem Stock zu prügeln, und hat ihr gedrohet, wo sie ihm das restierende Geld nicht bezahlen wollte, so sei er entschlossen, ein Licht zu nehmen und das Schloß anzubrennen. Die Frau ist über solches Beginnen von Herzen erschrocken, gab ihm also das Geld und wünschte tausendmal, daß doch ihr Herr bald nach Hause kommen möchte. Als der Præceptor das Geld empfangen, machte er sich damit unsichtbar und stahl mehr denn vor zwanzig Taler Sachen aus dem Schlosse. Dieses geschah um Mittag, und abends kam der Edelmann nach Hause, welcher die Zeitung in großem Zorn angehöret. Er satzte sich mit seinem Knecht alsobald wieder zu Pferd, dem Gesellen nachzurennen und einzuholen.

Nun traf das Unglück ebendiesen ehrlichen Studenten, welcher mir kurz zuvor seine Geschicht so ausführlich erzählet. Und weil er dem Præceptor des Edelmanns nicht viel ungleich gesehen, prügelte ihn der Edelmann in der Furia auf der Straße herum, daß es taugte, und hieß ihn einen Hunds- etc. über den andern. Was sich der Student dazumalen eingebildet,[337] kann der Leser bei sich selbst betrachten, wie ihm zumut wäre, so er ohne Ursach mit solchen Tractamenten unversehens überfallen würde. Er hielt ihn erstlich vor einen Soldaten, welcher die reisenden Leute auszurauben pflegte. Deswegen sprang er in seinem Mantel herum, daß man ihn von ferne gar leichtlich vor eine Windmühl hätte halten und ansehen können. Endlich gingen dem Edelmann die Augen auf, und als er hinter den Betrug kam, setzte er den Studenten auf seines Knechtes Pferd und versprach, ihn wegen dieser unvermeinten Pastanade allerehestens zu promovieren. Also wurde der Student wider seinen Willen zum Magister geprügelt, denn die darauffolgende Woche machte er ihn zum Pfarrer in dem Dorfe, und der Student konnte sich billig rühmen, daß er sein Examen rigorosum wacker ausgestanden hatte.

Ich dachte, ich müßte mich über diese Begebenheit fast krank lachen, weil mir der Student seine wunderliche Promotion mit gar artigen Umständen durch ein Schreiben zu wissen gemacht, welches ich von Wort zu Wort hier anzeichnen wollte, so mich nur diejenige Materi, welche ich im folgenden Sechsten Buch zu tractieren habe, nicht davon zurückhielte. Denn was sind dergleichen Briefe nütz, als daß man dadurch die Zeit verderbt und weniger als nichts damit zu verstehen gibt. So schreibe ich auch dieses Buch keinem Bauren, welchem es viel besser tut, wenn er das Kot von seiner Pflugschare zu säubern weiß, als ob er die Verwicklungen dieses Tractats künstlich auflöse und auswendig lerne, sondern ich habe sie geschrieben solchen Köpfen, die fähig sind, aus der Begebenheit des Studentens selbst einen Brief zu schmieden und in den Gedanken vorherzusehen, wie und auf was vor eine Art das Schreiben an mich eingerichtet müsse gewesen sein.

Und was ist es nütze, die Historienbücher mit solchen Sachen zu erfüllen, die nur Verdrüßlichkeit verursachen? Und obschon einem oder dem andern dardurch einziges Wohlgefallen erwiesen wird, ist es doch bei den meisten eine unvorsichtige Weitläuftigkeit, welche von dem Hauptzweck abweichet und aus einer eitlen Glorie entspringet, seine Feder[338] dardurch großzumachen und zu zeigen, daß man auch in der Schule gewesen und die Nase in die Bücher gestecket habe. Vors andre, so ist es auch keine geringe Wahnsinnigkeit, in dergleichen Schriften aufzuzeichnen, wie die Cavaliers und Damen, item andere Standespersonen gegeneinander Ceremonien geschnitten und was sie neben ihren Höflichkeiten vor ein sonders Wortgepränge angestellet. Denn ob ich gleich schreibe und aufsetze eine solche Hofrede, die an dem Ort im Schwang gehet, da ich schreibe, wird sie doch an einem andern nicht vor gut oder auf das wenigst nicht vor bräuchlich gehalten, und wenn ich wegen gewisser Ursachen nicht zurückhielte, wollte ich dergleichen Sachen einen ganzen Catalogum hiermit anzeichnen, welche in unterschiedlichen Büchern zum höchsten Verdruß der Lesenden angewendet worden.

Aber der Grund solcher Schriften bestehet nur in der eitlen Hoffart der Gemütsneigung, weil die meisten meinen, es wäre eine große Unvorsichtigkeit, wenn sie nicht auch in dem kleinsten Tractat all ihre Scienz und Wissenschaft, all ihre locos communes und memorierte Sentenzen der Heiden sowohl als anderer Scribenten, item all ihre eingebildete und affectierte Höflichkeit, all ihre zierliche Wortstellung und dergleichen anbrächten und also an das allgemeine Tagelicht übergäben. Aber ich habe mich im Gegenteil weit eines andern beschlossen, weil ich weder dir noch einem andern zu Gefallen große Orationen ausspintisieren werde, indem ich eine Sache und nicht Worte tractiere. Derowegen soll die Sach nicht mit Worten, sondern die Wort mit Sachen angefüllet sein, denn die Wort verderben die Zeit viel mehr, da sie hingegen durch die Sachen verkürzt wird.

So habe ich auch in diesem Buch allenthalben kurz abgebrochen und keinen Discurs eingeführt, welcher immerzu in einerlei Terminis oder gar zu lange ist gehalten worden. Lange Comödien sind bloßerding verdrüßlich, so angenehm auch die Materi an sich selbst ist, denn es hat mir nicht beliebt, unterschiedliche Unterredungen auszusinnen, vermittelst welchen ich solche Schrift zu zieren verlanget. Nein, in der Wahrheit nicht, sondern ich bin geblieben bei[339] ebendiesen Worten und Formalien, die man dazumal in unserer Compagnie gebrauchet, weil ich solche weder zu gelehrt noch zu einfältig gehalten, daß sie wohl jedermann möchte vorgetragen werden.

Widrigenfalls sei der Leser versichert, daß ich durch Veranlassung der häufigen Materien, von welchen hierinnen gehandelt wird, einen großen ›Herculem‹ auszuarbeiten wohl getrauet, wenn ich nicht gewußt, daß solche Bücher die angenehmsten seien, welche aufs wenigste innerhalb drei oder vier Tagen bei müßiger Ruhe könnten ausgelesen werden.

Ist demnach mein Vorhaben, weiterzuschreiten und zu vermelden, wie es sich mit der Gräfin Veronia geendet, weil ich weiß, daß hiervon einzige Nachricht zu haben nicht unangenehm sein werde demjenigen, welcher ohnedas gern in den Liebessachen herumgrübelt. Es bilde sich aber beileib kein Frauenzimmer ein, daß ich in Darstellung der Veroniæ groben Hurerei irgendeiner an ihrer Ehre zu nahe getreten, denn ein solches Vorhaben ist von meiner Feder jederzeit entfernt gewesen, welche sich nichts mehrers wünscht, als von dem Frauenvolk günstig angeblickt zu werden, ob ich schon in der Wahrheit kein sonderlicher Liebhaber noch närrscher Galan bin, welche die meiste Zeit vergeblich anwenden, indem sie auf nichts mehr als ihre eigene Narrheit studieren und wegen eines stinkenden Stück Fleisches oftermalen ihre ewige Wohlfahrt verscherzen und mit Füßen treten.

Ich wollte mich auch viel lieber in einen Finger beißen, als eine Sach von einer so hohen Dam ausgeben, welche doch in der Wahrheit nicht kann hochge heißen werden, weil sie sich durch ihre Untugend ihres eignen Adels verlustig gemacht und sich also weit unter den gemeinen Stand hinuntergesenkt, indem sie keinen Scheu getragen, das Mittel, vermittelst welchem der Adel blühet, nämlich die keusche Tugend, aus der Obacht zu lassen und ihren Leib mit vielen tausend Hurenstücklein zu besudeln. Ich wollte, daß ihr diese Schrift unter Augen gebracht würde, und sie müßte alsdann, durch ihr eigenes Gewissen überzeugt, bekennen,[340] daß nicht das vierte Teil ihres Mißverhaltens in solcher aufgezeichnet worden, mit welchem ihr noch eine große Gunst durch mich, als den Urschreiber dieser Histori, erwiesen worden. Aber ob ich gleich gegen einer solchen nicht gnädig bin noch den Ruhm haben will, einem lasterhaften Menschen zu favorisieren, werfe ich doch nur deswegen die gröbsten Stücke ihrer heimlichen Liebs-Practiken auf die Seite, auf daß sich nicht irgendein unschuldig Gemüt daran ärgere und also aus Eröffnung einer stinkenden Pfütze viel andere giftige Schlangen heraussteigen und eine gute Meinung kein übel Ende nach sich ziehe.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 336-341.
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