VII. Capitul.
Des Pfarrers Discurs vom Fluchen. Artige Disposition über die Grabschrift der verstorbenen Edelfrauen.

[309] Wo Fluch und Schwören wohnt im Haus,

Da gehet Glück und Segen aus.


Dieses war die ganze Valetrede und oratio valedictoria, mit welcher die ehrbaren Madamen vor dieses Mal abgefertigt wurden. Und wir mußten uns verwundern, daß sie wegen eines einzigen Eies ein solch grausames Spectacul anheben mögen. Aber dieses ist der Weiber gemeine Art und angeborne Gewohnheit, daß sie wegen eines Lausebalgs eine halbe Stunde nacheinander zanken und sich nicht schämen, wegen einer Sache, die nicht zwei Wort wert ist, einen ganzen Leviten herunterzulesen, darüber sie selbsten lachen müssen, wenn man ihnens bei dem Licht zu sehen gibt.[309] Auch sind die Beschließerinnen so geschäftig und hofmeisterisch, daß sie glauben dörfen, keine Magd könne ohne ihr Hofmeistern klug noch fleißig sein.

»Ihr Herren,« sagte die Zusia zu uns, »meine Beschließerin hat wegen des Eies ein solch Duell unter den Leuten angefangen. Aber wie sie neulich den Honigtopf zerbrochen und kurz darauf ein großes Glas voll Rosenwasser über die Stelle hinuntergeworfen hatte, da schwieg sie fleißig still und schob es der armen Katze zu, da ich sie doch beidesmal auf der frischen Tat erwischet.« – »Ja,« sagte die Magd, welche sich vor der Tür verstecket und zugehöret hatte, »davon kann die Beschließerin schrecklich viel machen, daß wir das Ei über die Tafel abgeworfen, aber daß der Schreiber neulich die halbe Nacht in ihrer Kammer gesessen, das lässet sie wohl unberühret, ei ja, dieses schmecket ihr auch viel besser!«

Mit diesen Worten lief sie die Treppe hinunter, und unter uns entstund ein großes Gelächter über den Schreiber, welcher in dem Gesicht so rot als der volle Mond aussah. »Die Teufelshure«, sagte er, »schimpft mich noch darzu. Wart,« rufte er ihr nach, »ich will dich carniffeln, du Hure, daß du gecarniffelt sein sollest.« – »Ach, ja,« schrie die Magd von der Treppe zurück, »carniffelt davor die Beschließerin, die hat es besser gewohnt als ich!« Der Schreiber wollte hierauf hinunterlaufen und sie gar zum Schlosse hinausjagen. Aber Isidoro hieß ihn zurückbleiben, weil kein bessers Mittel vor verschwätzte Dienstboten zu finden wäre, als die Tür vor dem Hintern zugeschlagen und sie ihre Wege gehen zu lassen.

Damit aber beiden Parteien die Gelegenheit, ferner in die Haare zu geraten, benommen würde, schickte Isidoro den Schreiber in die Canzeley, daselbst eine Grabschrift aufzusetzen, welche er auf seiner Frau Mutter Grabstein einhauen zu lassen willens war. Auf solches redeten wir Unterschiedliches miteinander, absonderlich aber, wie ein elendes Tun es um einen Hauswirt sei, wenn er in seinem Hause das Fluchen und Schelten geduldete, und weil zu solchem Gespräche gleich der Caplan ankam, fragte ihn Ergasto folgendermaßen:[310] »Mein Herr,« sagte er, »was ist seine Meinung von folgender Erzählung? In dem Schlosse der Veronia hielt sich vor diesem ein Bierbrauer auf, welcher nebenst seinem absonderlichen Fleiß ein überaus frommer Mensch war. Er heiratete endlich, und die Gräfin schenkte ihm die Braustatt außer des Schlosses auf Kindeskinder zu einem ewigen Erbe. Nun sitzt er in derselben und nährt sich von dem Trank, welches er vor allerlei Leute brauet, die alldort einzukehren pflegen. Jetzt ist die Frage: kann der Brauer mit gutem Gewissen in seinem Hause gestatten, daß die Bauren oder das andere Hofgesind aus dem Schlosse bei dem Trunk schelten, fluchen, schwören und andere Narrenpossen vorhaben, die sich nicht geziemen? Oder ist er verbunden, seine Nahrung fahrenzulassen und die Flucher abzuschaffen? Was ist des Herrn seine Meinung?«

»Diese Frage«, antwortete der Geistliche, »will ich mit wenigem beantworten, denn ich bin kein großer Prahlhans, der weitschichtige und nichtswürdige Umschweif suchet. Erstlich soll der Brauer das Fluchen der Bauren oder wer sie seien bloßerdings nicht gestatten, sondern sagen: ›Ihr Herren Bauren, fluchet nicht, oder gehet hinaus!‹ Und solchergestalten halte ich davor, daß es besser sei, Hunger leiden im Frieden, als ein stattliches Stück Brot gewinnen im Fluchen. Denn weil der Bierbrauer Herr in seinem Hause ist, so kann er auch vermög derselben Gerechtigkeit strafen, wer in seinem Hause sündiget – versteh: nicht hauptsächlich. Als exempelsweise: es stößet ein Schuhknecht einen Müllner über den Haufen, so darf der Brauer beileib dem Schuhknecht den Kopf nicht abhauen, rede also nur von der Straf, sofern sie gelind und mit Manier kann angebracht werden.

So ist es vors andere ganz nicht zugelassen, daß ein solcher könne einen Superintendenten agieren und den Flucher dörfte in Bann tun, wie es gar viel dergleichen Grillenhansen gibt, die, wenn sie das geringste Wörtlein hören, das wider ihre eingebildete Frommkeit laufet, so seufzen sie, sehen mit verkehrten Augen gen Himmel, schlagen das Kreuz vor sich und gebärden sich so ungeduldig, daß es mich oftmals selbst[311] verdrossen, daß sich die Heuchler so gar närrisch anstellen können. Ja, auch ein Geistlicher meinesgleichen hat nicht allerdings Macht, in einem Wirtshause aufzutreten und einen Sermon zu tun, denn es ist der Ort nicht darnach; und machte man also inter aram & haram keinen großen Unterscheid. Sagst du, man hat aber an solchen Orten die beste Gelegenheit, so sag ich, es ist wahr. Aber eine volle Sau ist in einer solchen Beschaffenheit auf eine andere Weise zu strafen, und finden sich tausend Arten, derer man sich in solchen Begebenheiten gebrauchen kann.

Wenn ich Brauer wäre,« sagte der Pfarrer weiter, »so wollte ich den Locum aufschlagen, welcher ausdrücklich sagt, daß wir allerdings nicht fluchen sollen, weder bei dem Himmel noch der Erde und so fort. Hörte ich nun einen fluchen, so wollte ich ihms vorlegen und bitten, daß er solches geschwinde lesen wollte. Könnte er nicht lesen, so soll es der tun, der ihm am nächsten säße, oder ich wollte es selbst lesen. Ließe ers nach solchem nicht, so wollte ich mit ihm zum Hause hinausfahren wie mit einem räudigen Schafe aus dem Stall. Gewinn hin, Gewinn her. Ein einziger Fluch, welchen man fahrlässig zulässet, verursacht oft, daß man in einer Stunde verliert, was man in zehen Jahren mit großem Fleiß erworben. Das ist meine Meinung.«

Diese Antwort gefiel uns insgesamt nicht uneben, und obschon andere ihre Meinung anders geben wollen, gestunden wir doch keinem keine Rede und sagten, es wäre genug, daß wir bei dem Ausspruch des Priesters bleiben wollten. Ein anderer möchte Gründe aufbringen und einwerfen, was er auch immer könnte und wüßte. Darob ihr viel recht zornig waren, daß man nicht glauben wollen, daß sie auch studieret hätten, absonderlich der Doctor, der meinte gar, er wäre nicht schuldig, der Rede des Geistlichen Beifall zu geben. Aber wir lachten ihn nur aus und waren entschlossen, sobald er zu grübeln anfangen würde, wollten wir ihn zum Zimmer ausweisen und ihn seine gelehrte Wege gehen lassen. Denn dieses halte ich auch bis gegenwärtige Stunde vor das beste Mittel, daß man keinen vor studiert halte, welcher meinet, er sei studiert, und daß man auch mit einem[312] solchen Alfanser nicht viel Disputierens mache, der eine klare Sach umzudrehen gedenket, sondern, ob sie auch gleich Recht hätten, soll man ihnen doch nicht Recht lassen, und damit gute Nacht.

Isicloro hatte sich insonderheit über dasjenige ergötzet, was der Geistliche zuvor wegen des Brauers auf die Bahn gebracht, und er wünschte selbst, daß es allenthalben so beschaffen wäre. Allein so gestattete man nicht nur allein solches an öffentlichen Örtern allzusehr, sondern es werden auch wissentlich von vielen Hauswirten solche Sachen zugelassen, die sie hernach auf dem Totbette allermeistens um das Herz drücken werden.

Nach solchem stund man von der Tafel auf, weil der Geistliche etliche Bücher gebracht, die Isidoro zuvor bei ihm bestellet hatte. Er nahm nach Überlieferung derselben wieder Abschied, und wir begaben uns in die Canzeley, zu sehen, was der Schreiber vor gute Geister würde gehabt haben, vermittelst welcher er die Grabschrift entworfen. Und weil man ihn in der Arbeit nicht verstören wollen, gingen wir ganz sachte. Der Schreiber mußte mit jämmerlich großen Grillen besessen sein, denn man hörte ihn wohl zwanzig Schritt von der Canzeley schreien und mit sich selbst disputieren.

Ich und Isidoro waren etwas curiös. Derohalben eileten wir am ersten hinzu, aber anstatt wir glaubten, er discurrierte mit sich, so fluchte er im Gegenteil, daß der Himmel erschwarzen mögen. »Du Donnervieh,« sagte er, »daß dich der Teufel hole! Willst du nicht gut tun? Willst du nicht parieren? Höre, du Rabenzeug! Soll ich dir das Maul um den Tisch stoßen? Du Teufelswesen, du nichtswürdiges Rabenaas, willst du aufs nächst besser daran? Du Sterngut, du, gelt, ich will dirs machen, du Hagelvieh!«

Wir konnten den leichtfertigen Worten nicht länger zuhören, zumalen auch die andere indessen angekommen und nicht gewußt, was den Schreiber so zu fluchen veranlaßte. Etliche meinten, es wäre ein Vers; andere aber waren der Meinung, er hätte gar einen spiritum bei sich, der ihm nicht parieren wollte. Solches verursachte, daß wir die Tür geschwinde[313] aufrissen, und da kamen wir alle in einem Augenblick aus dem Zweifel, weil wir ihn sahen eine Feder um den Tisch stoßen, welche gar nicht schreiben wollen.

»Ihr Erzcujon,« sagte Isidoro zu ihm, »wie wär' es, wenn ich Euch prügeln ließe, wie Ihr heute die Mägde zerprügelt habt? Sollt Ihr ein solcher Erznarr sein und ein Ding so ausschelten, das weder sehen noch hören kann? Ihr Herren,« sagte Isidoro weiter zu uns, »sehet mir doch den Lümmel recht an. Er stößet die Feder um den Tisch, welche weder Feuer noch Schwert empfinden kann. Straft also der Narr ein lebloses Ding, und mich verwundert, warum ers nicht gar aufhängt. Zwar, der große Eifer lässet ihm nicht so viel Zeit, seine Narrheit der ganzen Welt zu verstehen zu geben, sonst glaube ich, er legte sie gar auf das Rad. Er soll eine Grabschrift machen und flucht dabei ärger denn ein Heid. Das müssen schöne geistliche Gedanken sein! Ihr Sapraments-Bärnhäuter, schert Euch aus meinem Gesicht, oder ich will mein Rohr so gut auf Euch zerschmeißen, als Ihr das Eurige heute auf den Mägden zerschmissen habt.«

Der Schreiber hatte sich unter währender Bedrohung ziemlich geducket, und weil er keine andere Ausflucht wußte, nahm er sein Refugium in das nächstgelegene Secret, allwo er sich innenher verriegelt und vor dem Zorn des Isidori vorgesehen hat. »So klug«, sagte Isidoro, »sind die beide Mägde nicht gewesen, sonsten wären sie auch ins Kackhaus geloffen.« – »Lasset uns hinweggehen,« sagte Ludwig, »wer weiß, was der Schreiber auf dem Secret vor eine Feder schneidet; wenn er seine Poesie darinnen ausspeculiert, so wird es sehr stinkende Verse absetzen.«

Die gesamte Gesellschaft begunte hierüber zu lachen, und Isidoro nahm den Zettul mit sich, worauf der Schreiber bis daher sein Concept wegen der Grabschrift entworfen. Solches aber hieß, so viel man lesen konnte, wie folget:

Causa principalis, causa materialis, causa formalis, causa finalis, aus diesen vier Ursachen muß ichs herausbringen, daß die alte Edelfrau gestorben sei. Hernach muß ich setzen: locum in quo, locum a quo und locum ad quem. Nach diesem kommt das procedere senectutis in genere, darnach in specie. Auf solches[314] muß der Vers per logicam tractiert werden: quia homo est animal, ergo homo moritur, ist eins. Secundo und vors ander: quia homo est sapiens, ergo sapienter moritur. Tertio kann ich ein schöne Ration geben: quia homo est bipes, ergo etiam moritur bipes, es sei denn, daß ihm im Krieg ein Bein abgeschossen worden. Dahero entstehet gratiarum actio, daß es der lieben Edelfrauen nicht begegnet und also die Logik nicht beschändelt worden. Ich kann auch eine Quæstion movieren und fragen: an mors sit ens rationis physicum oder positivum in abstractione principii essendi. Item, ob Hans Sachs recht getan, daß er den Tod einen Streckenbein geheißen; ob es de jure oder de facto sei, daß der Totengräber zu Winterszeit die harte Erde mit warmem Wasser weich und gelind machet, daß er mit seinen Leuten desto besser graben könne. Darnach kommen die causæ subordinatæ, das sind diejenige, so die Leiche tragen; darnach causa media, das ist der Leidträger, denn er gehet zwischen zweien in der Mitten; causæ abstractæ sind die alten Weiber, weil sie ganz zur letzte und weit hinter dem Sarch hergehen.‹

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 309-315.
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