I. Capitul.
Was Crispan vor ein Filzhut gewesen.

[342] Der Geizhals kargt im Lebenslauf,

Hängt endlich sich mit Juda auf.


Auf demjenigen Schloß, welches mir mein Vater zum Heiratgut verehret, bestellte ich einen Meier, daselbsten nebenst der Haushaltung zugleich gute Obsicht auf das Mühlwasser und die Wiesmater zu haben, welche mir jährlich einen merklichen Beizins trugen. Und ich muß gestehen, daß ich zwischen Verfertigung dieses Buchs gar oft ab und zu geritten und unterweges viel tausend Grillen und Schnaken gefangen.

Unterweilen pfiff ich auf solcher Reise etliche Reiterstücklein, und weil mein Knecht ein Steyermärker war, mußte er mir unterwegs erzählen, wie es die Mägde in seinem Dorf zu treiben pflegten und wieviel er sein Lebtag beschlafen hätte. Da hörte ich, daß der Mauskopf in dergleichen Begebenheiten viel ein besser Glück als mancher vom Adel gehabt, und war noch um so viel desto glückseliger, weil ihn seine Courtesien nicht halb soviel gekostet als einem meinesgleichen, indem sich zum öftern manch armer Schlucker an den Huren fast zum Bettler gespendieret und sich zuletzt wider seinen Willen zwischen den Ohren gekrauet.

»Ich bin«, sagte mein Knecht, »nicht weit von Grätz bei der Haupt-Vestung in Steyermark erzogen, und der Edelmann in dem Dorf hatte die Gerechtigkeit, wegen einer alten Leibeigenschaft die Bauernknechte und andere Kinder, so daselbst geboren worden, ohne Entgelt in seine Dienst zu nehmen. Ach, Herr,« sagte er weiter zu mir, »derselbe Edelmann[342] ist ein Filz, ich weiß aber nicht, lebt er noch oder nicht. Lebt er aber nicht, so ist er ein Filz gewesen, dergleichen wenig auf der Welt gelebt haben. Es traf mich schon das Unglück, daß ich ihm in meiner Jugend aufwarten müssen, und weil er denn gar zu geizig war, mußten die Bauren in dem Dorfe zusammenschießen und mir eine Liverey machen lassen. Wenn ich aber in die Schenke kam und die Bauren getrunken waren, gab mir dort einer eine Kappe und da wieder einer eine, wurde also in meiner Jugend halb gehörlos geschlagen, und dahero prügelte mich der Edelmann ingleichen, so ich nicht geschwinde verstehen konnte.

Ah, ha, ich hab mich oft scheckicht gelacht, wenn der Edelmann Briefe bekommen, denn er sparte derselben so viel zusammen, bis er eine ziemliche Anzahl in eine kupferne Pfanne legen und das Petschier- Wachs daraus brennen konnte, mit welchem er andere Briefe versiegelt. Aus welchem man klar sehen können, was vor ein erschrecklicher Geizteufel den Edelmann besessen. Ich müßt es wohl als ein Sapraments-Bärnhäuter lügen, wenn ich sagte, daß ich das ganze Jahr einen Tropfen Bier zu trinken bekommen, es sei denn, daß mir die Base des Edelmanns ein Becherlein gegeben, dergleichen er allezeit über Essenszeit zwei auszutrinken pflegte. So ungeschickt und tölpisch ich aber mit meinem Herrn umgegangen, schlug er mich doch nur mit der Hand. Denn er hatte das Herz nicht, seine Peitsche zu gebrauchen, weil er geforchten, solche an mir zuschanden zu schlagen, und also hätte er vier Groschen vor eine neue auslegen müssen.

Er hielt nur ein einziges Pferd und schickte allenthalben in dem Land herum, obs nicht einer oder der ander auf ein paar Tag entlehnen wollte. Alsdann mußte er ihm durch solche Zeit zwei Gülden geben und dem Bauern, welcher mitgeloffen, ein Trankgeld spendieren, welches er ihm auch abnahm, und also mit seinem Roß allerlei Groschen und Pfenninge erwarb. Er hat sich gar oft in dem Kopf gekratzet, wenn er gesehen, daß die Mägde den Hühnern zu essen gaben. Aber die Eier suchte er in den Ställen selbst zusammen und hatte doch das Herz nicht, eins zu essen, sondern ließ es auf den Wochenmarkt tragen und teuer genug verkaufen.[343] Einsmals zählte er wohl fünfzig einer Bauermagd in den Korb, aber sie fiel unterweges über einen Stein und zerbrach sie alle auf der Straßen. Da ließ er ihr all ihre Kleider nehmen, und solche behielt er so lang in Verwahrung, bis sie die fünfzig Eier wiedergutgemachet.

Es ist gewiß, daß kein Mensch größern Zahnschmerzen als eben er erlitten. Und dennoch ist ihm das Geld so lieb, daß er viel ehe vor Schmerzen sterben als nur den geringsten Heller vor ein Wässerlein auslegen wollen. Einsmals ließ er das Dach decken, und als es ihm an einem Arbeiter mangelte, schickte er zu dem Pfarrer und ließ ihn bitten, er möchte dieselbe Stell ersetzen. Alle seine Fenster bestunden in Papier, und kann wohl schwören, daß ich auf dem Schlosse mit nichts als mit demselben zu tun gehabt, weil ich bald einen Fleck herunterreißen und wieder einen hinanpappen müssen. Hat also der Edelmann mit einem halben Metzen Mehl all seine Glasscheiben versehen und erhalten können. Aber es ist nicht zu sagen, wie das Frauenzimmer und andere darauf geschmälet und gestochen haben, wenn sie etwan von großem Regen oder sonst von einem Ungewitter überfallen und daselbst einzukehren genötigt worden. Sonsten würde wohl kein Mensch zu ihm gekommen sein, es sei denn, daß sich etliche an seiner Lebensart zu kitzeln verlanget, die viel eine größere Filzigkeit in dem Schlosse erfahren, als man ihnen zuvor gesagt hatte.

Ich denke es noch wohl, daß er schröcklich verliebt war, und so ungeschickt ich sonsten bin, habe ich ihm doch alle seine Künste leichtlich abmerken können, weil er bei seiner Filzigkeit ziemlich ungeschickt war. Er hat sich auf keinerlei Weise zu verehlichen getrauet, aus großer Furcht, gar zu viel dardurch zu verlieren. Denn er sagte gar oft, er müßte sich die Augen aus dem Kopfe weinen, wenn er ein Kind zum Erben bekäme. Und mit solchen Hudeleien hatte er ohne Aufhören zu tun und mußte sich nicht allein von seinesgleichen Standespersonen, sondern auch von Niedrigen, ja sogar von seinen Bauren selbsten durch die Hechel ziehen und auslachen lassen.

Er kam einsmals auf eine Hochzeit, nicht als ein Gast, sondern als ein verkleideter Zuseher, weil er gehöret, daß es auf[344] solcher überaus stattlich hergehen sollte. Diese Hochzeit ging auf einem Schlosse vorüber, und ich mußte mit ihm über Feld gehen, weil er sich als ein Schulmeister angekleidet, welchen Habit er noch von seines Großvaters Urahnherrn geerbet hatte. Denn sein Geschlecht hatte lauter solche saubere Zweigen getragen, und wenn man sie alle miteinander zu Markt gebracht hätte, glaub ich schwerlich, daß jemand vor die ganze Gesellschaft einen Batzen würde gegeben haben. Wir kamen gleich dazumal zu der adeligen Hochzeit, als man schon zu tanzen an fing. Und weil ich wegen meiner Liverey gar bald erkannt war, fragten mich die Cavalier, was mein schabhalsichter Junker Guts machte und ob er die Läuse noch um den Balg zu schinden pflegte.

›Pfui Teufel,‹ sagte einer zu mir, ›es ist schad, daß du bei dem Erzsparmunkes aufgezogen wirst. Der Bärnhäuter ist nicht wert, daß er den Namen vom Adel führet, weil er billig aller Knickhansen Lieutenant kann genennet werden. Der Hosenscheißer soll sich in den Arsch hinein schämen, daß er solchen Geiz treibet, davon die ganze Welt zu sagen und sich zu kitzeln weiß, und ich selbsten will allerehestens ein solch Buch über den leichtfertigen Schabhansen ausgehen lassen, davor er erschrecken soll. Ich glaube, der Teufel reitet ihn mit Haut und Haar, und könnte ich ihn nur einmal an einem bequemen Ort anpacken, ich wollte ihm das karge Fell dermaßen zerklopfen, daß er an einen Rechtschaffenen von Adel gedenken sollte.‹ Alle diese Wort redete der von Adel in Beisein meines Herrn, welchen er doch wegen verstellter Kleidung nicht gekannt. Dahero fing mein Herr an zu zittern und zu beben, weil er geglaubt, der Hochzeitgast würde ihn gar an den Hals schlagen. Aber zu allem Glück wurde ein neuer Tanz aufgestrichen, dardurch der vom Adel verhindert wurde, meinem Herrn die Laudes weiter herunterzulesen, welches er sonsten in der Wahrheit nicht würde gesparet haben. Denn er hatte ein recht verschnapptes Maul und redete die Wort nicht anders als unter einer Garnwinde heraus, ob er schon in diesem Stück einen schlechten Verstand bewiesen. Denn was hat es ihn angegangen, daß mein Edelmann geizig gewesen? Er hat dardurch nichts verloren[345] und nichts bekommen, ist auch weder klüger noch närrscher worden.

›Ja,‹ sagte mein Herr, als wir wieder zurück vom Tanzboden gingen, ›Jost, mein lieber Jost, das mag wohl ein Hundsfutt sein, der mich so geschimpft hat. Ach, hätte ich meine rechte Kleider angehabt! Ich wollte dem Flegel die Feige gewiesen haben. Es ist gleich gut, daß er mich nicht gekannt hat. Oh, wie will ich mich noch so gelegen an ihm rächen! Heute will ich vier Bauren an der Straß aufpassen lassen. Ich kenne ihn schon, ich kenne ihn schon, oh, ich kenne ihn schon! Er ist ein ehrbarer Vogel, ein Prahlhans ists, sonst nichts. Er macht einen Haufen aus sich und ist alles schuldig. Wenn er in die Compagnie kommt, da läßt er sich sehen wie ein Narr. Und wenn er nur neun Pfenning vor eine Kanne Bier hergeben soll, so zeucht der Narr eine ganze Hand voll Geld hervor, damit die Leute sehen sollen, daß er auch bei Mitteln sei. Aber zu Hause hungert seine Frau doch wohl, und ich hab es schon erfahren, daß er seine zwei Diener auf die Dörfer herumschicket, den Bauren die Hühner hinwegzufangen. Oh, der Hühnerfänger! Hol ihn der Teufel samt seinem Reichtum! Das ist ein Bärnhäuter, das ist ein Hundsfutt! Er heißt mich einen Schabhalser, o du Schabhalser selbsten in deine Haut hinein!

Könnte ich fechten, oh, wie wollte ich ihn auf die Goschen stoßen, daß ihm seine Frauenzimmer-Zähne herausspringen sollten! Ei, ei, was bin ich doch vor ein Narr, daß ich die Ringkunst nicht kann. Wett der Teufel, wie wollte ich ihn wider den Boden werfen, daß ihm die Kniescheiben in Trümmer zerspringen müßten! O Jost, o Jost, daß du ihn nicht ins Gesicht geschlagen hast und geschwind davongelaufen bist! Du bist wohl ein rechter Hundsfott gewesen.‹ Ich gedachte aber: ›Herr, weil Ihrs nicht getan habt, so seid Ihr einer!‹ – ›O der Galgenschelm,‹ fuhr er fort, ›wie hat er mich nicht an meinen Ehren angegriffen. Oh, hätte dieses mein seliger Herr Vater gewußt, ich glaub, es sollte ihm recht schmerzlich weh getan haben. Aber, basta, basta, ich kann borgen, kommts heut nicht, so ists morgen. Wer weiß es, wie sich der Handel füget. Hat mich wohl der Teufel auf die Hochzeit geführet[346] und kein guter Engel. Dasmal auf eine Hochzeit gangen und keinmal mehr, ich möchte mir vor großem Zorn die Haare gleich aus dem Kopfe reißen!‹

Mit solchem närrschen Gespräche vertrieb mein Herr den Weg bis zu seinem Schlosse mit sich selber, und ich mußte hinter ihm von Herzen lachen, daß er so gar artige Anschläge hatte. Als wir ins Schloß gekommen, bestallte er alsobald vier Bauren auf ebendie Straße, da der Edelmann vorbeireisen mußte, welcher zuvor sehr wider ihn geschmälet hatte. ›Ihr Bauren,‹ sagte mein Herr zu ihnen, ›werdet ihr euch wohl halten und wacker zuschlagen, so verehre ich euch einen Groschen zu Bier und lasse euch eine Stunde auf meiner Kegelstatt umsonst bosseln.‹ Diese ungemeine Freigebigkeit des Edelmanns machte die Bauren mächtig mutig, nahmen also ihre Dreschflegel zur Hand und gingen hin auf die Straße, nachdem ihnen mein Herr zu einer bessern Courage einen Becher Bier von einer halben Maß einschenken lassen.«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 342-347.
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