V. Capitul.
Jost kommt zu einem Jungen von Adel. Was sie miteinander vor ein Leben geführet.

[363] Vor Arbeit grauet jedermann,

Drum greift Herr Pongratz auch nichts an.


»Mein lieber Jost,« gab ich ihm zur Antwort, »ich habe in meiner Jugend studiert, daß sich die kleinen Leute am allergrößten[363] zu machen gewohnt sind und daß diejenige, so wenig zu verrichten haben, sich insgemein solche Ämter andichten, davor auch ein Esel den Rücken zerbrechen möchte. Eure Hausverwalterin, oder wie die Hure heißt, ist auch mit unter dieselbe Zahl zu rechnen, weil sie von euch als schlechten Leuten eine so große Ehrerweisung verlanget. Laudari a non laudatis, vituperium est, sagen die Lateiner. Das muß ich dir, mein lieber Jost, jetzund verteutschen und heißet, daß das Lob und die Ehre, welche wir von einem nicht Gelobten oder von einem solchen, der nicht viel Ehre besitzet, empfangen, ist nicht allein keine Ehre, sondern vielmehr eine Schand und Ungebühr zu nennen. Sind demnach all diejenige ausgemachte Narren und Phantasten, welche von solchen Leuten wollen geehret sein, die selbst wenig oder gar keine Ehre besitzen. Wie kann mir nun einer geben, was er selbst nicht hat? Es ist so unmöglich, als wenn ich sage: Jost, mache mich zum Doctor, da du doch ein Narr bist.«

»Es ist wahr, gestrenger Herr,« sagte der Jost, »daß ich nicht gar zu gelehrt bin. Aber gleichwohl machte es auch die Haushalterin so grob, daß es auch die Bauren haben merken können.« – »Aber höre, mein Jost,« sagte ich zu ihm, »hat sie nicht bei dem Pfaffen geschlafen, und weißt du ganz nichts darum?« – »Herr,« gab er zur Antwort, »das weiß ich, mein Trauen, nicht. Aber wie ich weglief, da hörte ich nicht gar lang darnach, daß sie allenthalben vor eine Pfaffenhure ist ausgerufen worden.«

»Narr,« sagte ich zu ihm, »die Leute sagen viel, es ist doch nicht wahr.« – »Freilich,« antwortete der Jost, »denn sie sagten auch von mir, daß ich ein frommer Jung sei, und war doch ein Erzschelm in der Haut, denn höret nur, wie mirs ging:

Ich lief endlich von dem Pfarrhof weg und war willens, dem alten Bruder Bernharden in dem Wald zuzusprechen, auch ihm zu sagen, wie es mir dieses Vierteljahr gegangen und wie manches schmales Stücklein Brot ich essen müssen. Aber unterweges fing mich ein Student auf, welcher auf die Universität zu ziehen willens war. Er hatte einen violbraunen[364] Reisrock an, und weil er zu Pferd saß, hatte er große französische Stiefel an, denn die teutsche hatte er vielleicht mit der teutschen Redlichkeit schon zerrissen. An dem linken Arm trug er ein spanisches Rohr an einer silbernen Kette, und ich dachte erstlich, es wär ein Jan Potage, weil er den Stock zu Pferde führte. Sein Hut stutzte mit weißen Straußfedern, und wenn er mit mir redete, mischte er viel Französisches mit ein und sagte, so ich nicht mit ihm in Gutem fortmarschiern würde, so wollte er mich bastanieren. Ich gedachte, er wollte mir Kastanien schenken, deswegen sagte ich: ›Ei, Herr, gebt mir doch einen Hut voll.‹ Aber er zuckte die Pistol aus der Hulfter. Damit merkte ich erst, was er meinte, und ging also hinter ihm drein.

Als wir nun so fortwandelten, kam er mit dem Pferd an einen Graben, allwo er eine ganze halbe Stunde zu tun hatte, ehe er hinüberkam. Da gedachte ich: Nun, Jost, jetzt hast du Plasy, nun laufe davon. Damit nahm ich den Hut unter den Arm, und hast du was, so gibst du was, machte ich mich aus dem Staube, denn ich wußte wohl, daß er mich nicht wieder ereilen konnte, wenn er so lang wieder herüber- als hinüberzuspringen hätte. ›O du Generalschelm‹, rufte er hinter mir drein. Aber ich gedachte heimlich: Schelm hin, Schelm her, der ist ein Schelm, der nicht über den Graben kann. Eilete demnach dem nächsten Busch zu, und dorten legte ich mich auf die Erde und guckte so lang nach dem Studenten, bis ich ihn nicht mehr sah.«

Aus dieser Erzählung hatte ich von Josten gar genugsame Nachricht, daß eben Isidoro derselbe Student gewesen, welcher mir ehedessen seine Geschicht in geheim erzählet und unter andern auch diese Erwähnung wegen des auf der Straße ihm aufgestoßenen Bauerjungens getan. Weil wir aber nunmehr nahe an meinem Schlosse waren, hieß ich ihn in seiner Erzählung fortfahren und nur mit kurzem vermelden, wie es weiter mit ihm abgelaufen. »Darnach«, sagte Jost, »begab ich mich anderwärts hin und hütete einem Bauern die Schafe auf dem Feld. Aber einsmals kamen zwei Wölfe zu der Herd, und ich lief aus Schrecken mit meinen Hunden davon. Die Wölfe zerrissen mir wohl achtzehn Hämmel. Da mußte ich[365] nun wieder aufs neue davonlaufen, denn ich forchte, der Bauer dörfte mich totschlagen, weil er ein loser Erzschelm war und dem Fürsten in dem Land gar viel Hasen, Wildstücke und Schweine geschossen.

Nach solchem kam ich zu einem Küsterer in einem einschichtigen Dorfe. Dort mußte ich morgens, mittags und abends zum Gebet läuten. Aber einsmals schmierte mir einer die Stricke mit stinkenden Pfifferling so voll, daß ich ganze Brocken davon in die Hände kriegte. Es war ein junger Edelmann, der es dem Küsterer zum Schabernack tat. Aber wie er zum andern Mal kam und die Stricke wiederum mit dergleichen Wundöl salben wollte, prügelten wir ihn dergestalten mit knöpfichten Stricken in dem Glockenhaus herum, daß er anstatt der Seile die Hosen hätte beschmieren mögen. ›Du Galgenvogel,‹ sprach der Küsterer zu ihm, ›wer hat dich gelehrt, solchen Medritat an meine Glockenstricke zu salben? Solche Ärzte, wie du bist, curieren keine Krankheit.‹ Damit nahm er eben den Quark, welchen der junge Edelmann mit sich gebracht hatte, und beschmierte ihn allenthalben im Gesicht, daß er ausgesehen wie einer, der im Fasching herumlaufet.«

Aus dieser Erzählung des Jpstens merkte ich gar genau, daß es eben die Historia sei, welche neulich der ehrliche Bruder Ludwig in seiner Lebensbeschreibung angemerket hatte. Denn ich konnte mich noch wohl entsinnen, daß er darauf dem Küsterer das Haus angezündet und sich auf der Straße oben aus und davongemacht hatte, darinnen dann mein Jost mit seiner Erzählung allerdings übereinstimmte. »Wie ging es dann weiter,« sprach ich darauf zu ihm, »und was vor einen Fortgang hat deine fernere Lebensgeschicht?«

»Nach diesem Schelmenstücklein«, sprach er, »trauete ich mir nicht gar zu wohl mehr in dem Dorfe zu bleiben, denn ich sah oft auf dem Kirchhof oder wohl gar in dem Beinhäuslein zuweilen etwas sitzen. Absonderlich aber, wenn jemand sterben wollte, gab es gemeiniglich in unserer Stube ein Zeichen. Und wenn ich dann desselben Abends zum Gebet läutete, rumpelte es in der Kirche, daß mir oft vor Furcht die Haare gen Berge stunden. Der Küsterer bezahlte mich besser als[366] alle meine vorige Herren. Ich kam auch mit größerer Ehr von ihm aus dem Dienst, und er gab mir einen guten Reichstaler auf den Weg, wurde aber nach meiner Abreise bald eingezogen, denn er hat den eingegrabenen Leuten zu Nachtszeit die Ringe von den Fingern und die Kleider von dem Leibe gezogen, und diese Stücklein hat er meistens ganz allein practicieret. Ich sah ihm auch einsmals in der Nacht von dem Dachfenster, allwo ich zu schlafen pflegte, heimlich zu. Aber ich wollt doch nichts sagen, sondern trachtete auf Mittel und Weg, wie ich ohne Schaden und Nachteil davonkommen möchte.

Ich weiß nicht, wie mich das Glück so gar oft traf, daß ich wieder zu einem Jungen von Adel kam, weicher aber nicht viel zum besten hatte. Er gab mir des Jahres nur drei Gulden Lohn, und solche bezahlte er mir da vier Groschen und dort drei Kreuzer, bald wieder einen halben Patzen, bald gar einen Zweier, und solches geschah meistens, wenn er gespielt und etwan ein halben Taler oder drei Funfzehner gewonnen hatte. Meine meiste Arbeit bestund in dem, daß ich ihm alle Nacht den Buckel kratzen und die Läuse von dem Kopfe suchen müssen. Er hatte nur ein einzig Paar Schuhe, und wenn ers flicken ließ, so mußte ich ihm unterdessen die meinige leihen, dahero blieb ich hinter dem Ofen sitzen, allwo ich ihm Kugel und Bleischrot gießen mußte, mit welchem er die Hasen schoß. Denn mit dergleichen Müßiggang vertrieb er all seine Zeit, und wenn ihm sein alter Herr Vater sagte, er solle sich über ein Buch setzen und anstatt des schändlichen Waldstreichens etwas lesen, so lachte er ihn aus und sagte, daß ihm seine Flinte viel lieber wäre als zwanzig Bücher, so gut sie auch geschrieben seien. Er hat oftmals gefluchet, daß er so arm ist, und wünschte hingegen ein Kaufmannssohn zu sein, so könnte er sich perfecter in der Kleidung halten. Er nahm seinem eisgrauen Vater gar viel silberne Knöpfe von den Röcken, und vor das Geld, welches er daraus lösete, kaufte er Pulver und Blei. Unterweilen fingen wir den benachbarten Bauren die Tauben hinweg und ließen uns solche heimlich braten.

Einsmals wurde er zu einer Hochzeit geladen, und wenn ihm[367] seine Muhme, welche nicht weit davon, und zwar jenseits des Holzes, wohnte, nicht etliche Taler geliehen hätte, wäre er genötigt worden, darvon zu bleiben. Ich reisete mit ihm, und damit ich auf solcher Zusammenkunft ehrlich erscheinen möchte, mußte mir der alten Edelfrauen ihr Diener seinen Livereyrock leihen. Aber die Schuhe waren so zerrissen, daß ich mit den teutschen Sohlen auf der Erde ging. Desgleichen hängte auch mein Hut die Flügel wie eine gelähmte Gans,. und mein Hemd war wohl in sechzehn Wochen nicht gewaschen worden.

In einem solchen Aufzug gingen wir eine halbe Meil Weges zu der Hochzeit. Und weil er niemal oder gar wenig unter den Leuten gewesen, so war ich fast höflicher als er, wenn ich nur ein wenig besser aufgezogen wäre. ›Jost,‹ sagte er auf dem Weg zu mir, ›hol dich der Teufel, wie will ich mich einmal so satt und recht vollfressen! Ha, ha, ich freue mich schon darauf von Herzen! Du mußt nicht weit von mir stehen, ich will dir manch Stück Gebratens hervorgeben, das behalte mir auf den Weg, und was du essen sollst, das will ich dir auch sagen. Schiebe nur wacker Semmel in die Hosen oder wo du zukannst. Ich wollte, daß es niemand möchte gewahr werden. Ein Hundsfott bin ich, ich wollte sehen, wie ich zu einem silbernen Becher gelangen möchte. Aber wenn du so geschickt wärest, einen auf die Haube zu schlagen, wäre mirs um so viel desto lieber.‹

›Mein Herr,‹ sagte ich, ›sie dörften mich erwischen und auf die Finger klopfen. Wollt Ihr stehlen, so stehlt immerhin, alsdann hab ich aufs wenigst den Vorteil, daß ich nicht gehangen werde.‹ – ›Narrenpossen,‹ sagte er, ›was hängen? Du mußt dich vollsaufen, alsdann kannst du sagen, es sei in dem Trunk geschehen. Ein Voller wird ohnedem vor halb unschuldig geachtete.‹ – ›Nein, nein,‹ sagte ich, ›Herr, aufgesetzt, es geschicht nicht. In der Trunkenheit dörfte ich stehlen, und nüchtern hinge man mich auf. Davon hätte ich keinen andern Vorteil, als indessen den Rausch auszuschlafen. Saprament, Herr, es geht nicht an, sie dörften mich und Euch davonjagen.‹

›O du verzagte Bratwurst,‹ sagte der Junker, ›bist du so alt[368] worden und kannst nicht mausen?‹ – ›Herr,‹ sagte ich zu ihm, ›seid Ihr ein Edelmann und schämt Euch nicht, zu stehlen?‹ – ›Ah, ha!‹ antwortete er, ›das ist eine Kunst, die nicht ein jeder Tölpel, wie du bist, zu practicieren weiß. Ich will auf einen Griff so viel zu mir stecken, davon ich ein halbes Jahr genug zu schießen und manch Wildbret in die Küche werde zu bekommen haben. Du mußt dir gar nicht einbilden,‹ sagte er weiter zu mir, ›daß man einen deswegen henket, weil man gestohlen hat. Oh, das mußt du nicht glauben, sondern darum werden die Diebe gehänget, daß sie so plump sind und stehlen, daß mans merken kann. Diejenige, derer Diebstahl man nicht merkt, die werden ihr Leben lang nicht gehängt, sondern ihre Arglistigkeit und verschlagene Vorsicht macht sie von dem Galgen quitt, frei und ledig. Ah, ha! Ich habe manchen silbernen Löffel auf den Gastereien heimlich in den Schubsack gepromovieret, das mußten darnach die armen Diener und gemeine Leute, welche bei der Tafel aufgewartet, getan haben. Und ich müßte wohl ein ausgehobelter Bärnhäuter sein, daß ich auf der Hochzeit nicht so viel einsteckte, als michs kostete. Was hätte ich denn vor meine Mühe, daß ich mich vollsaufen und in dem Tanzen so erhitzen sollte. Ach, das muß man den Leuten nicht weismachen, daß man umsonst fressen und saufen, auch noch das Geschenk darzu geben soll. O Jost, mein lieber Jost, du bist noch nicht in der rechten Schul gewest. Stehlen ist keine geringe Klugheit, und gehöret viel ein größers Spintisieren und Nachsinnen darzu als zu der allervollkommensten Oration. Derowegen gib wohl Achtung. Was gilts, wir wollen über vier Tag reicher nach Haus kehren, als wir ausgegangen.‹«

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 363-369.
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