XI. Capitul.
Faustus macht mit einer Bauermagd Hochzeit. Carander hilft dem Faustus aus dem Traum.

[259] Wenn man oft meint, es sei getan,

So fängt der Tanz von vornen an.


In solchem Trauergespräche, welches fast das Allerbetrübteste in diesem ganzen Buche ist, kamen wir in das Dorf, darinnen Faustus kurz vorhero seine Bauerhochzeit begangen. Und ich bin nicht mehr des Willens, den Leser durch das folgende mit dergleichen schmerzlichen Erzählungen zu belegen, zumalen ich nicht des Vorhabens bin, seine Gedanken zu verstören. Aber ich muß es doch gestehen, daß ichs aus keiner andern Ursache mit beigetragen, als daß ich diesen Tractat auch solcher Geschichten teilhaftig machte, über welche sich auch steinerne Herzen erbarmen sollten. Hinfüro aber bin ich entschlossen, solche Abenteuren zu erzählen, welche zwar überaus angenehm zu lesen, aber doch demjenigen nicht ärgerlich fallen werden, welcher gewachsen ist, seine Affecten in dem Zaum zu halten und unter dem Guten und Bösen einen Unterscheid zu machen. Bis anhero habe ich meines Entsinnens niemand mit höhnischen Worten angestochen, dadurch ich einzigen Unwillen wider mich möchte erreget haben. Und wird zweifelsohne mir eine solche Freiheit bis zu Ende des Buches wohl zu vergönnen sein, wenn ich nur die Laster und nicht diejenige, so damit behaftet sind, anklage und sie gebührendermaßen ausfilze.

Man brachte uns in ebendas Haus, allwo Faustus mit seiner neuen Hausfrau Hochzeit gehalten. Philiman, mein alter Vater, stund ab, und wir folgeten ihm bis an die Tür, allwo Faustus ganz lächelnd stund und ihn mit einem freundlichen Kuß bewillkommte. Er hieß ihn seinen lieben Vater und schätzte sich glückselig, ihn an diesem einsamen Ort zu sehen, absonderlich aber zu einer solchen Zeit, da er in dem höchsten Vergnügen von der Welt stünde, daraus wir insgesamt abgenommen, daß er mit seiner neuen Bauerehe viel vergnügter war, als man wohl geglaubt hätte.

Er führte meinen Vater mit sich in eine warme Stube, allwo ihn die Braut mit sehr höflichen Gebärden empfangen und[260] uns mit ihren ungemeinen Sitten keine geringe Verwunderung verursachet. Der Vater satzte sich zu ihm an den Tisch, und nachdem er den Faustus wegen der Ursach zu solcher Heirat gefraget, antwortete er ihm folgendergestalt: »Mein Herr, wer den Hof liebet, der hasset sich selbst, denn ebendiejenige, welche ihn emporzuheben versprechen, die drücken ihn zum tiefsten darnieder. Aus diesem Grund habe ich geforchten, mich an solchem Ort aufzuhalten, wo das Glück am schlüpfrigsten ist. Es ist Ihm bekannt, daß ich meine meiste Jugend in der Fremde zugebracht und daß mich so manches Unglück angestoßen, als manches Frauenzimmer ich geliebet habe. Ich glaube schwerlich, daß ein Mensch an solche unglückliche Fessel angeschlossen gewesen als eben ich. Aber eben darum war ich billig ein Tor zu nennen, weil ich geglaubet, keiner könne glückselig sein als derjenige, so liebet.

Caspia, welche nunmehr Eurem Sohn an der Seite lieget, war unter allen die einzige, um derentwillen ich mein Herz aus dem Leibe verbannet. Aber ich sah, daß der Schluß von oben ein anders über mir beschlossen, welchem ich nicht entgegengehen können. Ich bin aus keinem Groll oder Neid aus dem Schlosse des Ludwigs geschieden, sondern die geschwinde Bestürzung über die unverhoffte Veränderung hat mich dazumal aller Höflichkeit beraubet. Ich entschloß mich, ehe noch zwei Tage ins Land gingen, ein Mägdlein zu ehelichen, welches mir am besten anstehen würde; und nachdem ich solchen Entschluß Monsieur Carandern eröffnet, begab ich mich hier in dieses Dorf, weil es sein absonderlicher Rat erforderte, und schlief vor meiner Resolution ein wenig aus, daß ich sagen konnte, die Sache beschlafen und wohl beschlossen zu haben. Nachdem ich erwachte, kam mir zu Gesichte mein nunmehr verehlichtes Weib, und solche lieget mir nicht unbillig an der Seite, weil ich sie voll Ehr und Redlichkeit befunden.

Sie ist arm und darzu eine Bauernmagd, aber was ist es mehr? Sie gibt mir so wohl und gute Vergnügung als eine meines Standes, und sie erzeigt sich gegen mir um so viel desto diensthafter, je höher sie mein Geschlecht vor dem ihrigen[261] urteilet. Ich gestehe die runde Wahrheit, daß ich sie je mehr und mehr liebe und zweifele, ob ich die Caspiam mit solchem Bestande lieben können, weil ich tausendfältig zu eifern genugsame Ursache gehabt hätte. Ich vergönne sie dem Zendorio von Herzen und wollte wünschen, daß er ihr gleichwie ich der meinigen mit ewiger Liebe und Wohlgewogenheit zugetan wäre, so ist nicht zu zweifeln, daß er seine Zeit in höchstem Vergnügen zubringen würde. Bauerntöchter sind auch keine Hunde, und ich schätze weder Schönheit, Adel noch Reichtum, wo keine Vergnügung zu finden.

Ich habe nunmehr das Hofwesen auf die Seite gesetzet und will mich setzen auf ein einsames Gut, daselbsten meinem eigenen Belieben und keinen fremden Reguln nachzugehen. Ich habe Geld genug, einen Bettler zu bereichern, so werde ichs ja auch meiner Bauermagd tun können. Und vielleicht ist mein Segen mit ihr um so viel desto größer, je gewisser es ist, daß ich sie nicht aus bloßer Begierde geheiratet, sondern dardurch der ganzen Welt zeigen wollen, daß ich auf keinen Betrug gefreiet habe. Die Hofleute mögen darzu sagen, was ihnen beliebt, so weiß ich doch, daß es keinem unter allen so wohl gehet als mir, weil keiner unter allen solche Vergnügung genießet als eben ich.

Man hat meine Heirat der ganzen Welt vor unbedachtsam vorgestellet. Aber es taten es nur solche Leute, welche gewußt haben, daß die Narren alles glauben, was sie hören. Es hat wohl eher ein Edelmann eine Fürstin geheiratet. Warum soll denn der Adel die Freiheit nicht haben, zurückzugehen und eine Bauersmagd zu freien? Da Adam pflügt' und Eva spann, wer war damals ein Edelmann? Sie sind, wie man gar klar kann lesen, gar keine Edelleute gewesen. Ich weiß wohl höhere und größere Hansen, als ich bin, die sich doch wohl mit einer niedrigen Standesperson verbunden haben. Man sagt: gleich und gleich gesellt sich gern. Geht das in dem äußerlichen Wandel an, vielmehr wird solches der innerlichen Affection und Gemütsneigung betreffend zugelassen sein.

Manchem geschieht ein größrer Dienst mit einem Stück Brot als mit einem Saphirstein. Mir gefällt meine Bauersmagd[262] besser als eine kaiserliche Princessin von Trapezunt oder die Oriana, mit welcher der Amadis zu Prandiflor gebuhlet. Ha, ich bin kein solcher Weichling, und man glaube nur nicht, daß es mich reuen werde, so sehr auch andere darüber klagen und seufzen, denn es kann nun nicht mehr anders sein. Kreuz hinter mich oder Kreuz vor mich, kommt der Teufel, so bescheußt er sich, darzu bin ich viel zu raisonnabel. Es hat keine Reue bei mir statt ohne derjenigen, so wegen meiner Missetaten entspringet, ja, ich müßte deswegen wohl ein ausgemachter Narr sein, und nichts erfreuet mich mehr, als daß sich andere viel mehr um mich und meinen Wohlstand bekümmern, als ich selbsten zu tun pflege. Und ob ich auch gleich schlimm gehandelt hätte, so geht mich doch die Sach nur allein an. Aber weil ich nicht traurig sein kann, noch mich deswegen zu betrüben weiß, wie ichs denn keine Ursach habe, so sehen es etliche nicht gerne. Aber wenn ich an den Bettelstock geriete, da würden sie die Mäuler vor Gelächter aufreißen, daß man ein ledern Paar Hosen darinnen waschen könnte. Aber ich lasse die Narren immer lachen, was sie wollen, weil ich ihnen die Freiheit nicht zu nehmen noch über dasjenige zu zürnen verlange, durch welches Mittel ich selbsten ihr Gelächter zu überwinden vermag.

Ich gestehe es, daß eine Dam in dem Lande, die ich tausendmal lieber als die Caspiam geheiratet hätte. Sie ist eben Caranders einzige Tochter und heißet Celinda. Dieser Celinda bin ich wohl öfter als der Caspia zu Ehren und Gefallen gereiset, aber ich bekam sie nicht allein niemals zu sprechen, sondern sogar kaum zu sehen. Ihr bekannter Ruhm kann Euch, mein werter Philiman, nicht verborgen sein, und dahero gestehe ichs gar gerne, daß, wenn ich auf dieselbe gedenke, sich mein Herz ein ziemliches bewege, weil ich mich durch meine geschlossene Ehe ausgeschlossen habe, dasjenige ferner zu suchen, was mir ohne Unterlaß in dem Herzen gelegen. Aber bildet Euch nicht ein, daß ich Euch dadurch einzige Reue andeuten, sondern nur zu verstehen geben wollen, wie und auf was Maßen ich verliebt gewesen.«

Faustus hätte noch weitergeredet, wenn nicht unversehens[263] vor dem Hause ein Schuß geschehen, dardurch er veranlasset worden, zu dem Fenster auszusehen. »Bonus dies, Herr Bruder«, rufte einer draußen, und Faustus wendete sich zurück, vermeldend, daß es Carander wäre, dessen er zuvor Erwähnung getan. Sie empfingen ihn mit großer Höflichkeit, und Carander beschmerzte es mit hohen und teuren Worten, daß er nicht bei der Hochzeit sein können, welches er doch ohne Unterlaß gewünschet hätte. Er war meinem Vater Philiman schon vor langem bekannt, derohalben satzte er sich zu ihnen an den Tisch und fragte den Faustus, ob es ihn nicht gereuet, daß er in einer so hochwichtigen Sache so schnell verfahren und sich so geschwinde resolviert hätte.

»Ich sehe wohl,« antwortete Faustus, »daß die Welt viel anders von meiner Ehe judicieret, als es in dem Werk selbsten ist. Mein Herr Carander lasse sich vom Herrn Philiman meine Meinung eröffnen, so wird Er sehen, daß ich niemalen als eben anitzo in einer vollkommenen Vergnügung lebe, und obschon auf der Welt nichts kann vollkommen genennet werden, so wünsch ich doch, daß Ihr die Zufriedenheit meiner selbst ersehen könntet. Daraus würdet Ihr ohne Zweifel schließen, daß ich in diesem Entschluß so beständig bin, daß, wenn ich noch nicht geheiratet, so wollte ich es diesen Augenblick tun, auf daß man sehen möchte, daß ich von aller Unbesonnenheit entfernet gewesen.«

»Monsieur,« antwortete Carander, »Euer vollzogene Ehe hat viel ein anders Aussehen, als Ihr Euch einbildet. Drum höret mir zu. Dann werdet Ihr gestehen, daß ich meinem Ratgeben nicht aus der Grenze gewichen, in welcher sich die wahre Freundschaft enthalten soll. Ihr seid in mein Schloß gekommen voller Sorgen und Grillen, die Euch nach Eurer eigenen Bekenntnis tausendfältig gequälet haben. Ich sah wohl, um was es Euch zu tun war, denn es ist nicht zu leugnen, daß Ihr meine Tochter Celindam gesuchet, welcher Ihr öfters und unzähligmal aufgewartet. Ich glaubte selbst, es sei nur Euer Scherz, Euch an eine Bauermagd zu verehlichen. Als ich aber den Ernst gesehen, kleidete ich meine Tochter heimlich in ein Bauerhabit und schickte sie eben allhier in dieses Haus, gab Euch auch hernachmals beflissene Anschläge,[264] Euch hierher zu verfügen, und also hab ich Bericht empfangen, daß Ihr Euch meiner Tochter, in Meinung, eine Bauermagd zu heiraten, beigelegt und dieselbe nunmehr zum Weibe habt.«

Kaum als er dieses ausgeredet, kam die verkleidete Celinda in die Stube und empfing ihren Herrn Vater, und ich muß es selbst gestehen, daß mir all mein Lebtag nichts so abenteuerlich als eben diese schnelle und unverhoffte Veränderung vorgekommen. Ludwig selbst hätte sich nimmermehr eingebildet, daß Faustus die Celinda auf eine solche Art bekommen sollte, und Faustus wußte nunmehr nicht, wie er sich gebärden sollte.

»Sehet,« sagte Carander, »daß ich Eure Qualitäten allzeit hochgeschätzet und mit Eurer großen Liebe Mitleiden getragen habe. Celinda, kleide dich an mit den Kleidern, so ich mit mir gebracht, und Ihr, liebwertester Herr Schwiegersohn, lebet mit ihr nicht als einer Bäurin, sondern als einer von Adel, aus dem alten Hause Breitenberg entsprossen. Zehntausend Ducaten habt ihr zur Aussteuer.«

Faustus erzeigte hierauf noch eine so große Fröhlichkeit. Er verwunderte sieh bei sich selbsten und umfing den Carander mit einem freundlichen Kuß, welcher ihm durch diese Gelegenheit eine solche Freundschaft erwiesen, die ihresgleichen kaum würde auf der Welt zu finden haben. Bei solcher wachsender Freude konnten wir uns beide auch länger nicht verborgen halten, gaben uns derohalben zu erkennen, darob sich Faustus recht erstaunend verwunderte. Nichts war mehr zu wünschen, als daß die übrige Compagnie zugegen sein konnte. Alsdann sollt' es in diesem Bauerhause eben eine so große Fröhlichkeit als auf dem Schlosse abgegeben haben.

Celinda erfreuete sich von Herzen unserer Gegenwart, und wir machten uns denselben ganzen Tag recht erwünscht lustig, indem ein Teil dem andern erzählet, was sich beiderseits sowohl auf unserm Schlosse als auch auf der vermeinten Bauerhochzeit zugetragen hatte. Und war Faustus in diesem Stück viel glückseliger als ich, weil ihn die Hochzeit solchergestalten nicht den halben Viertelsteil gekostet, als hoch[265] sich meine Unkosten belaufen haben. Denn reichen Leuten wird alles doppelt angeschrieben, und bei solchen Gelegenheiten siehet jeder auf seinen Vorteil.

Quelle:
Johann Beer: Die teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Täge. Frankfurt a. M. 1963, S. 259-266.
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